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Buchbesprechung: Alina Bronsky „Spiegelkind“

bronsky_spiegelkindLesealter 12+(Arena-Verlag 2012, 301 Seiten)

Zugegeben, „Spiegelkind“ ist kein aktuelles Buch mehr und liegt hier auch schon fast eineinhalb Jahre in meinem Bücherregal – der Grund dafür ist, dass ich es mit dem Fantasy-Genre (und da gehört Alina Bronskys Buch wohl doch dazu) in den letzten Jahren nicht mehr so habe … Doch als mir neulich jemand sagte, dass Alina Bronskys „Spiegelriss“ (der Folgeband von „Spiegelkind“) ein wirklich tolles Buch sei, hab ich mir vorgenommen, doch erst mal Band 1 zu lesen. Und das habe ich nun getan.

Inhalt:

Juli ist 15 Jahre alt und wächst zusammen mit ihren beiden Zwillingsgeschwistern Kassie und Jaro in einer etwas eigenwilligen Familienkonstellation – ihre Eltern haben sich vor einigen Monaten getrennt und kümmern sich abwechselnd um ihre Kinder – auf. Als Juli eines Tages vom Lyzeum, der angesagten, teuren und renommierten Schule, auf die sie geht, nach Hause kommt, ist alles in Unordnung. Es sieht aus, als hätte jemand das Haus auf den Kopf gestellt, und außerdem ist ihre Mutter nicht da. Die Polizei spricht von Einbrechern, die das Chaos angerichtet haben sollen, doch Juli glaubt, dass ihre Mutter verschwunden ist oder entführt wurde. Denn es sieht ihrer Mutter gar nicht ähnlich, dass sie in der Woche, in der sie für die Kinder zuständig ist, nicht da ist.

Julis Vater versucht seine Tochter zu beschwichtigen und ihr die Sorgen zu nehmen – doch es gelingt ihm nicht so richtig. Juli fragt sich weiterhin, wo ihre Mutter ist. Kurz darauf taucht Oma Ingrid auf, um sich um die Kinder zu kümmern – Juli ist deswegen zusätzlich beunruhigt.

In der Schule passiert außerdem Seltsames: Eine neue Schülerin kommt in Julis Klasse, und Ksü, wie sie sich nennt, ist anders als alle anderen: Sie hat ein großes Tattoo (eine Schlange) an ihrem Hals und sieht auch sonst ungewöhnlich aus. Juli wundert sich, dass das Lyzeum, das so sehr auf seinen Ruf bedacht ist, Ksü auf die Schule gelassen hat … Zunächst begegnet Juli Ksü gegenüber reserviert und eher abweisend. Doch bald ist Ksü die einzige Person, der sich Juli anvertrauen kann und die ihr dabei hilft, nach ihrer Mutter zu suchen.

Bewertung:

Mir war natürlich klar, dass Alina Bronskys erster Jugendroman ein Buch mit Fantasy-Elementen ist. Doch am Anfang war ich fast etwas irritiert, weil die Geschichte auf den ersten Seiten als Gegenwartsgeschichte durchgehen könnte. Da tritt Juli auf, die von der Schule nach Hause kommt, angesichts des heillosen Durcheinanders im Haus verwirrt ist, sich aber vor allem Sorgen macht, weil ihre Mutter nicht da ist. Nach und nach passieren in dem Buch jedoch seltsame Dinge – manchmal sind es nur einzelne Wörter (wie z. B. „Quadrum“, eine Art besonderes Gemälde), die man nicht kennt und die einen darauf aufmerksam machen, dass die Geschichte nicht in der Gegenwart spielt. Und dann taucht auf Seite 16 das erste Mal das Wort „Phee“ auf, ohne dass man sich schon so richtig einen Reim darauf machen kann …

Spätestens ab diesem Moment ist klar, dass das hier kein Gegenwarts-, sondern ein Fantasyroman ist. Und nach und nach wird auch die geheimnisvolle und unverständliche Welt, in der das Buch spielt, vor dem Leser ausgebreitet. Die Gesellschaft wird von den Normalen beherrscht – der Name spricht für sich: niemand will hier aus der Rolle fallen –, außerdem gibt es noch die Freaks, seltsam gekleidete Außenseiter am Rande der Gesellschaft, und schließlich die „Pheen“. Mehr sei hier aber nicht verraten … Dass Juli den richtigen Riecher hat und sofort versteht, dass ihre Mutter verschwunden ist, während ihr Vater und die Großeltern das leugnen, liegt auf der Hand.

„Spiegelkind“ ist kein normaler Fantasy-Roman mit Elfen, Drachen oder sonstigen Fabelwesen, wie man ihn sonst kennt – und das gefällt mir grundsätzlich schon mal. Alina Bronsky hat ein Buch geschrieben, das aus der Reihe tanzt … Man merkt außerdem, dass Alina Bronsky schreiben kann, um es mal etwas platt zu sagen. Sie ist eine gute Erzählerin, die mich vom Stil her immer wieder ein wenig an Isabel Abedi erinnert hat: Alles ist sehr flüssig erzählt, sparsam in Bildern, Gefühle werden aber dennoch gut ausgelotet.

Die einzige kleine Schwäche des Buchs ist das, was mich am Anfang besonders begeistert hat: Was zu Beginn etwas Besonderes ist, die Langsamkeit der Geschichte, ihr behutsamer Einstieg, bei dem man erst nach und nach in die Welt des Buchs eingeführt wird, wird später manchmal etwas übertrieben; und das führt dazu, dass man am Ende von den unerwarteten Wendungen fast überrollt wird, vorher die Geschichte aber auch manchmal etwas träge ist.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Nach zwei Erwachsenenromanen – wobei „Scherbenpark“ in der Sparte Jugendbuch für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2009 nominiert war – hat sich Alina Bronsky dem Jugendbuch zugewandt, und was dabei herausgekommen ist, ist eine im besten Sinne eigensinnige Mischung aus Fantasy- und Entwicklungsroman. Klar, es gibt viele Motive, die man aus anderen Büchern kennt – dennoch: Die Mischung sticht aus dem heutigen Einheitsbrei der Fantasy-Romane heraus und geht eher in Richtung Michael Ende als in Richtung von Elfen, Drachen und Kriegern.

Juli ist zudem eine interessante Hauptfigur, an die man sich erst etwas gewöhnen muss, deren Verstörung – fast alles, was sie geglaubt hat, wird im Laufe des Buchs umgeworfen – gut beim Leser ankommt. „Spiegelkind“ ist alles in allem ein Buch, das langsam in Fahrt kommt, das sich Zeit lässt, die Geschichte zu entwickeln – das mag den ein oder anderen stören –, aber da die Geschichte nicht abgeschlossen ist und eine Fortsetzung findet, erscheint das durchaus logisch.

Manchmal lohnt es sich, ein Buch erst mal liegen zu lassen, denn im Gegensatz zu allen „early adopters“ kann ich jetzt dann gleich Band 2 „Spiegelriss“ lesen …

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(Ulf Cronenberg, 24.05.2013)

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