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Buchbesprechung: Stephan Knösel „Jackpot – Wer träumt, verliert“

Cover Stephan KnöselLesealter 14+(Beltz & Gelberg-Verlag 2012, 268 Seiten)

„Jackpot – Wer träumt verliert” ist erst das zweite Buch des Münchner Autors Stephan Knösel. Sein Erstlingswerk „Echte Cowboys“, das vor zweieinhalb Jahren erschienen ist, hat einige Beachtung gefunden: Für das Buch wurde Stephan Knösel 2011 mit dem Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium ausgezeichnet – und das meiner Meinung nach auch zu Recht. „Echte Cowboys“ war ein packendes Buch mit leichten Schwächen gegen Ende. Lange habe ich auf den Nachfolger gewartet und war gespannt, wie Stephan Knösels zweiter Jugendroman gelungen ist.

Inhalt:

Der Winter ist eisig und es schneit. Chris, ein vierzehnjähriger Junge, läuft trotz des unangenehmen Wetters durch Wald und Wiesen, als plötzlich etwas Schockierendes passiert. Zunächst hört er nur Polizeisirenen von der in der Nähe verlaufenden Autobahn, doch plötzlich schießt ein Auto in seine Richtung, um nur knapp neben ihm gegen einen Baum zu prallen.

Nachdem Chris seinen ersten Schock überwunden hat, versucht er herauszufinden, ob in dem Auto Überlebende sind. Der Fahrer scheint zu leben, aber schwer verletzt zu sein. Im Kofferraum findet Chris außerdem ein Mädchen, das zwar lädiert, aber ansprechbar ist. Statt von Chris zu verlangen, einen Krankenwagen zu rufen, bittet sie ihn um etwas ganz anderes: Chris soll eine Tasche aus dem Kofferraum verstecken – Sabrina, das Mädchen, will sich bald darauf bei ihm melden, um die Tasche abzuholen. Chris zögert, stimmt jedoch zu, als er erfährt, dass in der Tasche sehr viel Geld sei, und ihm eine Belohnung versprochen wird.

Sabrina versucht in den Tagen danach, Chris in den Hochhaussiedlungen von Hasenbergl, dem Münchner Hochhaus-Stadtteil, in dem Chris lebt, aufzusuchen. Doch sie findet seinen Namen nicht auf den Klingelknöpfen der angegebenen Hausnummer. Sie ist sich sicher, dass Chris einen falschen Namen und eine falsche Adresse angegeben hat. Dennoch versucht sie, ihn aufzuspüren, indem sie in verschiedenen Häusern nach ihm fragt – allerdings lange ohne Erfolg.

Die Polizei ist dem Geld, das der Fahrer des verunglückten Autos, Angestellter einer Sicherheitsfirma, entwendet hat, natürlich auch auf der Spur. Und bald bekommen auch Jugendliche aus der Nachbarschaft mit, dass Chris Geld versteckt haben könnte. Ein turbulenter Wettlauf nach dem Geld beginnt …

Bewertung:

In „Jackpot” geht es ordentlich zur Sache, und zwar von Anfang an. Schon der Beginn mit dem Autounfall gibt die Marschrichtung an: Ein Junge bekommt auf einmal eine Tasche mit vier Millionen Euro in die Hand gedrückt und soll sie vor der Polizei verstecken – und das in einer Situation, als er und sein Bruder (Mutter tot, Vater auf Entziehungskur) dringend Geld brauchen, um weiter über die Runden zu kommen.

