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Buchbesprechung: Daniel Höra „Braune Erde“

hoera_erdeLesealter 14+(Bloomsbury-Verlag 2012, 300 Seiten)

Es gab schon Zeiten, da war in den Zeitungen mehr über Rechtsradikale und nationalsozialistische Tendenzen in Deutschland zu lesen … Man kann nur froh sein, dass die Probleme mit rechtsradikalen Jugendlichen und Erwachsenen wohl weniger geworden sind, auch wenn man sich nicht der Täuschung hingeben sollte, dass das alles aus der Welt ist. Da kommt es vielleicht recht, wenn ein junger Autor wie Daniel Höra in einem Buch für Jugendliche beschreibt, wie Rechtsradikale andere Menschen auf ihre Seite ziehen.

Inhalt:

Bens Eltern sind schon vor einiger Zeit bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und der Junge lebt bei Tante und Onkel (sowie deren Kindern) in einem kleinen Dorf in Mecklenburg, ohne dass er mit diesen so richtig zurechtkommt. Tante Jeske mäkelt ständig an Ben herum, und Onkel Rolf ist auch nicht viel besser. Immerhin hat er in Georg, einem schon etwas älteren Künstler, der ein Außenseiter in dem Dorf ist, einen Freund, der ihn mit Lesestoff versorgt und mit dem Ben auch reden kann.

Dann ziehen eines Tages Fremde in das alte Gutshaus ein – die Dorfbewohner sind empört und fühlen sich von den Neuankömmlingen gestört. Tante Jeske schickt Ben – wohl eher, um ihn eins auszuwischen, als aus Hilfsbereitschaft – ins Gutshaus, wo Ben sofort mit einbezogen wird. Er soll mithelfen, das Gutshaus, das schon länger leer steht, mit herzurichten. Die neuen Bewohner von Bütenow stellen sich sogleich als Reinhold und Ute vor, die eine Tochter namens Freya haben, außerdem noch Hartmut mit dessen beiden Söhnen Konrad und Gunther mitgebracht haben.

Ben fühlt sich im Gutshaus bald wohler als zu Hause. Reinhold und Ute nehmen ihn ernst und sprechen viel mit ihm. Von Gunther und Konrad dagegen ist Ben eher verwirrt: Mit ihnen gemeinsam geht er auf einem ehemaligen Munitionslager der russischen Arme nach alter Munition suchen, und Ben ist etwas verwundert darüber, mit welchem Ernst und Eifer die beiden das tun. Dennoch: Für Ben tut sich eine neue Welt auf, auch wenn er manchmal das, was Ute und Reinhold reden, nicht so ganz versteht: Sie reden immer wieder davon, dass die Deutschen verweichlicht seien, dass sie sich über den Tisch ziehen lassen, etc.

Trotz der anfänglichen Skepsis der Dorfbewohner den Neuankömmlingen gegenüber dreht sich langsam der Wind, als Reinhold und Ute versuchen, etwas für die Dorfgemeinschaft zu tun. Mit den Dorfbewohnern richten sie ein Gemeinschaftshaus wieder her und veranstalten dort Feste und Tanzabende. Davon hält sich nur einer fern: Georg. Er schimpft über Reinhold und Ute und wird dadurch noch mehr zum Außenseiter.

Bewertung:

„Braune Erde“ ist Daniel Höras dritter Jugendroman nach „Gedisst“, dem Erstlingswerk des Autors, und der Dystopie „Das Ende der Welt“. Auch wenn die Bücher thematisch durchaus unterschiedlich sind (das gilt vor allem für den dystopischen Jugendroman) so hat Daniel Höra durchaus einen eigenen Schreib- und Erzählstil, den man wiedererkennt. Seine Figuren stehen immer eher am Rande der Gesellschaft, fühlen sich als Außenseiter und haben damit zu kämpfen, ihren Platz im Leben zu finden. So ist das auch bei Ben in „Braune Erde“. Als Waisenkind, das bei Tante und Onkel aufwächst, von ihnen aber eher schlecht behandelt wird, ist Ben orientierungslos, auch wenn er sein Herz am richtigen Fleck zu haben scheint.

