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Buchbesprechung: Christian Frascella „Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe“

Cover FrascellaLesealter 16+(Frankfurter Verlagsanstalt 2012, 317 Seiten)

Ob man mit diesem Buchcover einen Blumentopf gewinnen kann? Irgendwie musste ich bei dem Foto von dem aus der Nase blutenden Jungen an einen Junkie-Roman denken (nicht gerade meine bevorzugte Lektüre), und mit dem Titel konnte ich erst mal auch gar nichts anfangen. Was ist denn eine Mönchsrobbe? Das lässt sich leicht beantworten: In der Wikipedia sieht eine Mönchsrobbe so aus, wie man es von einer Robbe erwartet, es handelt sich dabei um eine Robbenart, die in tropischen und südtropischen Gewässern lebt.

Der Verlag hatte mich schon vor längerer Zeit angeschrieben und dabei meine Neugierde für dieses Buch, das in Italien für Furore gesorgt haben soll, geweckt. Als Jugendroman ist es nicht erschienen, und das war einer meiner Hauptblickwinkel beim Lesen: Ist das auch ein Buch für Jugendliche?

Vielleicht fange ich mal ganz anders an: Lest dieses Buch! Vor allem, wenn es euch – wie mir – manchmal so geht, dass ihr das Gefühl habt, irgendwie wiederholen sich Jugendbücher in Stil und Inhalt immer wieder. Christian Frascella ist ein Buch mit einem ganz anderen Ton gelungen, ein Buch, das es auf verschiedenen Ebenen in sich hat und erfrischend ist. Und das ist ja schon einiges …

Normalerweise findet ihr an dieser Stelle eine Inhaltszusammenfassung des vorgestellten Buches. Doch das ist in diesem Fall schwierig, denn die die Hauptfigur, ein 17-jähriger Junge auf dem Weg ins Erwachsenwerden, tritt nur als Ich-Erzähler ohne Namen auf. Ein einfaches Leben hat die Figur nicht – alles ist gerade in Auflösung begriffen: Die Mutter ist vor nicht allzu langer Zeit mit einem Tankwart durchgebrannt, Anlass für den Spott vieler anderer; der Vater hängt seitdem biertrinkend und rauchend in einer Hängematte und scheint sich um den Verstand und die Erinnerung saufen zu wollen; die Schwester hat sich der Religion und der Erledigung der häuslichen Pflichten verschrieben – irgendwer muss ja die Mutter ersetzen … Und der Erzähler selbst verliert seinen Job bei einem kleinen Plastikverarbeitungsbetrieb.

Sich nicht unterkommen lassen, ist das Motto des Protagonisten, und das versucht er, indem er überall eine dicke Lippe riskiert. Doch beliebt macht er sich damit nicht, und zu brenzligen Situationen kommt es immer wieder – so als er in einen Boxkampf mit dem viel stärkeren Schwarzy verwickelt wird. Am Ende liegt der Erzähler völlig lädiert auf dem Boden, während die Freunde von Schwarzy diesen daran hindern, weiter auf den Erzähler einzuschlagen.

Die große Klappe hat er auch Mädchen gegenüber, er hält sich, kurz gesagt, für einen jungen Adonis. Als er in einem Laden das erste Mal Chiara sieht, ist er sogleich Feuer und Flamme für das Mädchen. Doch mit seinem vorlauten Gehabe imponiert er Chiara keineswegs, vielmehr fängt er sich eine Ohrfeige ein, die es in sich hat und die ihn in die Bewusstlosigkeit befördert. Nicht gerade eine Liebeserklärung …

Von der ersten Seite an hat mich „Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe“ (Übersetzung: Annette Kopetzki) in den Bann gezogen. Der Ich-Erzähler ist eine Marke für sich, am besten beschreibt man ihn wohl als unverbesserliches Großmaul und als Aufschneider. Die Welt beobachtet er einerseits messerschaft und zynisch, färbt andererseits, wenn es um ihn selbst geht, immer alles zu seinen Gunsten ein. Dieser in Worte gefassten Hybris kann man sich seltsamerweise von Anfang an nicht entziehen. Auch wenn sie nicht jedermanns Fall sein mag, sie hat einen großen Reiz und Unterhaltungswert. Die dreitägige Schulsuspendierung wird einem Mitschüler z. B. so erklärt (S. 28):