Was sich aus der Situation heraus entwickelt, ist ein fulminantes Versteckspiel, bei dem nicht nur die Polizei, sondern auch der Leser im Dunkeln tappt. Wer hat nun eigentlich das viele Geld, dem alle hinterher sind, fragt man sich? Es kommt der Moment, wo Chris gezwungen wird, die versteckte Tasche zu öffnen – man stellt sich als Leser an dieser Stelle die Frage, womit die restlichen fast 100 Seiten des Buches gefüllt sind. Aber in der Tasche befindet sich kein Geld. Solche Haken werden immer wieder geschlagen, man wird auch als Leser mehrmals gekonnt an der Nase herumgeführt – und das macht den Reiz der Geschichte aus …

Dass Stephan Knösel früher Drehbücher geschrieben hat, merkt man „Jackpot“ an. Die verschiedenen Perspektiven (personal von verschiedenen Figuren erzählt) greifen geschickt ineinander, ab und zu wird außerdem die chronologische Erzählweise aufgebrochen. „Jackpot“ entpuppt sich nebenbei als gekonntes Kammerspiel über die Frage, wie Geld die Menschen verändert, ohne dass diese Frage allzu sehr im Vordergrund steht. „Jackpot“ bleibt ein leichtes, aber dennoch packendes Buch, das nicht der Gefahr erliegt, moralische Ansichten zu verbreiten.

Man könnte dem Buch vorhalten, dass die Figuren manchmal etwas holzschnittartig und stereotyp angelegt sind und sich ein wenig zu vorhersehbar verhalten. Da darf der brutale und rücksichtlose Geldräuber ebenso wenig fehlen wie die ehrgeizige Kommissarin, die sich über ziemlich viele Regeln hinwegsetzt. Und in Hasenbergl geht es unter den Jugendlichen natürlich auch nicht gerade zimperlich zu. Aber letztendlich schafft meiner Meinung nach genau diese Form der Figurenzeichnung eine Distanz, die verhindert, dass das Buch in Bleischwere ertrinkt. „Jackpot“ ist eben kein Buch, in dem sich am Ende das Gute und Moralische durchsetzt, sondern eher ein höchst unterhaltsames Gedankenspiel. Das unterstreicht der herrlich unmoralische Schluss noch einmal besonders.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Mission accomplished“ könnte man sagen. Stephan Knösel hat sich mit seinem zweiten Jugendroman Zeit gelassen, nichts überstürzt, sondern stattdessen augenscheinlich eine Idee reifen lassen, um sie gut umgesetzt an den Leser zu bringen. Das merkt man dem dramaturgisch geschickt aufgebauten Buch letztendlich an; man wird als Leser in ein gekonnt aufgezogenes Verwirrspiel hineingezogen, das einen bis zum Ende nicht loslässt. „Jackpot“ ist spannend, großartig erzählt und überrascht den Leser mit einigen unerwarteten Wendungen.

Wäre man nicklig, gäbe es Kleinigkeiten zu kritisieren: Um Seite 80 hat das Buch mal ganz kurz einen kleinen Hänger, und für meinen Geschmack hätte man die interessant angelegte Kommissarin und ihren jungen Helfer durchaus noch mehr in die Geschichte mit einbauen können. Doch vielleicht hat hier auch der Verlag interveniert und gemeint, das würde nicht zu einem Jugendbuch passen. Sollte es so gewesen sein, wäre das schade.

Dennoch bleibt festzuhalten: Stephan Knösels zweiter Jugendroman macht Laune, weil er wendig ist und immer wieder Überraschendes präsentiert, weil das Thema geschickt aufgearbeitet ist und dabei immer unverkrampft bleibt.

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(Ulf Cronenberg, 18.07.2012)

Lektüretipp für Lehrer!

Mit diesem Buch kann man auch Lesemuffel an Jugendliteratur heranführen – dabei hilft, dass dem Buch jeder moralischer Zeigefinger fehlt; und dennoch oder gerade deswegen kann man Stephan Knösels „Jackpot“ als Ausgangspunkt für Diskussionen nehmen: Was sollte man in einer Situation, wie Chris sie am Buchanfang erlebt, tun? Was würde man selbst mit einer solch großen Summe von Geld machen? Macht Geld überhaupt glücklich? Das Buch enthält sich der Antworten auf solche Fragen, und das ist etwas, was Jugendliche sicher zu schätzen wissen. Dass man nebenbei Dinge wie Erzählperspektive oder Dramaturgie eines Buches thematisieren kann, spricht eindeutig auch für dieses Buch – ebenso wie, dass es – kurz gesagt – kurzweilig, spannend und unterhaltsam ist.

