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Buchbesprechung: Anne Cassidy „Die einzige Zeugin”

Cover Anne CassidyLesealter 14+(Fischer-Verlag 2012, 278 Seiten)

Dreieinhalb Jahre ist es her, dass ich das letzte auf Deutsch erschienene Buch von Anne Cassidy gelesen habe: „Wer ist Jennifer Jones?„, ein einfühlsames Buch mit Elementen eines Psychothrillers, das mir gut gefallen hat. „Die einzige Zeugin”, das neue Buch der britischen Schriftstellerin, ist ihrem Debütroman in vielem ähnlich. Wieder ist die Hauptperson ein Mädchen, das in einer schwierigen Lebenslage steckt. Um was genau es geht, erfahrt ihr, wenn ihr weiterlest …

Inhalt:

Lauren ist mit ihrer Tante Jessica und ihrem Onkel Donny von St. Agnes, einem Ort an der Küste, vor kurzem nach London gezogen, weil ihr Onkel dort eine Stelle als Lehrer gefunden hat. Doch damit kehrt Lauren zugleich an einen Ort zurück, mit dem sie Schreckliches verbindet. Hier sind nämlich ihre Mutter sowie ihre kleine Schwester, als Lauren sieben Jahre alt war, unter tragischen Umständen zu Hause in ihrem Bett ermordet worden. Des Mordes beschuldigt und schließlich verurteilt wurde ihr Vater, der seitdem im Gefängnis sitzt. Kontakt hat Lauren zu ihm keinen mehr – sie will auch nichts mit ihm zu tun haben.

Warum Lauren das Haus der Schreckenstat, in dem sie früher mit ihrer Familie gelebt hat, immer wieder aufsucht, weiß das Mädchen selbst nicht so genau. Mehrmals schleicht sie um das Gebäude, das zwischenzeitlich umgebaut wurde. Als sie dabei einen Jungen sieht, der von einer längeren Reise zurückzukehren scheint und in das Haus geht, bemerkt dieser Lauren, und später begegnen die beiden sich zufällig in einem Museeumscafé wieder.

Nathan, wie der Junge heißt, spricht Lauren an und gibt gleich zu erkennen, dass er sich für das Mädchen interessiert. Doch Lauren verhält sich eher abweisend, vor allem, als Nathan sie zu sich nach Hause einlädt. Sie erzählt ihm auch nichts von der Ermordung ihrer Mutter und Schwester …

Doch dann wird Lauren ein weiteres Mal mit der Tat konfrontiert, weil die neue Rechtsanwältin ihres Vaters den Prozess erneut aufrollen möchte. Dass Laurens Vater, der nach wie vor seine Unschuld beteuert, damals verurteilt worden war, hatte auch mit einer Aussage Laurens vor der Polizei zu tun: Sie hatte ihren Vater nach der Tat mit dem Messer in der Hand gesehen. Dass er kurz darauf verschwunden ist, hat den Verdacht, dass er seine Frau und Tochter ermordet hat, damals erhärtet.

Bewertung:

„Die einzige Zeugin“ (Übersetzung: Maren Illinger) ist nun wirklich kein Thriller, wie es auf dem Cover steht – das Prädikat „Psychothriller“ würde dem Buch schon eher gerecht werden. Aber eigentlich ist Anne Cassidys zweites Buch eher ein gut erzählter Jugendroman mit gewissen Spannungselementen.

Auch wenn das Buch zwischen den Buchdeckeln nicht ganz verspricht, was außen drauf steht, so habe ich „Die einzige Zeugin“ gerne gelesen. Lauren ist eine Figur, die sympathisch ist und deren Verwirrung, was den Mord an ihrer Mutter und Schwester betrifft, gut dargestellt wird. Durch die äußeren Umstände wird das Mädchen dazu gezwungen, sich der Vergangenheit zu stellen, und dabei tritt nach und nach einiges Neues zu Tage.

Wichtig ist, dass diese Haupthandlung in ein stimmungsvolles Ganzes eingebettet ist. Da wäre zum einen die gerade zerbrechende Beziehung zwischen Laurens Tante Jessica und ihrem Mann Donny zu nennen. Dieser Erzählstrang hat nur am Rande etwas mit Laurens Vergangenheit zu tun, aber er schafft eine Hintergrundatmosphäre, die gut zum Hauptstrang des Buches passt. Zum anderen lernt Lauren Nathan kennen, und was eher vorbelastet beginnt, weil Nathan im Haus des Mordes wohnt, entpuppt sich nach und nach als zarte und einfühlsame Liebesgeschichte. Nathan ist Lauren gegenüber vorsichtig, lässt ihr Zeit, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen und drängt das Mädchen nur in Ansätzen und immer feinfühlig, sich der Vergangenheit zu stellen.

Das alles wirkt ziemlich unaufgeregt – vor allem für einen Thriller –, aber gerade deswegen ist Anne Cassidys zweites Werk letztendlich lesenswert. Sehr behutsam wird man als Leser an die schrecklichen Erlebnisse von Lauren herangeführt.

Und dann ist da noch der Schluss. Lange Zeit denkt man sich, dass das Buch ganz klar auf ein bestimmtes Finale hinausläuft, so dass man beim Lesen schon fast etwas Langeweile empfindet. Doch wie Laurens Mutter nun wirklich ums Leben gekommen ist – da kommt dann alles ganz anders, als man es erwartet hat. Dafür, dass Anne Cassidy diesen Haken schlägt, war ich der Autorin dankbar. Denn vorhersehbare Bücher sind irgendwann nur einschläfernd …

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten.
Dass „Die einzige Zeugin“ Anne Cassidys erstem Jugendroman „Wer ist Jennifer Jones?“ nicht ganz unähnlich ist – sowohl was die Dramaturgie als auch die Stimmung betrifft –, hat mich nicht gestört. Beide Bücher sind nicht knisternd hochspannend, sondern entfalten sehr gezielt und vorsichtig ein paar Psychothriller-Elemente. Dass das Ganze dennoch funktioniert, liegt daran, dass in „Die einzige Zeugin“ neben dem Haupt-Plot auch noch anderes erzählt wird – darunter eine Liebesgeschichte, in der es um Vertrauen und Behutsamkeit geht.

Action-Fans kommen bei diesem Buch nicht auf ihre Kosten – dafür passiert in der Geschichte zu wenig. Doch wer feinsinnige Spannung und stimmungsvolle Jugendromane mag, der wird sich bei Anne Cassidys zweitem Jugendroman wohlfühlen. Stimmig wird Laurens Geschichte jedenfalls erzählt – genau das ist die Stärke dieses Jugendromans.

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(Ulf Cronenberg, 11.03.2012)

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