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Buchbesprechung: Andreas Steinhöfel „Rico, Oskar und der Diebstahlstein“

Cover Andreas SteinhöfelLesealter 10+(Carlsen-Verlag 2011, 328 Seiten)

Rico und Oskar, der Tief- und der Hochbegabte, sind zwei Kinderbuch-Figuren, mit denen sich Andreas Steinhöfel in den letzten Jahren in die Herzen vieler Kinder und Erwachsener geschrieben hat. Für Band 1 hat Steinhöfel zahlreiche Preise eingeheimst, darunter den Deutschen Jugendliteraturpreis 2009 für das beste Kinderbuch. Die Fortsetzung („Rico, Oskar und das Herzgebreche“) wurde von manchem Leser nicht ganz so begeistert aufgenommen. Und inzwischen gibt es Band 3, der unter dem Titel „Rico, Oskar und der Diebstahlstein“ schon vor ein paar Monaten erschienen ist. Bisher hatte ich keine Zeit gefunden, ihn zu lesen – doch endlich konnte ich das nachholen.

Inhalt:

Es ist einiges passiert seit Band 1, wo Rico und Oskar den Erpresser Mister 2000 gestellt haben: Oskar wohnt inzwischen mit seinem Vater Lars ebenfalls in der Dieffe 93, und zwar in der früheren Wohnung von Rico und seiner Mutter, die jetzt im fünften Stock leben. Ricos Mutter ist schon länger mit Bühl, einem Polizisten, der auch im Haus wohnt, zusammen, und die beiden wollen einen Schnäppchen-Urlaub auf Sri Lanka verbringen. Rico soll in der Zeit bei Oskar und seinem Vater unterkommen.

Doch bevor die Reise beginnt, passiert etwas Tragisches. Rico und Oskar finden den alten Fitzke tot im Treppenhaus. Die Beerdigung findet ausgerechnet am Tag der Abreise von Oskars Mutter und Bühl statt, und so müssen die beiden direkt von der Beerdigung zum Flughafen gebracht werden.

Im Testament von Fitzke steht, dass Rico dessen Steinsammlung erben soll, doch als sie diese in Fitzkes Wohnung begutachten, stellen sie fest, dass ein wichtiger Stein fehlt. Das weckt Oskars und Ricos detektivischen Spürsinn, und schon bald finden sie heraus, dass der Stein wohl von Julia, der Tochter von Hauswart Mommsen, geklaut wurde. Diese befindet sich mit ihrem Freund jedoch gerade an der Ostsee, und Rico und Oskar befürchten, dass sie den Stein dort verticken will. Also schmieden die beiden den Plan, selbst an die Ostsee zu fahren, um Julia zu stellen, was nicht ganz so einfach ist, weil die Erwachsenen davon ja nichts mitbekommen sollen …

Bewertung:

Natürlich habe ich mich auf den dritten Band von „Rico“ gefreut, doch – ehrlich gesagt – habe ich mich am Anfang mit dem Buch ziemlich schwer getan. Und das lag schlicht und einfach daran, dass Andreas Steinhöfel auf den knapp ersten 100 Seiten alle Charme- und Witz-Register zieht, was jedoch ziemlich übertrieben und krampfhaft wirkt. Ständig springen in Ricos Kopf die bekannten Bingokugeln an und treiben ihr Unwesen. Die Bingokugeln waren schon in Band 2 etwas überstrapaziert worden – und so geht es in Band 3 weiter. Natürlich gibt es immer wieder etwas zu lachen (z. B. wenn Rico auf einer Karteikarte Paranoia mit falscher Schreibung – „Para-Neujahr“ – erklärt und sich fragt, was das mit dem Jahreswechsel zu tun hat) – aber ein bisschen krampfhaft witzig wirkte der Einstieg auf mich doch.

