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Buchbesprechung: Tobias Elsäßer „One“

elsaesser_oneLesealter 13+(Fischer/Sauerländer-Verlag 2013, 389 Seiten)

Das Schrittempo der Veröffentlichungen von Tobias Elsäßer hat sich in den letzten Jahren erhöht. Es ist noch nicht so lange her, da habe ich erst „Wie ich einmal fast berühmt wurde“ besprochen. Was das zu bedeuten hat? Dass Tobias Elsäßer nur noch auf die Schriftstellerei setzt? Aber hoffentlich ohne Qualitätsverlust, mag man da hoffen … Mit „One“ hat Tobias Elsäßer sich jedenfalls einmal an etwas ganz anderes gewagt, als man bisher von ihm gewöhnt ist: einen Zukunftsroman mit Thrillerelementen.

Inhalt:

Samuel hat genug davon, in Hongkong bei seinem Vater, der als genialer Mathematiker Firmen berät und es zu viel Geld gebracht hat, zu leben. Auch wenn sein Vater dagegegen ist: Samuel will alles hinter sich lassen und zunächst nach Deutschland aufbrechen, um dann weiter nach London, wo seine Mutter lebt, zu reisen. Später will er irgendwann ein Wirtschaftsstudium beginnen – etwas, wofür sein Vater auch kein Verständnis hat.

Doch als er in Frankfurt ankommt, ist alles ganz anders, als er es von früher kennt: Das geordnete und ruhige Leben dort ist vorbei. Überall finden Demonstrationen statt, was unter anderem dazu führt, dass das öffentliche Leben fast zum Stillstand gekommen ist. Um die wenigen Taxis vor dem Flughafen streiten sich die Leute unerbittlich, und das Mobilfunknetz bricht ständig zusammen. Nur durch Glück kommt Samuel vom Flughafen fort, doch leider versetzt ihn die junge Frau, bei der er über das Internet ein Zimmer gebucht hatte.

Ohne dass Samuel so recht weiß, wie ihm geschieht, wird er Zeuge eines Mordes: Als er bei einem früheren Freund seines Vaters unterkommen will und ihn in dessen Wohnung aufsucht, liegt dieser ermordet auf dem Boden. Samuel will die Polizei rufen, doch diese hat wegen der Demonstrationen anderes zu tun. So macht er sich ohne konkretes Ziel weiter auf den Weg, um ein Quartier zu suchen, der Polizei, die ihn sicher als Zeugen sucht, will er sich später stellen.

Kurz darauf trifft er eine junge Frau, die er bereits am Bahnhof gesehen hat, zufällig wieder, und sie ist bereit, ihm zu helfen. Ohne dass er ahnt, worauf der sich einlässt, folgt er Fabienne, der Frau, und Samuel wird dadurch in etwas Größeres hineingezogen: Fabienne ist Mitglied eines großen Netzwerkes, das einen Umsturz des völlig außer Kontrolle geratenen Staats- und Wirtschaftssystems plant. Hierbei soll den Mitgliedern des Netzwerkes ein Computerspiel namens „One“ helfen.

Bewertung:

So ganz von Beginn an hat mich „One“ nicht begeistert, ich fand den Einstieg in die Geschichte eher etwas träge und langatmig, wenn man mal davon absieht, dass man gleich auf den ersten Seiten einem Auftragskiller begegnet. Doch danach ist erst mal etwas Funkstille im Roman. Samuels Leben und Unzufriedenheit sowie sein Aufbruch aus Hongkong nach Deutschland werden beschrieben. Erst als Samuel schließlich in Deutschland den Freund seines Vaters aufsucht und dort in der Wohnung auf eine Leiche stößt, findet das Buch eine andere Gangart. So richtig spannend wird es allerdings erst nach der Hälfte von „One“ – da wollte ich dann auch nicht mehr mit dem Lesen aufhören.

Dass Tobias Elsäßer in dem Buch aktuelle Themen aufgreift und damit gesellschaftspolitisch Stellung bezieht, kann man sich vorstellen. Es geht darum, dass die Schere zwischen Arm und Reich in der im Buch beschriebenen Zukunft immer weiter aufgegangen ist. Die Reichen werden in dem Buch als Personen beschrieben, die nicht mit lauteren Mitteln an ihr Geld gekommen sind. Dem gegenüber steht – vertreten durch Fabienne – die neue Occupy-Bewegung, die den großen Umsturz vorbereitet und dabei erst mal das ganze Land ins Chaos stürzt.

Samuel gehört zu den von vielen als Terroristen angesehenen Revolutionären eigentlich nicht dazu, denn er kommt aus gutem Elternhaus und hat von Politik keine Ahnung. Von den Ideen der Bewegung fühlt er sich auch eher abgestoßen als fasziniert. Genauso geht es ihm mit Fabienne – und gleichzeitig ist fast von Anfang an klar, dass die beiden sich näher kommen werden. Etwas durchsichtig ist die Geschichte hier. Glücklicherweise gilt das aber zumindest nicht für die sonstige Story, die ein paar Überraschungen bereit hält. Dennoch kam es mir beim Lesen immer wieder so vor, als hätte ich ähnliche Bücher schon gelesen. Denken musste ich vor allem an Karl Olsbergs „Das System“ – wobei es durchaus auch andere vergleichbare Bücher gibt.

Was mir an „One“ gefallen hat, war die Spannung in der Geschichte, die sich zumindest ab der zweiten Hälfte aufgebaut hat. Damit erfüllt das Buch zumindest schon mal eine wichtige Anforderung an gute Unterhaltung. Allerdings muss ich auch gestehen, dass ich nicht so ganz verstanden habe, was „One“ eigentlich für ein Computerspiel ist. Hier bleibt das Buch nebulös und vage.

