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Buchbesprechung: Anthony McCarten „Ganz normale Helden“

Cover Anthony McCartenLesealter 16+(Diogenes-Verlag 2012, 454 Seiten)

Superhero“ von Anthony McCarten war für mich vor fünf Jahren das Buch gewesen, das den Deutschen Jugendliteraturpreis verdient hätte. Es war immerhin nominiert, aber den Preis hat dann Meg Rosoff für „was wäre wenn“ bekommen. Das neue Buch des Neuseeländers Anthony McCarten heißt „Ganz normale Helden“ und ist letztendlich eine Fortsetzung von „Superhero“. Donald, der „Superheld“, hat seine Eltern und seinen großen Bruder Jeff zurückgelassen, und sie sind ganz normale Helden, die das Leben nach dem Tod von Donald auf die Reihe zu kriegen versuchen. Wie ihnen das, mehr schlecht als recht, gelingt, erzählt „Ganz normale Helden“.

Inhalt:

Jeff, Donalds großer Bruder ist zwar 18 Jahre alt, wohnt aber noch bei seinen Eltern. Allerdings hat er sich innerlich nach dem Tod des Bruders vollständig zurückgezogen und lässt weder seinen Vater noch seine Mutter an sich heran. Seine Eltern machen sich Sorgen um Jeff, der viel Zeit vor dem Computer verbringt – jedoch geht es Renata und Jim, den Eltern, nicht viel besser. Sie trauern nicht gemeinsam, sondern jeder für sich – und das auf ganz unterschiedliche Art und Weise.

Während Jim versucht, das Leben am Laufen zu halten, seiner Arbeit als Rechtsanwalt in der selbst aufgebauten Kanzlei nachzugehen, findet Renata nicht so richtig ins Leben zurück. Alles dreht sich um Donalds Tod, ständig kreisen ihre Gedanken um ihn. Immer wieder geraten Jeffs Eltern deswegen auch in Streit. Jim wirft seiner Frau vor, dass sie nicht nach vorne schaut, während Renata ihren Mann als gefühllos ansieht. In Streit kommen sie jedoch vor allem, als es darum geht, Jeff zur Rede zu stellen, weil er die Schule nicht ernst nimmt und stattdessen, wie sie vermuten, auf irgendwelchen krummen Wegen Geld verdient.

Jeff hält das alles nicht mehr aus, droht seinen Eltern, als sie einen Brief von ihm öffnen, auszuziehen und ist einen Tag später wirklich verschwunden. Renata und Jim schweißt das nicht etwa mehr zusammen, sondern es bringt sie noch weiter auseinander. Jeder versucht auf seine Art und Weise, Jeff zu finden und zurückzuholen …

Bewertung:

Um es gleich vorweg zu sagen: „Ganz normale Helden“ (Übersetzung: Gabriele Kempf-Allié und Manfred Allié) ist kein Jugendbuch. Dafür stehen viel zu sehr zwei Erwachsene (Jim und Renata) mit ihren Nöten im Mittelpunkt, Jeff ist da eher Randfigur. Dennoch: Wer mit 15 oder 16 Jahren „Superhero“ (das ja auch kein expliziter Jugendroman war, aber eben einen jugendlichen Helden hatte) gelesen hat, ist wahrscheinlich neugierig darauf, wie das Leben der Familie weitergeht. Und dann kann man den Folgeband durchaus empfehlen.

Anthony McCartens Buch ist ein Buch über die Trauer, aber auch darüber, wie eine Krisensituation eine Familie vordergründig zunächst eint, jedoch bald schon vorher überdeckte Gräben aufreißt. Der Tod von Donald offenbart jedenfalls, dass Jim und Renata nicht wirklich mehr etwas miteinander anfangen und auch nicht miteinander reden, geschweige denn sich nahe sein können. Es scheint so, dass Jeff – und dieser ist sich dessen auch bewusst – und die Sorgen, die er seinen Eltern bereitet, der letzte funktionierende Kit für diese Ehe sind.

„Ganz normale Helden“ ist jedoch vor allem aus einem anderen Grund ein interessantes Buch. Jim hat nämlich eine ziemlich abstruse Idee, wie er den verschwundenen Jeff finden könnte. Er will Jeff in dem Online-Rollenspiel, das dieser ständig spielt und das den bezeichnenden Titel „Lore of life“ (Lebenslehre) trägt, aufspüren. Und so begibt er sich als gesetzter Rechtsanwalt und Familienvater ohne Bezug zu Computerspielen in eine für ihn gänzlich neue und fremde Welt. Wie Jim sich nach und nach in dem Spiel verliert, sich irgendwann nicht mehr davon losreißen kann und seine Arbeit Stück für Stück vernachlässigt – das zu lesen, hat seinen Charme. War in „Superhero“ die Parallelwelt ein von Donald gezeichnetes Comic, so ist es diesmal ein Online-Rollenspiel.

Wie am Ende alles ausgeht, ob Renata und Jim wieder zueinander finden, ob sie Jeff zurückholen können, das sei natürlich nicht verraten. Geradlinig läuft das Buch jedenfalls nicht auf seinen Schlussakkord zu, sondern überrascht den Leser immer wieder mit unerwarteten Wendungen.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Ich hatte mir von „Ganz normale Helden“, wohl weil ich „Superhero“ inzwischen heroisiert hatte, anfangs etwas mehr erwartet und war von dem eher drögen Einstieg eher enttäuscht. Es dauert, bis Anthony McCarten das Szenario vollständig entblättert – doch als Jim sich in „Lore of Life“ (dass dessen Kürzel „LoL“ ebenfalls doppeldeutig besetzt ist, dürften etwas versierte Computernutzer wissen) verliert, hat das Buch mich spätestens gepackt. Anspruchsvolle (Jugend-)Romane, die das Thema Computerspiele aufgreifen, gibt es ja nicht gerade wie Sand am Meer, und Anthony McCarten greift das Thema ohne Vorbehalte und moralischen Zeigefinger auf. Im Gegenteil: Mit Humor wird geschildert, wie Jim in „Lore of Life“ manches lernt, woran er im richtigen Leben scheitert. Die Computerspielwelt ermöglicht ihm Erfahrungen, die er sonst nicht gemacht hätte.

„Ganz normale Helden“ verbindet geschickt sehr viele Themen. Es geht um die Trauer in einer Familie nach dem Tod des Sohnes, um die Familiendynamik, die dadurch gänzlich durcheinander gewirbelt wird. Es geht um Lügen und das Aneinandervorbeileben – zwischen Ehepartnern wie zwischen Eltern und Sohn. Das Buch handelt davon, wie fremd sich Generationen sind, und es ist interessanterweise der Vater, der versucht, sich auf die Pfade seines Sohnes zu begeben, indem er sich in ein Online-Rollenspiel stürzt und sich selbst erst einmal darin verliert. Geschickt und augenzwinkernd verwebt Anthony McCarten Spielwelt und Realität, und Jim traut sich im Computerspiel Dinge, die er so sonst nie tun würde.

Ältere Jugendliche können sich, wenn sie über die Hürde der ersten 50 Seiten hinwegkommen, durchaus von diesem Buch anregen lassen, kann ich mir vorstellen. Je weiter ich gelesen habe, desto faszinierter war ich jedenfalls von dem, was in diesem Buch alles steckt. Spannend, anders und größtenteils auch sehr unterhaltsam!

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(Ulf Cronenberg, 29.10.2012)

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