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Buchbesprechung: Karin Bruder „Asphaltsommer“

Cover Karin BruderLesealter 14+(dtv 2011, 317 Seiten)

Zusammen allein“ war Karin Bruders erster Jugendroman bei dtv, mit dem sie auch gleich für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011 nominiert worden war – ein manchmal eigensinniges, aber immer treffsicheres und sehr literarisches Buch. Zwei Jahre später ist nun Karin Bruders nächster Jugendroman erschienen, eine Geschichte, die im Gegensatz zu „Zusammen allein“ nur sehr am Rande etwas mit der Herkunft der Autorin aus Rumänien (Karin Bruder lebt seit 1970 in Deutschland) zu tun hat und etwas ganz anderes thematisiert.

Inhalt:

Viebke muss wegen Autodiebstahls in den Sommerferien drei Wochen Sozialdienst in einem Altersheim ableisten – nicht gerade das, was sie sich wahrscheinlich unter den Sommerferien vorgestellt hat. Constantin hat kurz zuvor mit ihr Schluss gemacht. Der Autodiebstahl, aber auch Viebkes Orientierungslosigkeit – sie weiß nicht, was sie nach der Schule machen will – haben damit zu tun. Und nun ist Constantin alleine auf ein Zeltlager in der Nähe von Toulouse gefahren; Viebke fürchtet, dass es dort auch ein anderes Mädchen gibt.

Als sie während der Arbeit Luft schnappen will, kommt aufgebracht einer der Bewohner aus dem Altersheim: Langhans scheint die Nase voll zu haben, und weil es Viebke nicht anders geht, nimmt sie kurz entschlossen dessen spontane Einladung, mit ihm in seinem Wohnmobil abzuhauen, an.

Ein seltsames Paar hat sich da gefunden: der störrische Langhans und die nicht gerade gut gelaunte Viebke. Immer wieder kommt es zu Streit. Viebke ist genervt von dem launischen Alten, während dieser sie für ziemlich verwöhnt und unausstehlich hält. Doch sie stellen bald fest, dass sie ein ähnliches Ziel haben: Toulouse. Und dorthin brechen sie gemeinsam auf – eine längere Reise nicht gerade ohne Komplikationen.

Bewertung:

Man erwartet von „Asphaltsommer“, dass es sich um einen recht ungewöhnlichen Roadmovie handelt, wenn ein alter Mann, dessen Frau vor Kurzem gestorben ist, und eine 17-Jährige in einem Wohnmobil gemeinsam nach Südfrankreich aufbrechen. Doch das ist nur ein kleiner Teil dessen, was Karin Bruders neuen Jugendroman ausmacht – man merkt schon bald, dass es um einiges mehr geht.

Langhans ist ein Mensch mit einer bewegten Vergangenheit, die bis ins Dritte Reich und nach Rumänien zurückführt (hier gibt es also doch zumindest eine kleine Parallele zu Karin Bruders eigener Herkunft). Während des Zweiten Weltkriegs hatte er sich in Frankreich dem kommunistischen Widerstand gegen das Naziregime angeschlossen – ein Thema von dem Viebke nur begrenzt Ahnung hat. Da prallen dann zwei Menschen aufeinander: der bildungshungrige Langhans, der Hunderte von Büchern in seinem Wohnmobil hortet, und Viebke, die zwar viel liest, aber sich wenig für Geschichte und Politik interessiert. Diese Auseinandersetzungen, die anfangs mehrfach fast zum Eklat führen, sind ein weiteres Thema von Karin Bruders Buch.

Viebke hängt nach wie vor Constantin nach, und letztendlich nimmt sie die nicht gerade harmonische Reise auf sich, um Constantin während seines Zeltlager zu besuchen. Je länger die Reise dauert, desto unsicherer ist sich das Mädchen jedoch, was es dort erwarten wird. Hat Constantin vielleicht bereits eine neue Freundin? Durch Langhans wird sie dagegen nach und nach in eine ganz andere Geschichte hineingezogen: Heimlich liest sie die im Wohnmobil herumliegenden Briefe von Langhans‘ erster Frau Fenny und erfährt, dass diese von den Nazis als Spitzel zum Tode verurteilt und getötet worden war. Langhans will über all das jedoch nicht sprechen und bleibt störrisch.

Das klingt eigentlich nach einer recht vielschichtigen und interessanten Geschichte – und teilweise ist sie das auch. Doch manchmal ging es mir so, dass mir Karin Bruders Roman ein wenig verzettelt schien. Das Buch kann sich nicht so richtig entscheiden, ob es nun Roadmovie, Geschichtsstunde oder psychologisches Drama sein will. Das wird am deutlichsten, als Viebke etwa in der Mitte des Buches die Briefe von Henny, Langhans‘ erster Frau, entdeckt und diese kursiv abgedruckt werden. Nichts gegen diese Briefe, sie sind interessante Zeugnisse des Widerstands und der Not der Widerstandskämpfer in der damaligen Zeit – aber sie fügen sich nicht so ganz in das Buch ein.

Und noch etwas ist mir leicht negativ aufgefallen: Zu Beginn beschreibt Karin Bruder sehr pointiert und gut beobachtend Figuren und Situationen. Diese Stärke, die schon „Zusammen allein“ ausgezeichnet hat, verliert sich leider später im Buch ein wenig – die Sprache wird beliebiger, wirkt weniger pointiert und kunstvoll. Es scheint, als sei Karin Bruder ein wenig der Elan ausgegangen (oder der Veröffentlichungstermin im Nacken gesessen) – und das ist schade.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Die letzten beiden Kritikpunkte mögen so klingen, als hätte mir „Asphaltsommer“ nicht gefallen. Doch das so zu sagen, wäre übertrieben. Karin Bruders neuer Roman schildert das interessante Aufeinandertreffen zweier Menschen mit ihren gänzlich unterschiedlichen Lebenshintergründen aus verschiedenen Zeiten. Das hat durchaus seinen Reiz, und sowohl Langhans als auch Viebke sind keine gewöhnlichen Figuren, sondern Originale.

Dennoch hat das Buch auch seine Schattenseiten, die vor allem im Vergleich mit Karin Bruders Erstlingswerk auffallen, das stringenter und auch sprachlich geschliffener ist. Insbesondere der Briefexkurs bleibt meiner Meinung nach ein wenig Fremdkörper in dem Buch: für sich allein gesehen durchaus packend, zu dem als Roadmovie angelegten Buch jedoch nicht ganz passend. Immerhin wirkt diese integrierte Geschichtsstunde nicht belehrend, sondern glaubwürdig und differenziert. Es hätte mir dennoch besser gefallen, wenn Langhans‘ Geschichte anders in das Buch Einzug gehalten hätte.

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(Ulf Cronenberg, 04.09.2012)

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