Und darüber hinaus? Wenn man den Text etwas genauer unter die Lupe nimmt, so offenbaren sich doch kleinere Schwächen. Mich hat vor allem gestört, dass die Figuren alles in allem eher konturlos gezeichnet sind. Samuel und Fabienne nehmen eindeutig den größten Raum in den Buch ein, aber so richtig präsent werden sie einem als Leser nicht. Tobias Elsäßer mag die Figuren äußerlich gut beschreiben, aber in ihr Innerstes darf mal leider nur sehr oberflächlich gucken. Was wirklich in ihnen vorgeht, was sie fühlen und empfinden, welche Risse in ihrem Leben sie geprägt haben – hier bleibt das Buch einiges schuldig. Aber genau das ist es, was ein spannendes Buch zu einem guten Buch macht.

Fazit:

3-einhalb von 5 Punkten. Es gibt bessere Bücher von Tobias Elsäßer. „One“ ist der Versuch, heutige gesllschaftliche Entwicklungen in einen Science-Fiction-Roman für Jugendliche zu bringen und sie dort auf die Spitze zu treiben. Was durchaus nach einem sympathischen und packenden Vorhaben klingt, ist aber nicht in allem gelungen, denn das Buch ist in vielem zu plakativ. Wirklich in die Tiefe geht es bei den politischen Hintergründen nicht.

„One“ bietet durchaus gute Unterhaltung, weil das Buch im zweiten Teil spannend wird, und das dürfte es durchaus für einige Lesemuffel zur geeigneten Lektüre machen. Aber was mich an dem Buch stört, ist, dass es unterm Strich in vielem oberflächlich bleibt. Damit meine ich nicht nur die wenig fundiert dargestellten politischen Hintergründe im Buch, sondern vor allem auch die Figurenzeichnung. Samuel und Fabienne bleiben Figuren, wie man sie aus zig ähnlichen Büchern kennt, was ihnen fehlt, sind Tiefe und eine gewissen Originalität. Schade. Mir ist „One“ zu sehr auf ein bestimmtes Publikum hin geschrieben. Der Jugendroman bietet Unterhaltung, aber leider nicht viel mehr …

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(Ulf Cronenberg, 29.09.2013)

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Kommentare (0)

  1. Tobias Elsäßer

    Lieber Ulf Cronenberg,
    nun sollte man ja als Autor nie eine Rezension bewerten, beziehungsweise mit dem Rezensenten Kontakt aufnehmen, wenn es um das eigene Buch geht. Eine ungeschriebene Regel, die ich gerne breche. Ist ja für einen guten Zweck. Nämlich für mein Seelenheil. Dennoch lasse ich die eigentliche Rezension zu meinem Roman außen vor und beziehe mich nur auf Ihren launigen Einstieg. Den finde ich so doof und überflüssig, dass mir keine andere Wahl bleibt als Stellung zu beziehen. Inhaltlich so wie stilistisch würde ich da spontan 0 Punkte an Sie vergeben. Zitat: „aber hoffentlich ohne Qualitätsverlust, mag man da hoffen.“ Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Sie kritisieren die Anzahl meiner Veröffentlichungen und schicken gleich vorweg, das so etwas natürlich nicht ohne Qualitätsverlust gehen kann. Dasselbe würde ich gerne zurückgeben. Schaut man sich der Anzahl der Rezensionen an, die Sie (im Hauptberuf Lehrer) seit Beginn geschrieben haben, möchte man meinen,dass Sie kaum noch schlafen oder mittlerweile von dieser Domain leben können. Oder sind da etwa Ghost-Reader am Werk? Oder Ist es zu anstrengend für einen Hobby-Rezensenten, mit der Zahl der Veröffentlichungen Schritt zu halten? Ich weiß es nicht und eigentlich wollte ich mir darüber auch nie Gedanken machen. Weil Rezensenten eben Rezensenten sind und Autoren Autoren. Wobei die Autoren ja bekanntermaßen ohne ihr Gegenstück existieren können, was umgekehrt schlecht möglich ist. Nun gut. Jedenfalls würde ich mich freuen, wenn Sie sich bei Ihrer Beurteilung in Zukunft auf meine Bücher und die Geschichten darin beschränken würden.
    Herzlichst Tobias Elsäßer

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    1. Ulf Cronenberg

      Lieber Tobias Elsäßer,
      warum so zynisch? Zugegeben: Der Einstieg in die Buchbesprechung ist einfallslos, die Bemerkung mit dem Qualitätsverlust nicht gerade toll, vielleicht sogar idiotisch. Aber der Rest der Besprechung spiegelt meine Meinung über „One“ wider, und da hab ich mir einige Gedanken gemacht.
      Ansonsten: keine Ghost-Reader (und -Schreiber), kein Schlafmangel wegen Buchbesprechungen und auch kein Geldsegen deswegen Rezensionen (ich gehe mal davon aus, dass Sie bei einer Lesung deutlich mehr verdienen als ich mit Buchbesprechungen über ein Jahr hinweg – das tendiert gegen Null).
      Viele Grüße, Ulf Cronenberg

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  2. HQ

    Die einzige richtige Rezension zu „One“, und dann muss man gleich einen Kommentar vom gekränkten Autor lesen …
    Ich fand die Rezension informativ und absolut sachlich. Sich wegen des harmlosen Einstiegs
    aufzulegen … ich weiß ja nicht. Habe das Buch im Vorbeigehen gekauft und werde es wohl zurückgeben, um 17 Euro in ein Buch investieren, das mehr verspricht.

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  3. Anonymous

    Ich fand das Buch gut, denn mich interessiert ja Technik usw.

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