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Kurzrezension: Kevin Brooks „Schlafende Geister“

Cover Kevin BrooksLesealter 16+(dtv 2011, 397 Seiten)

Ein neues Buch von Kevin Brooks? Ja, aber diesmal ist es kein Jugendroman. „Schlafende Geister“ ist ein Kriminalroman für Erwachsene; als großer Fan von Kevin Brooks bin ich nicht umhin gekommen, mir den ersten Ausflug des britischen Autors ins Erwachsenenmetier anschauen. Und auch wenn es kein Jugendroman ist: Ich habe mich dennoch entschlossen, das Buch hier vorzustellen. Für Leser ab 16 Jahren sind ja durchaus auch Erwachsenenkrimis oft eine geeignete Lektüre …

John Craine ist Privatdetektiv und hat in seinem Leben schon einiges mitgemacht. Seine Frau Stacey wurde vor vielen Jahren in der gemeinsamen Wohnung vergewaltigt und dann getötet. Er selbst hat sie, als er von der Arbeit nach Hause kam, im Schlafzimmer ermordet vorgefunden. Sein Vater, der Polizist war, hat außerdem Selbstmord begangen. Hintergrund für die Tat war, dass er von korrupten Polizisten drangsaliert worden war.

Als eine ältere Frau John Craine beauftragt, nach ihrer vor einem Monat verschwundenen Tochter Anna zu suchen, ahnt John Craine noch nicht, auf was er sich eingelassen hat. Die Polizei hat sich jedenfalls anscheinend nur recht oberflächlich mit dem Verschwinden von Anna beschäftigt, vermutet, dass das Mädchen einfach von zu Hause abhauen wollte.

Craine glaubt schon bald, dass Anna nicht mehr lebt. Er findet heraus, dass die junge Frau nicht das harmlose Mädchen, das ihre Mutter in ihr sah, war. Anna war heroinsüchtig, verdiente das Geld für die Drogen unter anderem auf dem Straßenstrich, und ihr Vater scheint sie sexuell missbraucht zu haben. Nach einigen Recherchen entdeckt Craine schließlich die Leiche des Mädchens. Doch damit ist alles noch nicht beendet. Denn ein korrupter Polizist, der schon seinem Vater zugesetzt hat, scheint gehörig Dreck am Stecken zu haben und will verhindern, dass Craine allzu viel über die Hintergründe zu Annas Tod herausfindet.

„Schlafende Geister“ (Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn) ist ein waschechter Kriminalroman, in dem es nicht gerade zimperlich zugeht. In dem Buch steckt einiges an Gewalt – aber das ist in den Jugendromanen von Kevin Brooks ja nicht anders. Allerdings ist die Gewalt hier eher Selbstzweck und Unterhaltung, während sie in den Jugendbücher von Brooks‘ meist ein Vehikel dafür ist, dass Jugendliche in Grenzsituationen auf sich selbst zurückgeworfen werden. Haben die Jugendbücher auch einen gewissen philosophischen Überbau (zumindest auf den zweiten Blick), so fehlt dieser bei „Schlafende Geister“ eindeutig.

Für Spannung ist in dem Buch jedenfalls ausreichend gesorgt. Der Plot stimmt, schlägt manchmal vielleicht einen kleinen Haken zu viel, ist im Großen und Ganzen jedoch plausibel. Wie man es von Kevin Brooks gewohnt ist, liegt die Stärke seines Kriminalromans jedoch in etwas anderem: der Figurenzeichnung.

John Craine ist trotz seiner nicht gerade unbescholtenen Vergangenheit ein sympathischer Typ. Die Vorkommnisse holen seine vielen traumatischen Erinnerungen hoch – daher kommt auch der Titel „Schlafende Geister“. Sein Gegenspieler, DCI Michael Bishop, ist dagegen ein skrupelloser und korrupter Bulle und verkörpert quasi das Böse; erst ganz am Ende bekommt er leicht menschliche Züge. Doch nicht nur die beiden, auch die anderen Figuren werden psychologisch dicht, vielleicht manchmal leicht klischeehaft und überzeichnet beschrieben  – aber das ist im Krimi-Metier so üblich. Entziehen kann man sich dem Sog der Figuren und damit dem Buch jedoch nicht.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Kevin Brooks‘ erster Kriminalroman für Erwachsene ist durchaus ein gelungenes Debüt im Erwachsenensektor. Aber ganz ehrlich: An die besten Jugendbücher des britischen Autors kommt „Schlafende Geister“ nicht heran. Das liegt vor allem daran, dass dem Buch eine zweite Ebene fehlt, die seinen Jugendromanen meist zugrunde liegt. Somit ist Brooks‘ Krimi gute und nervenaufreibende Unterhaltung – aber eben auch nicht wesentlich mehr.

Mit dem Lesen aufhören wollte ich trotzdem nicht – „Schlafende Geister“ ist ein packender Roman und hat mich gestern Abend fast um den Schlaf gebracht. Nicht der Geschichte wegen, sondern weil ich mit dem Lesen nicht aufhören wollte, obwohl es schon recht spät war.

Wer befürchtet, dass Kevin Brooks das Jugendbuchschreiben aufgibt, kann beruhigt werden: Mir wurde vom Verlag gesagt, dass weitere Jugendromane in Planung sind. Bis es neuen Lesestoff für Jugendliche von Kevin Brooks gibt, kann man sich von „Schlafende Geister“ unterhalten lassen – allerdings sollte man dazu schon etwas älter als die sonst meist für Brooks-Bücher gültigen 14 Jahre sein.

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(Ulf Cronenberg, 29.01.2012)

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Kommentare (0)

  1. Barbara Beiner-Meßing

    Ich hätte „Schlafende Geister“ wegen der Brutalität nicht unbedingt bei „Jugendbuchtipps“ gesucht, aber klar, es ist sicherlich ein Grenzgänger für ältere Jugendliche. Der Beurteilung stimme ich uneingeschränkt zu, du triffst es wieder einmal, Ulf!

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