In der Klasse erklärte die Schlampe mit den Hängetitten gerade etwas sehr Interessantes über das x, das y und das z, als einer meiner Mitschüler sich umdrehte, um mich zu fragen: „Was wollte der Direktor?“
Ich zuckte die Achseln. „Nichts Besonderes“, antwortete ich. „Offenbar geht es um ein Stipendium, und ich gehöre zu den Kandidaten. Ich muss drei Tage wegbleiben, in der Zeit werde ich von einigen Koryphäen an einem geheimen, streng bewachten Ort geprüft. […] Zur Tarnung wird erzählt, dass ich von der Schule verwiesen wurde.” Ich zeigte auf die Lehrerin: „Nicht einmal diese blöde Kuh weiß davon.“

Das ist zunächst einmal so unsympathisch, dass es fast wehtut. Im Bereich des Jugendbuchs kenne ich jedenfalls kein Buch, in dem einen Erzähler so uneingeschränkt narzisstisch auftritt. Das gilt insbesondere auch für die Liebesgeschichte in dem Buch – sofern man diese so nennen kann. Wenn der Erzähler und Chiara aufeinandertreffen, fliegen jedes Mal verbal die Fetzen. Da will ein 17-jähriger mit markigen Sprüchen bei einem Mädchen landen, aber der einzige Weg, sich beliebt machen zu wollen, ist eine grenzenlose Angeberei. Und die lässt Chiara nicht durchgehen und wird dann selbst ausfällig. Amüsant.

Mit der Situation zu Hause sieht es nicht viel anders aus. Der Erzähler und sein immer nur „Chef“ genannter Vater schenken sich nichts. Das spitzt sich zu, als der Vater sich neu verliebt und auf einmal seinen Lastern abschwört. Die Neue des Vaters akzeptiert der Erzähler schon aus Prinzip nicht, und natürlich kommt es zu heftigen Wortgefechten.

Das alles wäre vielleicht etwas oberflächlich und leer, wenn das Buch nicht gegen Ende eine etwas andere Wendung nehmen würde. Wie sich das mit Chiara, mit seiner Schwester (warum auch immer „Mönchsrobbe“ genannt) und ihrem Freund sowie mit dem Vater des Erzählers entwickelt, sei hier nicht verraten – aber letztendlich wird „Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe“ auf der Zielgeraden dann noch so etwas wie ein Entwicklungsroman: Langsam schleicht sich beim lange unverbesserlich scheinenden Erzähler ein wenig Einfühlsamkeit ein, ab und zu zeigt er Gefühle und kann sie nicht nur in markigen Sprüchen völlig verdreht ausdrücken. Und da spätestens merkt man auch, dass man den Erzähler irgendwie schon voher ins Herz zu schließen begonnen hat …

Fazit:

5 von 5 Punkten. Mal ehrlich: Man muss sich über ein solches Buch freuen – einfach, weil es einen ganz anderen Ton als andere Bücher findet. Christian Frascellas Großmaul-Roman ist nicht nur unterhaltsam und eloquent, sondern intelligent. Dass man den Erzähler trotz seiner heftigen Sprüche, trotz seines unmöglichen Benehmens irgendwann sympathisch findet, mag man nicht erwarten – aber es ist so. Ein auf die Spitze getriebener Schelmenroman ist das.

Man könnte dem Roman vorwerfen, dass die Figur des Erzählers eine Kunstfigur ist. Woher nimmt er z. B. die vielen Verweise auf Filme, wo es nicht wirklich zu seinem Leben passt, dass er sich damit auskennt? Wo nimmt er seine große Wortgewandtheit her? Doch letztendlich ist Christian Frascellas Buch viel zu unterhaltsam, als dass man sich mit solchen Einwänden länger als ein paar Sekunden aufhalten mag.

„Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe“ ist kein typischer Jugendroman. Und trotzdem sei er auch jugendlichen Lesern ab 16 Jahren wärmstens empfohlen. Man wird mit etwas Neuem belohnt, auch wenn man vielleicht die ein oder andere Anspielung (gerade mit italienischem Lokalkolorit) nicht verstehen mag. So etwas hat man so noch nicht gelesen … Und das meine ich als großes Lob!

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(Ulf Cronenberg, 25.06.2012)

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