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Buchbesprechung: Rolf Lappert „Pampa Blues“

Cover Rolf LappertLesealter 15+(Hanser-Verlag 2012, 252 Seiten)

Eine alte Zapfsäule auf einer ungemähten Wiese. Ist das kein passendes Sinnbild für das Leben auf dem Land fernab von Städten – oder wie es im Titel heißt: für die „Pampa“? Ein hübsches und passendes Buchcover jedenfalls.

„Pampa Blues“ ist nicht Rolf Lapperts erster Jugendroman – aber seine früheren Werke kenne ich nicht. Von daher war das für mich zumindest die erste Bekanntschaft mit dem Schweizer Autor, der früher vor allem als Drehbuchautor gearbeitet hat.

Inhalt:

Ben lebt mit seinen 17 Jahren seit einiger Zeit in Wingroden, einem kleinen Örtchen, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Fremde verirren sich kaum dorthin, die Zahl der Einwohner ist beschaulich, man trifft sich abends im einzigen Gasthaus auf ein oder mehrere Bier. Bens Vater ist vor acht Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, seine Mutter tingelt mit einer Jazzband durch Europa und lässt sich nur selten sehen.

Nach Wingroden ist Ben gekommen, weil dort sein Großvater Karl lebt. Bens Mutter hat es arrangiert, dass ihr Sohn bei Karl, der eigentlich für einen Ausbilder schon zu alt ist, eine Gärtnerlehrer macht. Doch davon kann keine Rede mehr sein: Karl hat in den letzten beiden Jahren stark abgebaut und ist dement. Ben kümmert sich meist rührend, oft aber auch genervt um seinen Großvater, er verzweifelt außerdem immer wieder daran, dass er in einem solchen Nest festsitzt.

Maslow, der Besitzer des Gasthauses, plant schon seit langem, Wingroden endlich aus der Bedeutungslosigkeit herauszuholen. Doch von seinen bisherigen Plänen wurde keiner realisiert. Sein neuester Coup ist jedoch noch verrückter als alle bisherigen: Er hat ein UFO-Modell gebaut, das er den Einwohnern Wingrodens nachts erscheinen lässt. Maslow erhofft sich, dass Wingroden bald, wenn die Presse erst mal Wind von dem UFO bekommt, zu einem Pilgerort für UFO-Besessene wird.

Als kurz darauf eine junge Frau namens Lena mit einem alten Citroën in dem Kaff strandet, glaubt Maslow, dass es sich um eine Journalistin handelt, die sich unerkannt mit dem UFO-Phänomen beschäftigen und darüber berichten will. Lena wird hoffiert. Ben kommt manches jedoch komisch vor, weil Lena sich überhaupt nicht wie eine Journalistin verhält. Überhaupt taugen Maslows UFO-Plänen seiner Meinung nach nichts.

Bewertung:

So ganz einfach hat man es mit „Pampa Blues“ am Anfang nicht. Denn ähnlich wie in Wingroden passiert auf den ersten 50 Seiten etwas wenig. Man lernt die Dorfbewohner Wingrodens kennen, erfährt Hintergründe zu Ben und Karl – aber allzu viel an Handlung gibt es nicht. Erst als Maslows Idee mit dem UFO geboren wird, muss man das erste Mal lachen, etwas später taucht Lena auf – und dadurch kommt „Pampa Blues“ endlich auch in Fahrt. Von da ab liest sich Rolf Lapperts Buch quasi von alleine und wird zunehmend sympathisch.

„Sympathisch“ ist überhaupt das richtige Stichwort – denn genau das ist Rolf Lapperts Jugendroman. Liebenswert werden alle Figuren – unter den Dorfbewohnern sind so einige schrullige Typen – gezeichnet. Das gilt vor allem für Ben, der auch Ich-Erzähler ist. Klar, dass er daran leidet in einem Kaff festzusitzen, in dem nichts passiert, klar auch, dass er oft von Karl genervt ist. All das kann man gut nachvollziehen. Träume hat Ben trotzdem bzw. gerade deswegen: Er will einen alten VW-Bus herrichten und damit später nach Afrika reisen. Und dass mit Mädchen bisher nichts gelaufen ist, macht ihm auch manchmal zu schaffen. Kurz gesagt: Ben ist eine lebensnahe Figur, mit der man sich identifizieren kann.

