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Buchbesprechung: Susan Kreller „Elefanten sieht man nicht“

Cover Susan KrellerLesealter 14+(Carlsen-Verlag 2011, 204 Seiten)

Manchmal gibt es seltsame Wege, wie man auf ein Buch aufmerksam wird. Im Fall von Susan Krellers Jugendroman „Elefanten sieht man nicht“ saß ich während der Leipziger Buchmesse mit Jurykollegen vom Deutschen Jugendliteraturpreis in einem Messecafé, und da kam dann Susan Kreller, die ich bis dahin nicht kannte, hinzu. Später, als ich dann am Stand des Carlsen-Verlags war, wurde ich gleich noch mal auf das Susan Krellers Buch aufmerksam gemacht. Susan Kreller hat bisher vor allem als Übersetzerin und Journalistin gearbeitet und nun eben ihr erstes Jugendbuch geschrieben – noch dazu zu einem brisantem Thema.

Inhalt:

Die 13-jährige Mascha, deren Mutter schon seit längerem tot ist, verbringt die Sommerferien jedes Jahr bei ihren Großeltern in einem Kleinstädtchen namens Barenburg. Dort fühlt sie sich meist eher einsam, bis sie auf einem Spielplatz die deutlich jüngeren Geschwister Julia und Max kennen lernt. Allerdings sprechen beide – das gilt insbesondere für den dicklichen Max – eher wenig.

Mascha bekommt eines Tages, als Julia sich einen Pullover über den Kopf zieht und das T-Shirt darunter verruscht, mit, dass das Mädchen lauter blaue Flecken am Oberkörper hat. Einige Zeit später, als Mascha zum Haus der beiden Kinder geht, beobachtet sie durch das Fenster, wie Max von seinem Vater geschlagen wird.

Mascha ist perplex, weiß nicht, was sie machen soll und versucht schließlich mit ihren Großeltern darüber zu reden. Doch die wiegeln nur ab und meinen, dass der Vater von Max und Julia doch der angesehene Besitzer eines Autohauses sei. Sie wollen nicht glauben, dass es in der Familie von Julia und Max Probleme gibt.

Weil Mascha verzweifelt ist, versucht sie mit anderen Leuten darüber zu reden, doch auch diese wollen mit der Sache nichts zu tun haben. Und so ersinnt Mascha kurzerhand einen seltsamen Plan, um Julia und ihren Bruder vor den Schlägen des Vaters zu bewahren: Sie lockt die beiden in ein leerstehendes, abgelegenes Haus und sperrt sie dort ein.

Bewertung:

Deutsche Bücher über Gewalt in der Familie, die das zum Hauptthema machen, gibt es nicht gerade viele – eher am Rande wird das in Jugendromanen auch mal thematisiert. Das Problem ist wohl, nehme ich an, dass man junge Leser ja nicht unbedingt traumatisieren möchte. Einfühlsam und zugleich so über Gewalt in Familien zu schreiben, dass Kinder und Jugendliche nicht ratlos zurückbleiben, ist nicht gerade einfach.

Um es gleich vorwegzunehmen: Susan Kreller ist die Gratwanderung gut gelungen. Eher indirekt wird die Gewalt an Julia und Max dargestellt, thematisiert wird stattdessen eher die Hilflosigkeit von Mascha, die Julia und Max helfen möchte, aber nur auf Unverständnis stößt und allein gelassen wird. Damit ist eine wichtige Frage gestellt: Was kann man als Kind oder Jugendlicher machen, wenn man bei einem Freund oder einer Freundin vermutet oder gar sieht, dass diese/r geschlagen wird?

Susan Kreller hat ihr Buch in einer Kleinstadtidylle angesiedelt, wo vordergründig jeder so tut, als wäre die Welt noch heil, hintergründig aber Gewalt, Wegschauen und Nicht-wahrhaben-wollen vorhanden sind. Der provinzielle Mief von Barenburg macht es Mascha besonders schwer, über ihre Entdeckung zu sprechen, weil ihr niemand glauben will.

