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Buchbesprechung: Agnes Hammer „Regionalexpress“

Cover Agnes HammerLesealter 14+(script5-Verlag 2011, 265 Seiten)

Deutsche, die zum Islam übertreten und dabei in die Fahrwasser radikal-islamischer Gruppierungen gelangen, werden häufig Konvertiten genannt. In den letzten gut 10 Jahren gab es immer wieder Vorfälle, wo seltsamerweise gerade Konvertiten auch in geplante Sprengstoffanschläge verwickelt waren – meist als Mittäter. Warum Jugendliche, die in Deutschland aufgewachsen sind, sich so radikalisieren lassen, ist für die meisten Menschen wohl unverständlich. Agnes Hammer, die 2010 das Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium als fördernswerte Jugendbuchautorin bekommen hat, hat sich in ihrem neuen Buch „Regionalexpress“ mit dem Thema auseinandergesetzt und genau einen solchen Jungen zur Hauptfigur gemacht.

Inhalt:

Max, aber auch seine Schwester Paula kommen mit ihren Eltern nicht gerade gut aus, und das liegt vor allem daran, dass ihre Eltern auf der Esoterikwelle schwimmen. Die Mutter lebt davon, Menschen mit gemeinsamen Meditationen und Sitzungen zu helfen, während der Vater sich eher um das Finanzielle kümmert. Zu Hause herrscht eine übertriebene Sanftmut, die Max und Paula jedoch als völlig aufgesetzt erleben und gegen die sie sich immer wieder wehren.

Weil Max einem türkischen Jungen namens Adil am Bahnhof gegen Rechtsradikale hilft, freundet er sich mit diesem an. Adil ist nett, will Max jedoch davon überzeugen, dass er doch einmal mit in die islamische Gemeinde kommt. Eher widerwillig geht Max mit, doch je öfter er an den Treffen teilnimmt, umso mehr fühlt er sich zum Islam und zu den Brüdern dort hingezogen. Vor allem vom geheimnisvollen Mohammed ist er – ohne es selbst zu begreifen – fasziniert.

Langsam gleitet Max immer mehr in den radikalen Islam ab und wird somit auch, ohne dass er es gleich merkt, in einen Attentatsplan mit hineingezogen. Zu Hause hält es Max bald gar nicht mehr aus, es gibt nur noch Streit mit seinen Eltern, und so haut er schließlich von zu Hause ab, um erst einmal bei einem islamischen Bruder unterzukommen. Vorher hatte er noch, nachdem er die TAN-Liste seines Vaters gefunden hat, 3000 Euro auf sein eigenes Konto überwiesen.

Bewertung:

„Regionalexpress“ ist mal wieder ein Buch, das man „Werbungs-Thriller“ nennen könnte – also ein Buch, das zwar eine gewisse Spannung entfaltet, aber weit davon entfernt ist, das zu sein, was ich unter einem Thriller verstehe. Das Prädikat hat das Buch wohl nur bekommen, weil es verkaufsfördernd ist.

Aus drei Perspektiven wird Agnes Hammers neuer Jugendroman erzählt. Zu den bereits erwähnten Personen Max und Paula kommt noch eine dritte Figur hinzu: der beim Verfassungsschutz arbeitende Kemper – ein Mann, der zunächst Karriere gemacht hat, durch den Tod seiner Frau dann aber jegliche Motivation an der Arbeit verloren hat. Erzähltechnisch ist das geschickt gemacht – alle paar Seiten wechselt die erzählende Person. Wieso Paula auch als Erzäherlin gewählt wurde? Max‘ Schester ist insofern in die Geschichte mit Max und Adil involviert, als sie sich gleich bei der ersten Begegnung in Adil verliebt.

Die Idee für das Buch hat Agnes Hammer, wie sie im Nachwort schreibt, schon länger mit sich herumgetragen – Zeitungsberichte über islamische Attentäter und die Rollen von Konvertiten gibt es ja schon seit einiger Zeit. Mal jenseits von der Story an sich, die solide und im Großen und Ganzen packend erzählt ist, ist für mich bei einem Buch mit solchem Thema jedoch noch etwas ganz anderes wichtig: Wie wird die Entwicklung eines deutschen Jugendlichen zum Attentäter psychologisch erklärt?

Und hier patzt Agnes Hammer in ihrem Roman leider. Für mich wird die Radikalisierung von Max überhaupt nicht plausibel nachgezeichnet, und ich schätze, das liegt zum einen daran, dass die Autorin zu wenig recherchiert hat, zum anderen daran, dass sie sich nicht ausreichend in die Gefühlslage eines solchen Jungen hineinversetzen konnte. Hier bleiben im Buch einfach viele Fragen offen – darunter: Wie geht Max eigentlich damit um, dass er Menschen töten wird? Wie kann er das rechtfertigen? Wie passt das zu seiner früheren Gesinnung? Und warum hat sie sich geändert? Die wenigen Passagen hierzu bleiben fragmentarisch und oberflächlich – und das, obwohl sich einem die Fragen beim Lesen aufdrängen … Das Buch bleibt die Antworten im Wesentlichen schuldig.

Das gilt auch für Max‘ Hinwendung zum Islam: Was ihn daran wirklich so fasziniert, wird in dem Buch nur angedeutet. Natürlich könnte man Mohammed und seine Gefolgschaft als Ersatzfamilie für Max ansehen, aber beleuchtet, ausreichend erklärt und dargestellt wird das leider nicht. „Regionalexpress“ macht damit den Eindruck, nicht wirklich erhellend für die psychologischen Fragestellungen hinter dem Thema zu sein, sondern stattdessen nur solide seinen Plot zu erzählen. Und das ist einfach zu wenig …

Fazit:

2 von 5 Punkten. Es kommt selten vor, dass ich so wenige Punkte vergebe, aber dieses Mal konnte ich nicht anders. Betrachtet man das Buch an sich ohne den politisch-religiösen Hintergrund, in dem es angesiedelt ist, kann man „Regionalexpress“ als ganz spannend erzählte Geschichte ansehen. Doch bei einem Buch, das ein solches Szenario entwirft, kann man die psychologischen und politische Dimension eben nicht außer Acht lassen. Jugendliche lesen dieses Buch und bekommen Bilder und Erklärungsmuster vom radikalem Islam und von Attentatsplanungen vermittelt, die höchst fragwürdig sind, weil sie vieles vereinfachen. Hier wird nichts erklärt, nichts psychologisch durchleuchtet, sondern der gesellschaftliche Hintergrund nur als Aufhänger für eine Geschichte hergenommen.

Wer sich mit dem Thema ein bisschen intensiver auseinandersetzen will, der kann zu Martin Schäubles Sachbuch „Black Box Dschihad“ (Hanser-Verlag 2011) greifen. Darin wird dokumentarisch der reale Lebensweg eines Konvertiten nachgezeichnet – und dieser wird um einiges plausibler (wenn auch etwas dröger) dargestellt als in „Regionalexpress“.

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(Ulf Cronenberg, 14.02.2012)

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