Dass Lena das Dorf etwas aufmischt, auch weil sie für jemanden gehalten wird, der sie gar nicht ist, war natürlich zu erwarten, sobald die Figur eingeführt ist. Aber auch hier bleibt die Geschichte sympathisch und – was wichtig ist – nicht in allem vorhersehbar. Das Gleiche gilt letztendlich auch für die UFO-Geschichte, die ebenfalls anders endet, als man es sich ausmalt.

Außerdem gibt es eine Stelle im Buch, die einem fast das Herz bricht: Ben lässt Karl zurück, um einem seiner Träume (mehr sei darüber nicht verraten) nachzugehen. Das erste Mal hadert man als Leser mit Ben, will es nicht wahrhaben. Und dann kommt wieder alles anders als gedacht. Rolf Lappert hat jedenfalls – das bleibt festzuhalten – ein gutes Gespür für Dramaturgie.

Nach 250 Seiten legt man schließlich das Buch aus der Hand und ist auch gänzlich mit dem etwas drögen Einstieg versöhnt. Man hat die skurrilen Figuren lieb gewonnen, hätte auch nichts gegen 100 weitere Seiten einzuwenden, hadert ein wenig mit dem halboffenen Ende, das jedoch stimmig ist.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Pampa Blues“ ist wirklich ein gutes Buch: geschickt aufgebaut, liebevoll ausgestattet und sympathisch geschrieben. Wäre ich Regisseur, würde ich mir die Filmrechte an diesem Buch sichern. Man kann die Bilder zu diesem Buch beim Lesen förmlich vor sich sehen – gut umgesetzt, würde „Pampa Blues“ sicher einen tollen Film abgeben.

Ich kann nur sagen: Ich mag dieses Buch – dass die Geschichte am Anfang etwas langsam anläuft, kann man am Ende akzeptieren. Das Buch nimmt sich Zeit, die Charaktere und die Situation einzuführen – und zwar so, dass man die Langeweile von Wingroden (auf Seite 178 kann man übrigens lesen, dass der Ortsname aus den gleichen Buchstaben wie das Wort „nirgendwo“ besteht) beim Lesen förmlich spüren kann.

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(Ulf Cronenberg, 07.02.2012)

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Kommentare (0)

  1. Klara

    Begeisterte Zustimmung: Der „Lappert“ wird sicher eines „meiner“ Jugendbücher in diesem Jahr. Der ältere Titel des Autors „Nach Hause schwimmen“ (Schweizer Buchpreis 2008 und Shortlist Deutscher Buchpreis) ist mindestens genauso gut – aber da würde ich im Alter noch hochgehen, empfehle ich eigentlich nur Erwachsenen …

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  2. Alice Gabathuler

    Rolf Lappert ist ein wunderbarer Erzähler. „Nach Hause schwimmen“ ist ein Baden in wunderbaren Sätzen einer herrlichen Geschichte. Der „Pampa Blues“ steht auf meiner Bucheinkaufsliste – denn selbst wenn bei Lappert nichts passiert, liest sich das total gut (das muss man erst einmal können).

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  3. Christoph Enzinger

    Das Buch beginnt dem Titel gemäß. Ich dachte mir: Wenn jetzt nicht bald etwas passiert, bekomme auch ich den Blues. Aber genau da passierte es!
    Ist das ein schönes, skurriles, witziges, liebswürdiges Buch! Wie eine gute Mischung aus John Green (Lena ist wohl direkt einem seiner Romane entsprungen) und Marie-Aude Murail.

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  4. franz peter

    Das Buch ist meiner Meinung nach nicht besonders gelungen, da viel zu viel beschrieben wird.

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  6. Ami

    „Pampa Blues“ ist jetzt kein Buch, das ich mir selbst gekauft hätte. Ich habe es von meiner Mutter, die von Rolf Lapperts „Nach Hause schwimmen“ ganz begeistert ist, geschenkt bekommen. Mir ging es auch so, dass mich der Anfang, an dem noch gar nichts wirklich passiert, ziemlich langweilte – ich hatte das Buch nach den ersten drei Kapiteln für ein paar Monate weggelegt und mich erst kürzlich zum Weiterlesen gezwungen. Aber dann passiert tatsächlich noch was, als der Plan mit dem UFO aufkommt.

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