Jugendbuchtipps.de

Buchbesprechung: Iva Procházková „Orangentage“

Cover Iva ProchazkovaLesealter 13+(Sauerländer-Verlag 2012, 239 Seiten)

Tschechische Autorinnen und Autoren findet man unter den ins Deutsche übersetzen Jugendbüchern so gut wie gar nicht. Iva Procházková ist da seit vielen Jahren eine Ausnahme. Mit hoch gelobten Bücher (zuletzt „Die Nackten“, das sowohl von der Jugendjury als auch von der Kritikerjury im Jahr 2009 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war), die immer etwas sperrig sind, hat die tschechische Autorin einige Anhänger. Zu recht, wie ich finde. Procházkovás Jugendromane sind immer etwas Besonderes und passen nicht so recht in den Mainstream der Jugendliteratur. „Orangentage“ heißt ihr neuestes Buch, das hier vorgestellt werden soll.

Inhalt:

Dareks Mutter ist an Leukämie gestorben – für den Jungen wie für den Vater ein großer Schlag, zumal Dareks jüngere Schwester Ema, die leicht behindert ist, besonders an ihrer Mutter gehangen hat. Während Dareks Vater seine Trauer zu oft in der Kneipe ertränkt, versucht Darek, sich um Ema zu kümmern, ist damit aber manchmal überfordert. Besonders schlimm wird es, als Dareks Vater auch noch seine Arbeit verliert …

Schon lange ist Darek in die etwas ältere Hanka verliebt, und als sich die beiden langsam annähern, geht es dem Jungen richtig gut. Schwierigkeiten gibt es dagegen mit Marta, einer Frau, die sich im Haus der Familie anstelle der Mutter oft nützlich macht. Darek will sie nicht akzeptieren, befürchtet, dass Marta den Platz der Mutter einnehmen will.

Eines Tages taucht ein Freund von Dareks Vater mit einer Geschäftsidee, mit der der Vater zu Geld kommen könnte, auf. Er will verletzte und kränkelnde Pferde billig kaufen. Dareks Vater soll sie aufpäppeln und anschließend gewinnbringend wieder verkaufen. Eine Pferdekoppel ist schnell gebaut, und bald werden die ersten Pferde gebracht.

Darek gewöhnt sich schnell an die Tiere und kümmert sich aufopfernd um sie. Schon bald kennt er sich richtig gut mit Pferden aus und lernt die Arbeit mit ihnen zu schätzen. Doch nicht alles läuft immer nur gut …

Bewertung:

Wer frühere Bücher von Iva Procházková kennt, merkt schnell, dass die tschechische Autorin ihrer Art zu schreiben treu geblieben ist. Auf „Orangentage“ war ich sehr gespannt, am Anfang jedoch ein bisschen enttäuscht, weil ich mich schwer getan habe, in die Geschichte zu kommen. Mit zunehmender Lesedauer ist die Enttäuschung jedoch gewichen; „Orangentage“ entpuppt sich bald als vielschichtiges Buch, das ganz verschiedene Themen vereint.

Würde man die Themen zusammenfassen wollen, so könnte man am ehesten sagen, dass es in „Orangentage“ darum geht, wie ein Junge seine Kindheit beendet und langsam erwachsen wird. Und das ist im Fall von Darek alles andere als einfach: Seine Mutter ist gestorben, Ema ist anstrengend, der Vater überfordert und irgendwann arbeitslos – und es kommen noch einige andere Dinge hinzu. Da ist z. B. die jahrelange Feindschaft mit Hugo. Die beiden prügeln sich regelmäßig, bis sie geprellte Rippen, blaue Flecken und blutende Wunden haben (woher diese Feindschaft rührt, erfährt man erst gegen Ende des Buches). Und dann ist da noch Marta, zu der sich Dareks Vater im Gegensatz zu seinem Sohn hingezogen fühlt. Das alles ist für Darek zu viel an Veränderungen, und damit zurechtzukommen, fällt ihm schwer. Der Junge wehrt sich, merkt jedoch, dass er nicht dagegen ankommt, sondern das Leben seinen eigenen Plan verfolgt.

Die Art und Weise, wie Iva Procházková das alles zusammenbringt, hat mich jedenfalls beeindruckt. Blickt man auf die ganzen Probleme, die Darek hat, könnte man meinen, „Orangentage“ sei ein typisches Problembuch – doch Iva Procházková schafft es, dem Buch Tiefe und Leichtigkeit zugleich zu geben. An zwei Dingen liegt das meiner Meinung nach:

Zum einen versetzt sich die Autorin sehr gekonnt in die Gefühlswelt ihrer jugendlichen Hauptperson. Darek ist eine sonderbare Mischung: einerseits gefühlvoll und intensiv erlebend, andererseits aber oft auch neben sich stehend. Zum anderen passiert in dem Buch viel zwischen den Zeilen und Kapiteln. Das Buch kennt kleinere und größere Zeitsprünge – letztere u. a. in die Vergangenheit, als Dareks Mutter noch gelebt hat. Seltsamerweise – aber es funktioniert – werden die Szenen aus der Vergangenheit im Präsens erzählt, während die Gegenwart im Präteritum behandelt wird. Raffiniert ist das gemacht. Die Zeitsprünge führen u. a. dazu, dass man sich nicht in den Problemen verliert. Sie werden nicht plattgewalzt, sondern oft eher zart angedeutet.

Die Mischung stimmt jedenfalls. Iva Procházkovás neuer Jugendroman hat eine gewisse Leichtigkeit, ist jedoch zugleich – wie schon ihre früheren Romane – auch etwas sperrig, und zwar im positiven Sinn. Das gilt nicht nur für die Erzählweise, sondern auch für den Schreibstil, der eine eigene, liebevolle wie ruppige Note hat.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Mit „Orangentage“ ist Iva Procházková erneut ein Jugendbuch gelungen, das einen über die letzte Seite hinaus beschäftigt – ja, ein Jugendroman, der im Nachhall fast noch eindrücklicher als während des Lesens ist. Ein einfaches Buch, das allen Jugendlichen gefallen wird, ist „Orangentage“ sicherlich nicht – dafür hat es einen zu eigenen Stil. Doch lässt man sich auf das Buch ein, wird man belohnt: Selten liest man Bücher, in denen besser beschrieben wird, wie ein Junge auf der Schwelle zum Erwachsenwerden steht. Darek ringt darum, die Gefühlswelt der Kindheit hinter sich zu lassen und zu akzeptieren, dass Menschen sich nicht so verhalten, wie er es gerne hätte.

Von der rührigen Liebesgeschichte zwischen Darek und Hanka wurde noch gar nichts geschrieben – auch hier ist Iva Procházková eine Meisterin der reduzierten Zeichnung. Wie heißt der letzte Satz des Buches, den Darek zu Hanka sagt? „Let‘s face reality.“ Darek hat im Buch einen weiten Weg zurückgelegt und will es fortan versuchen …

blau.giflila.gifrot.gifgelb.gifgruen.gif

(Ulf Cronenberg, 22.05.2012)

P. S.: Ein schöneres Cover hätte „Orangentage“ allerdings verdient. Puh, mit dem vergilbten Bild zieht man im Buchladen nun wirklich nicht die Aufmerksamkeit von Jugendlichen auf sich. Oder?

P. P. S.: Ein Buch mit männlicher Hauptfigur, in dem es auch um Pferde geht und in dem ein Junge sich für Pferde interessiert? Das ist auch mal was anderes …

[flattr uid=’28988′ btn=’compact‘ lng=’DE‘ /]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.