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Kommentare (0)

  1. Gina

    Boah, aber dieses Cover! Was hat sich der Verlag denn dabei gedacht? Da kann man dem Autor und dem Buch wirklich nur viel Glück wünschen …

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    1. Ulf Cronenberg

      Na ja, ich finde das Cover weder sonderlich toll, noch schlimm. Und gute Bücher sollten sich ja trotzdem durchsetzen … 😉

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  2. Anne-Marie

    Tolle Rezension! Ich wäre nicht darauf gekommen, dieses Buch zu lesen. Also danke.
    Zum Cover: Ich finde es auch hässlich. Leider. Unansprechend. Es immer problematisch, wenn Gesichter so deutlich gezeigt werden, finde ich. Bei diesem Verlag sind viele Cover unattraktiv gestaltet, genauso wie bei dtv. Was die Leute sich immer denken?

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  3. Birgit

    Wow, dieses Buch ist echt nicht schlecht. Hat wirklich Spaß gemacht, es zu lesen! Wegen dem Cover: Naja, was soll man sagen, Beltz hat nie ein gutes Händchen bei der Coverauswahl, aber zum Glück gibt es ja Herrn Cronenberg, der uns immer die tollen Bücher zeigt … 😉 DANKE!

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  4. Uschi

    Normalerweise finde ich die Rezensionen von Herrn Cronenberg immer sehr, sehr zutreffend und hilfreich, aber bei diesem Buch musste ich mich zum ersten Mal wundern. Was daran soll bitte „unverkrampft“ oder „herrlich“ unmoralisch sein? Die Figuren sind gezeichnet wie in einem schlechten amerikanischen Thriller, es gibt keinen einzigen Hoffnungsschimmer in dieser Welt, die nur aus Gier und Egoismus besteht – und ich glaube überhaupt nicht, dass das Buch einen (begeisterten) jugendlichen Leser zu irgendwelchen Überlegungen darüber anregt, ob Geld glücklich macht. Der schnoddrige Ton und die stereotype Bosheit der Figuren schaffen schon Spannung – natürlich zittert man als Leser mit der Hauptfigur mit, als diese von allen möglichen Seiten bedroht scheint. Aber es gibt im ganzen Roman keine Figur, die auch nur einen Schimmer Hoffnung verbreitet, dass es Menschen geben könnte, die Mitleid für andere empfinden oder die nicht für einen größeren Geldbetrag jemanden ans Messer liefern würden. Das ist gute Literatur? Tut mir leid, aber das ist einfach nur Kommerz in meinen Augen. Das Böse, das Gierige, das zieht, das ist einfach, das versteht jeder Holzkopf und kann es nachvollziehen – aber einem einigermaßen sensiblen Kind kann das nicht gefallen. Klingt schrecklich altmodisch, ich weiß, aber ich kann es nicht anders ausdrücken. Bin sonst absolut für Realitätsnähe in der Literatur, bin keine Verfechterin einer heilen Welt – aber so mies, so durch und durch unmoralisch ist keine Realität. Auch unsympathische Polizistinnen hat man schon besser beschrieben gesehen. Fünf Punkte? Unverdient.

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    1. Ulf Cronenberg

      Kann ich verstehen … Und es ist auch gut, wenn da jemand eine andere Meinung hat und das hier schreibt. Und trotzdem hat mir das Buch gefallen. Es ist sicher nicht der große Wurf – da sind wir uns einig. Aber es hat etwas …

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  5. Marlene

    Also ich weiß gar nicht, was alle daran finden. Das war das beschissenste Buch, das ich jemals gelesen habe … -_- (lesen musste)

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