Diese Orientierungslosigkeit macht es für Reinhold und Ute, die hinzugezogenen Nazis, auch leicht, ihn zu verführen – und das machen sie recht geschickt, indem sie ihn ernstnehmen und das Gefühl geben, bei ihnen immer willkommen, ja sogar daheim zu sein. „Braune Erde“ schildert sehr genau die Mechanismen, wie Menschen sich zu Dingen bewegen lassen, die sie grundsätzlich eigentlich ablehnen. Reinhold und Ute gelingt es trotz der anfänglichen Ablehnung, die ihnen widerfährt, die Dorfgemeinschaft auf ihre Seite zu bringen, indem sie hilfsbereit und gemeinschaftsfördernd auftreten. Die kalte Ideologie, die hinter ihren deutschnationalen Gesinnungen steht, verbergen die beiden zunächst sehr geschickt, später packen sie sie allerdings Stück für Stück aus und werden dennoch weiterhin von den Einwohnern das Dorfes unterstützt.

Die Gefahr, der das Buch erliegen könnte, liegt auf der Hand: dass alles recht platt und stereotyp dargestellt wird. Doch das weiß Daniel Höra geschickt zu vermeiden. Man kann Ben in manchem durchaus verstehen, wenn er Reinhold und Ute als so etwas wie seine neuen Zieheltern ansieht; man kann auch nachvollziehen, dass er sich ohne gefestigte Einstellungen, die er in seinem Alter eben noch nicht hat, zu dem ein oder anderen hinreißen lässt, bei dem man als aufgeklärter Leser die Nase rümpft. Psychologisch bleibt das alles erklär- und nachvollziehbar.

„Braune Erde“ ist damit letztendlich auch so etwas wie ein Entwicklungsroman: Ben, der hin- und hergeworfen ist zwischen Reinholds und Utes nationalsozialistischer Einstellung einerseits und des Künstlers Georg aufgeklärter Haltung andererseits, muss seinen Weg finden. Dass Ben sich dabei in große Schwierigkeiten bringt, erfährt man schon auf den ersten Seiten: Die Kapitelanfänge erzählen von Bens Flucht, weil er etwas gesehen hat, was er nicht hätte sehen sollen, und deswegen verschwinden muss. Um was genau es dabei geht, erfährt man erst auf den letzten 40 Seiten, so dass die Spannung gewahrt bleibt.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. „Braune Erde“ ist kein Buch ohne Schwächen. Die Kapiteleinleitungen z. B. sind im Buch etwas künstlich vorangestellt und wirken nicht immer ganz ausgearbeitet. Sie klingen an manchen Stellen ein wenig zu sehr nach Schüleraufsatz („Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, keinen Plan machen, wohin ich gehen sollte. Was hätte es mir auch genützt? Ich konnte nirgendwohin.“, S 7f). Aber alles in allem ist Daniel Höras neuer Jugendroman dennoch empfehlenswert.

„Braune Erde“ ist eine erfundene Geschichte, aber nichtsdestotrotz ein Buch, das zum einen sehr genau aufzeigt, wie Rechtsradikale heute ticken, zum anderen, mit welchen Mechanismen man Leute auf seine Seite zieht. Dass dafür ein imaginäres Dorf als Schauplatz gewählt wurde und die Geschichte modellhaft, manchmal etwas überzeichnet ist, hat mich nicht gestört. Im Gegenteil: Literatur darf und soll Stellung beziehen, und Daniel Höra hat ein engagiertes Buch gegen rechtsnationale Gesinnungen geschrieben, das zeigt, dass hinter vorgehaltener (Menschen-)Freundlichkeit auch eine menschenverachtende Einstellung stehen kann. Reinhold und Ute sind so etwas wie Wölfe in Schafspelzen – eine Erkenntnis, die Ben erst am Ende des Buches gewinnt, die beim Leser aber schon früher ankommt.

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(Ulf Cronenberg, 01.01.2013)

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