Die Stärken der „Rico“-Bücher kommen dann gottseidank später doch wieder zum Tragen, und zwar ab dem Moment, wo Rico und Oskar an die Ostsee fahren und endlich ein Abenteuer erleben. Der Witz von Steinhöfels Bücher funktioniert eben – das ist meine Schlussfolgerung – nicht nur über die Sprache, sondern lebt auch davon, dass eine liebenswerte und spannende Geschichte mit Komplikationen, Missverständnissen und Streitereien erzählt wird. Und das fehlt anfangs in dem Buch eben.

Ab Seite 100 spätestens stellt sich das vertraute „Rico“-Lesegefühl ein. Die beiden Minihelden sind Julia und ihrem Lover auf der Spur, treffen an der Ostsee zufällig andere Bekannte und müssen immer wieder improvisieren. Gut gefallen hat mir hier auch, dass Rico und Oskar einmal so richtig aneinanderrauschen: Rico ist von Oskars Besserwisserei und Empfindlichkeit genervt und stiefelt am Strand dann einfach davon. Oskar bleibt zurück wie ein hilfloses Kind und lässt den Freund ziehen. Da wird dann klar, dass es eben nicht so einfach ist, wenn ein Junge mit ADHS und ein hochbegabter, aber oft wenig einfühlsamer Junge aufeinandertreffen.

Band 3 soll der letzte Band der „Rico“-Reihe sein (und ich glaube, das ist auch richtig so). Da muss natürlich die Gesamtgeschichte zu Ende gebracht, nicht nur der kleine Kriminalfall des Bandes gelöst werden. Am Ende steht ein versöhnliches familiäres Ende für alle Beteiligten – „Rico, Oskar und der Diebstahlstein“ ist hier ganz Kinderbuch. Aber das passt auch so.

Fazit:

4 von 5 Punkten. An Band 1 der „Rico“-Trilogie kommt „Rico, Oskar und der Diebstahlstein“ nicht ganz heran, und das liegt vor allem daran, dass die Geschichte zu lange braucht, um ihren Reiz zu entfalten. Ein bisschen zu ausführlich und selbstverliebt wird die Detektivgeschichte eingeführt. Das sind Schwächen, die Band 1 eben nicht hatte.

Dennoch: Wer die Vorgängerbände von „Rico“ gelesen und geliebt hat, kommt natürlich auch an Band 3 nicht vorbei, und wenn man die Trilogie insgesamt resümiert, so bleibt festzuhalten, dass sie ohne Zweifel zu den Höhepunkten des deutschen Kinderbuchs der letzten 10 Jahre gehört. Andreas Steinhöfel hat liebenswerte Hauptfiguren, die das wirkliche Leben liebevoll auf die Schippe nehmen, geschaffen, er zeigt einen Sprachwitz und eine Sprachgewandtheit (wer wusste vor „Rico“ schon, was Müffelchen sind?), die es sonst im Kinderbuchbereich nirgends so zu lesen gibt, und die Kinderdetektivgeschichten stehen in bester Tradition zu Erich Kästner, dessen Bücher jedoch schon etwas in die Jahre gekommen sind.

Mit „Rico“ ist es nach diesem Band, wenn man Andreas Steinhöfels Worten glauben darf, damit vorbei. Das mag man schade finden, ist aber richtig – die Gefahr ist zu groß, dass sich die Idee sonst totläuft (in Ansätzen hat sie das in Band 3 schon leicht getan). Ich bin jedoch schon sehr gespannt, was von Andreas Steinhöfel dann als Nächstes kommt … Wie wär es mal wieder mit einem Jugendbuch?

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(Ulf Cronenberg, 04.02.2012)

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Kommentare (0)

  1. Marten

    Jetzt gibt es ja gerade den Film zum Buch um Kino und auch ein Filmhörbuch: http://www.hoerbuch-hamburg.de/hoerbuecher/steinhoefel-rico-oskar-und-der-diebstahlstein-das-filmhoerspiel-3508/

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