Für Mascha ist das alles ein Drama, und in ihrer Not überreagiert sie, indem sie Max und Julia zum Schutz vor dem Vater in ein Haus sperrt. Dass bald die Polizei nach den beiden Kindern sucht, Mascha zugleich immer verzweifelter wird, kann man sich vorstellen. Susan Kreller ist es dabei gut gelungen, sich in die Befindlichkeit ihrer Protagonisten einzufühlen. Manchmal hält man es als Leser kaum aus, mitzuerleben, wie Mascha sich immer weiter in ihren Lösungsversuch verstrickt und irgendwann nicht mehr vor und zurück kann. Das alles wird dadurch unterstrichen, dass die provinzielle Enge sprachlich und stilistisch stimmig dargestellt wird.

Und findet Susan Kreller für die durchaus heftige Geschichte einen angemessenen Schluss? Ohne hier etwas vorwegnehmen zu wollen: Ja. Auch das Ende des Buches ist schlüssig. Es lässt den Leser nicht ratlos zurück, vermittelt zugleich aber auch nicht das Gefühl, Probleme familiärer Gewalt ließen sich einfach auflösen.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Elefanten sieht man nicht“ ist ein gelungenes Buch über das Thema Gewalt in Familien, das man Jugendlichen bedenkenlos in die Hand geben kann. Der Grund dafür ist, dass die Erzählperspektive stimmt. Indem die Gewalt nie direkt, sondern nur vermittelt über ein Mädchen, das helfen will, angesprochen wird, bleiben dem Leser heftige Situationen erspart. Das genaue Ausmaß der häuslichen Gewalt bleibt vage, wird nur indirekt dargestellt und kann somit vom Leser selbst so, wie es für ihn passt, ausgemalt werden.

Beim Lesen von Susan Krellers Buch bin ich immer wieder an Beate Teresa Hanikas „Rotkäppchen muss weinen“ erinnert worden, auch wenn es darin um eine andere Variante von familiärer Gewalt geht: sexuellen Missbrauch. Doch ansonsten verbindet beide Bücher einiges: Die Umgebung der Hauptfigur will die Gewalt nicht wahrhaben und verschließt die Augen, und auch den kleinbürgerliche Mief der Menschen, bei denen angeblich alles in bester Ordnung ist, findet man in beiden Büchern. Der größte Unterschied ist für mich, dass „Rotkäppchen muss weinen“ mit den drei Zeit- und Erzählebenen noch etwas raffinierter erzählt ist – doch dem schwierigen Thema sind sowohl Beate Teresa Hanika als auch Susan Kreller gerecht geworden.

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(Ulf Cronenberg, 10.05.2012)

Lektüretipp für Lehrer!

Der Altersbereich, in dem man Susan Krellers „Elefanten sieht man nicht“ lesen kann, ist recht eingeschränkt, da die Sicht der Erzählerin doch eher kindlich ist – das Thema aber nicht. Von daher würde ich das Buch am ehesten für Schülerinnen und Schüler der 7. Klasse (Ethik und Deutsch) im zweiten Halbjahr oder in der 8. Klasse am Schuljahresanfang empfehlen, und Mädchen sind von dem Buch sicher eher angetan als Jungen.

Das Wagnis, sich auf ein solch schwieriges Thema einzulassen, muss man allerdings mitbringen – es könnte ja schlimmstenfalls sein, dass jemand in der Klasse selbst Gewalterfahrungen hat, und damit muss man umgehen können. Anlässe, mit Schülern ins Gespräch zu kommen, gibt es in dem Buch viele: den Tod von Maschas Mutter, die Trauer des Vaters, der Mief der Kleinstadt und natürlich die Frage: Wie gehe ich damit um, wenn ich vermute, dass jemand zu Hause geschlagen wird?

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