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Buchbesprechung: Katherine Rundell „Zu Hause redet das Gras“

Cover Katherine RundellLesealter 11+(Carlsen-Verlag 2012, 253 Seiten)

„Zu Hause redet das Gras“ ist mal wieder ein Debütroman – und zwar von der Autorin Katherine Rundell. Allzu viel erfährt man in den Verlagsinformationen über die Autorin nicht: gerade mal, dass sie in London, Zimbabwe und Brüssel aufgewachsen ist. Das klingt doch sehr nach einem Diplomatenkind … Passend zu den Orten, an denen die Autorin gelebt hat, spielt ihr Kinderbuch auch an zwei von diesen Orten: in Zimbabwe und in London.

Inhalt:

Wilhelmina, die von allen jedoch nur Will genannt wird, wächst in Zimbabwe auf einer Farm auf, die dem alten Captain gehört. Ihr bester Freund ist Simon, ein farbiger Junge, mit dem sie ständig durch die Gegend streunert. Wills Mutter ist schon vor einigen Jahren gestorben – doch Will hat ein sehr inniges Verhältnis zu ihrem Vater, der ihr viel Freiheit lässt.

Ein typisches Mädchen ist Will, die passenderweise von ihrem Vater oft Wildkatze genannt wird, ganz und gar nicht. Es kann vorkommen, dass sie für mehrere Tage einfach im Busch verschwindet – ihr Vater lässt das zu, weil er weiß, dass sie immer wieder zurückkommt. Dementsprechend versteht Will sich auch besser auf Tiere und die Wildnis als auf Höflichkeit und Benehmen.

Doch dann stirbt auch Wills Vater. Am Totenbett verspricht der Captain ihm, für Will zu sorgen. Allerdings hat der alte Captain erst vor kurzem eine deutlich jüngere Frau geheiratet: die ziemlich eingebildete und selbstbezogene Cynthia Browne, die es auf seinen Grundbesitz abgesehen hat. Für Cynthia Browne ist Will eine Bedrohung, und sie sorgt dafür, dass Will schließlich nach England in ein Internat abgeschoben wird – eine Umgebung, in der sich Will gar nicht zurechtfinden wird …

Bewertung:

„Zu Hause wächst das Gras“ (Übersetzung: Henning Ahrens) wurde schon mehrmals recht positiv besprochen (darunter in der FAZ) – das war ein Grund, mir das Buch selbst anzuschauen, aber auch, dass mich im Moment die Darstellung von Afrika in Kinder- und Jugendbüchern besonders interessiert. Dass eine Autorin, die zeitweise selbst in Afrika gelebt hat, hierüber schreibt, ist nichts Neues und sollte zu einem differenzierten Bild führen (dazu gleich mehr). Jedenfalls hat der persönliche Bezug zum schwarzen Kontinent den Vorteil, dass jemand die Lebensweise der Menschen und die Landschaft aus eigener Erfahrung kennt.

Was einen für Katherine Rundells Buch zunächst einmal einnimmt, ist dessen Hauptfigur. Will sprüht nur so vor Energie und Gefühlen, lässt sich nicht an die Kette legen, ist ein kleiner Wirbelwind – man kann sich ihr als Leser einfach nicht entziehen. Das Mädchen als Hauptperson trägt fast schon alleine dieses Buch, das vor allem in der ersten Hälfte eine Hommage an eine wenig elternbestimmte und eher unbefangene Kindheit ist. Nebenbei atmet man als Leser afrikanische Luft ein – Katherine Rundell gelingt es, ein recht unberührtes und natürliches Leben in Afrika einzufangen, das jedoch fast zu schön und unbeschwert ist, um wahr zu sein.

Als Will dann schließlich in London in ein Internat gesteckt wird, ist alles ganz anders: Nicht nur das Wetter ist mies, sondern vieles kommt noch schlimmer, als man es als Leser sowieso schon erwartet hat. Die als „Wildkatze“ groß gewordene Will kann sich gar nicht an die Schule und die ganzen Regeln dort gewöhnen, wird weder von den Lehrern noch von den Mitschülern akzeptiert. Das Drama nimmt seinen Lauf …

Man mag die zweite Hälfte des Buchs, als Will in England ist und dort überhaupt nicht zurechtkommt, als Zivilisationskritik mit der Botschaft „Das Aufwachsen in Zimbabwe macht ein Mädchen kreativ, frei und selbstbestimmt, während London die Menschen versklavt und zu Marionetten tausender von Vorschriften macht.“ verstehen. Das ist, so formuliert, ein weniger überpointiert ausgedrückt – aber so wird vielleicht auch deutlich, was mich an dem Buch ein wenig gestört hat: dass er sich zu sehr an Stereotypen orientiert.

Natürlich gibt es den ein oder anderen Zwischenton – sonst könnte die Geschichte für Will am Ende auch nicht gut ausgehen, und das tut sie, wie es sich für ein Kinderbuch gehört, im Wesentlichen auch. Nicht alle Menschen in London erweisen sich als verbohrt, und Will findet schließlich doch noch einen Platz dort. Über weite Teile ist „Zu Hause redet das Gras“ für meinen Geschmack aber doch einen Tick zu klischeehaft und unreflektiert angelegt.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Man kann Katherine Rundells Erstlingswerk als frisches, sprachlich gewandtes Kinderbuch mit einer sympathisch unangepassten Hauptfigur ansehen und das Buch dafür bewundern. Will muss man einfach mögen: anfangs wegen ihrer unangepassten Wildheit, später weil das Mädchen leidet und den unwirtlichen Trubel Englands nicht verkraftet. Auf dieser rein äußeren Ebene ist „Zu Hause redet das Gras“ ein packendes Buch, dem man sich nicht entziehen kann. Es schwingt in Will ein wenig der Geist von Pippi Langstrumpfs Unbändigkeit mit – leider jedoch nicht mit der Unbefangenheit und Zeitlosigkeit von Astrid Lindgrens Figur.

Wenn man jedoch ein wenig genauer hinschaut, so fallen einem eben doch etwas überstrapazierte Klischees auf: Die Ursprünglichkeit des Lebens liegt für Katherine Rundell wohl in Afrika. Hier besitzt man zwar nicht viel, kann aber glücklich leben und sich entfalten. Die zivilisierte Welt erstickt mit ihren Regeln dagegen den Menschen. Da mag was dran sein, aber ganz so einfach ist es eben doch nicht. Afrika ist nicht nur ein Kontinent, auf dem man recht unbeschwert seine Kindheit verbringen kann, sondern ein Kontinent mit heftigen Widersprüchen, Verwerfungen und Konflikten. Katherine Rundell thematisiert das kaum in ihrer Geschichte, und das ist schade.

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(Ulf Cronenberg, 12.06.2012)

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Kommentare (0)

  1. Walter Innerkofler

    Dass Will ihre Kindheit so unbeschwert und frei sieht, liegt an ihrer Jugend, ihrem toleranten Vater und der Gegend Afrikas, in der sie aufwächst. Dass Afrike auch ein widersprüchlicher Kontinent mit Problemen ist, kann ihr dann bewusst werden, wenn sie wie in England wirkliche Probleme einmal kennengelernt hat. Als herangereifte junge Dame sollte die Geschichte eine Fortsetzung finden, wird Will in ihrer Heimat Afrika auch so manches Problem erkennen und auch lösen können. Das macht auf alle Fälle neugierig auf einen weiteren Roman mit Will!

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