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Kurzrezension: Helon Habila „Öl auf Wasser“

habila_wasserLesealter 16+(Wunderhorn-Verlag 2012, 214 Seiten)

Über dieses Buch muss man etwas schreiben – auch wenn es sich dabei nun wirklich nicht um einen Jugendroman handelt … Seit einem knappen Jahr, als ich bei einem Kongress über Afrikabilder in der Kinder- und Jugendliteratur auf dem Diskussionspodium saß, bin ich ein wenig mit dem Afrika-Literatur-Virus infiziert. Aber überzeugende Jugendliteratur über Afrika, gibt es eher selten – vor allem, wenn man dabei Autoren, die selbst aus Afrika kommen, lesen möchte. Zu viele Klischees, zu viel Einzelschicksale, die auf die Tränendrüsen drücken, zu viele Happy Ends … – gerade, wenn Europäer über das Leben auf dem Schwarzen Kontinent schreiben. Deswegen schaue ich mich hier manchmal auch im Erwachsenenbereich um, und Helon Habilas „Öl auf Wasser“ ist eines der Bücher, die mir besonders aufgefallen sind.

Rufus hat erst vor kurzem die Journalistenschule abgeschlossen und ist nun in Port Hancourt junger Journalist beim „Reporter“, einer nigerianischen Zeitung. Doch so richtig aufwärts geht es bisher nicht. Sein Chefredakteur hält nicht allzu viel von ihm und hat ihn inzwischen in die Fotografenredaktion abgeschoben. Doch dann wittert Rufus seine Chance: Es werden Journalisten gesucht, die über die Entführung einer weißen Frau durch die Rebellen berichten und sie suchen. Da vor kurzem erst zwei Journalisten bei einem ähnlichen Auftrag ums Leben gekommen sind, meldet sich niemand. Rufus hat auf eine solche Gelegenheit gewartet – er will den Auftrag aber auch annehmen, weil er erfährt, dass Zaq, ein Starreporter in Nigeria, den er während des Studiums kennen gelernt hat, mit von der Partie ist.

Mit Zaq soll er die Frau eines britischen Ölingenieurs aufspüren, um ihre Unversehrtheit zu bestätigen; dies ist notwendig, damit die Ölgesellschaft das Lösegeld zahlt. Aus den geplanten zwei Tagen wird eine viel längere und beschwerlichere Suche, die so niemand erwartet hätte: Rufus und Zaq werden von Soldaten gefangengenommen, müssen mehrmals fliehen, stecken tagelang auf einer Insel fest und kommen nicht so recht voran. Vor allem finden sie die entführte weiße Frau nicht. Schon bald ist Rufus außerdem klar, dass aus dem großen Starreporter Zaq inzwischen ein alkoholsüchtiges menschliches Wrack geworden ist.

„Öl auf Wasser“ – im Original 2010 erschienen (Übersetzung: Thomas Brückner) – ist ein besonderes Buch, das muss ich gleich zu Anfang noch einmal betonen. Da halten einen die Krimielemente (Rufus und Zaq suchen nach der entführten Frau) am Lesen, doch zugleich bietet das Buch eben auch eine Bestandsaufnahme von Nigeria und seinen aktuellen Problemen – und da wird nichts beschönigt. Man könnte es fast schon für klischeehaft halten, dass die bekannten Problemthemen alle benannt und angesprochen werden: Prostitution, Korruption, Willkür durch das Militär, Umweltprobleme, die Zerstörung der bisherigen Lebensgrundlagen durch die Ölförderung … Aber der Fehler unterläuft „Öl auf Wasser“ eben nicht. Helon Habila hat keine Problemgeschichte geschrieben, sondern er lockt den Leser mit einem krimiähnlichen Plot und behandelt alles andere mit einer gewissen Beiläufigkeit, die einen wohl mehr schockiert als ein ausgewiesenes Problembuch.

Ja, Nigeria ist ein Land außer Rand und Band. Die großen Ölfunde haben das Land nicht emanzipiert, sondern ausländische Ölgesellschaften schöpfen Massen an Geld ab, haben das Land zugleich aber in eine nie gekannte Großkrise gestürzt. Das alles erfährt man in „Öl auf Wasser“ wohl persönlicher, sympathischer und schockierender als in Zeitungsartikeln oder Fach- und Schulbüchern.

Damit bietet „Öl auf Wasser“ genau das, was ich bei so vielen Jugendbüchern über Afrika vermisse: eine Bestandsaufnahme des modernen Lebens in Afrika ohne Beschönigung, die nicht Mitleid erregen will. Helon Habila hat ein politisches Buch geschrieben, ohne dem Leser etwas aufdrängen zu wollen. Die Schlüsse muss man selbst ziehen – vermittelt bekommt man nur, wie prekär die Situation ist.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Mal jenseits aller politischen Gedanken zu „Öl auf Wasser“ – der Nigerianer Helon Habila hat ein spannendes und literarisch gekonntes Buch zugleich geschrieben, das man nach den einführenden 50 Seiten nicht mehr aus der Hand legen will. Und man merkt: Da schreibt einer, der Nigeria und seine Probleme kennt, der beschreibt, statt Bestimmtes beim Leser bewirken zu wollen.

Mich hat „Öl auf Wasser“ beeindruckt – es ist ein tolles Buch. Und auch wenn es kein Jugendbuch ist: Wer sich in der Oberstufe des Gymnasiums z. B. im Fach Geografie mit den Erdölfunden in Nigeria und deren Auswirkungen auf das Land beschäftigt, der sollte, will er/sie mehr darüber erfahren, Helon Habilas Buch lesen. Ab 16 Jahren aufwärts kann man „Öl auf Wasser“ durchaus empfehlen. Für jüngere Leser ist das Buch allerdings nicht geeignet – dafür ist es literarisch zu ambitioniert geschrieben, und das, was hier erzählt wird, ist immer wieder auch nicht einfach zu verdauen und zu verkraften.

Helon Habila hat übrigens vor „Öl auf Wasser“ zwei weitere Romane über Nigeria geschrieben, die mehrfach ausgezeichnet wurden. Leider sind sie bisher nicht ins Deutsche übersetzt worden. Schade, ich würde sie lesen …

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(Ulf Cronenberg, 12.06.2011)

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