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Buchbesprechung: Alois Prinz „Der Brandstifter. Die Lebensgeschichte des Joseph Goebbels“

Cover Alois PrinzLesealter 16+(Beltz & Gelberg-Verlag 2011, 319 Seiten)

Alois Prinz schreibt für Jugendliche unermüdlich Biografien berühmter Persönlichkeiten. Zu den bisher veröffentlichten Büchern gehören Werke über Schriftsteller wie Franz Kafka oder Hermann Hesse, über die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof oder auch über den Apostel Paulus. Prinz‘ neueste Biografie widmet sich einem besonders dunklen Kapitel der Deutschen Geschichte: dem Dritten Reich. Sie handelt von Joseph Goebbels, dem Mann, der die nationalsozialistische Propaganda in seinen Händen hatte und der bekannt für seine flammenden demagogischen Reden war. Über Goebbels zu schreiben, ist sicher kein einfache Sache, eher eine gewagtes Unterfangen, soll ein Biograf doch den Tatsachen neutral verpflichtet bleiben.

Der Aufbau der Biografie ist im Großen und Ganzen chronologisch, bloß im ersten Kapitel, das Alois Prinz mit „Prolog” übertitelt, weicht er davon ab. Prinz beginnt damit, vom letzten Tag Joseph Goebbels‘ im Führerbunker in Berlin zu berichten, als er und seine Frau Magda einige Tage nach Hitlers Selbstmord nicht nur sich selbst, sondern auch ihre sechs Kinder töteten, damit sie nicht der sowjetischen Armee in die Hände fallen.

Nach dem Prolog wird alles zeitlich korrekt dargestellt: Goebbels wächst in ärmlichen Verhältnissen im Rheinland auf, ist nach einer Erkrankung gehbehindert und wird von Mitschülern lange gehänselt. Erst nach und nach entdeckt Goebbels, wie er sich wehren kann: Indem er ein hervorragender Schüler wird, kann er sich von anderen absetzen und die Schmach, als Behinderter nicht in den Ersten Weltkrieg eingezogen zu werden, zumindest für sich selbst ein wenig abmildern.

Beim anschließenden Studium an ganz verschiedenen Orten in Deutschland verzettelt sich Goebbels ziemlich: Schuld sind unter anderem seine oft unglücklichen Liebesbeziehungen, außerdem gibt er, um gut dazustehen, chronisch Geld aus, das er gar nicht hat. Nebenbei schreibt Goebbels schwulstige Gedichte, Romane und Dramen, in denen sein eigenes Leid widergespiegelt wird. Dass davon nichts veröffentlicht wird, stärkt Goebbels‘ Vorstellung davon, dass niemand sein Genie erkennt.

Es dauert einige Zeit, bis er sich den Nationalsozialisten anschließt, weil er anfangs nur begrenzt mit ihren Ideen sympathisiert. Goebbels ist zu sozialistisch, antikapitalistisch eingestellt, um so richtig hinter den Nationalsozialisten zu stehen. Doch Hitler, der ihn geschickt für sich einzusetzen weiß, vermag Goebbels schließlich doch in einen glühenden Verehrer seiner Politik zu verwandeln.

Der Aufstieg im Dritten Reich dauert etwas, aber am Ende ist Goebbels vor allem wegen seiner Überzeugungskraft und Gabe, packende Reden zu halten, Propagandaminister. Geschickt verkauft er die Gräueltaten des Dritten Reiches und am Ende auch das zunehmend sichtbar werdende Scheitern des Dritten Reiches.

Was Alois Prinz da auf relativ eng beschriebenen 300 Seiten über Joseph Goebbels zusammengetragen hat, ist eine große Fleißarbeit, für die man Bewunderung zeigen muss. Das Buch ist gut recherchiert, in Endnoten werden die Quellen belegt, und die Biografie liest sich außerdem flüssig. Dass das Buch mit einem Paukenschlag beginnt und hier von der chronologischen Anordnung abweicht, ist ein geschickter Schachzug – denn als Leser wird man sofort in das Geschehen hineingeworfen, stellt sich automatisch Fragen, was das für eine Person ist, die die eigenen Kinder umbringt.

Die psychologische Hauptfrage des Buches ist immmer wieder: Wie konnte Goebbels zu dem Demagogen und Brandstifter (wie es im Titel heißt) werden, der er am Ende war. Und darauf gibt Alois Prinz immer wieder eine Antwort. Sehr genau wird beschrieben, wie Goebbels Widersprüche zwischen seinen eigenen Ansichten und den Ideologien des Dritten Reiches auszublenden vermochte. Was Alois Prinz hier anführt – das verschweigt er aber nicht –, sind Hypothesen, die allerdings auch plausibel erklärt und nachvollziehbar erläutert werden.

Allerdings sollte man ganz klar sagen, dass „Der Brandstifter. Die Lebensgeschichte des Joseph Goebbels“ nicht für Jugendliche ab 14 Jahren geeignet ist, wie der Beltz & Gelberg-Verlag angibt. Dafür sind viele Dinge doch zu komplex dargestellt, oft wird sehr viel an Hintergrundwissen, das kaum ein 8.- oder 9.-Klässler haben dürfte, vorausgesetzt. Da wird – um ein Beispiel zu nennen – auf Seite 254 in einem Absatz auf den Vater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, eingegangen; aber um hier alles zu verstehen, muss man schon einiges über Freud und seine Theorien wissen. Das alles ist kenntnisreich zusammengetragen, erfordert aber einen vorgebildeten Leser. Und deswegen dürfte Alois Prinz‘ Goebbels-Biografie nur für Oberstufenschüler und Erwachsene in allem wirklich nachvollziehbar geschrieben sein.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Alois Prinz‘ „Der Brandstifter. Die Lebensgeschichte des Joseph Goebbels“ ist ein kluges und erhellendes Buch. Die 300 Seiten haben es in sich, aber man erfährt auch wirklich viel über die Person Joseph Goebbels‘ – eben nicht nur Geschichtliches, sondern gerade auch etwas über seine Persönlichkeit mit den vielen Widersprüchen. Letztendlich legt man das Buch einerseits mit viel neuem Wissen, andererseits aber dennoch geschockt aus der Hand. Zwar wird die Persönlichkeit Goebbels‘ recht plausibel erklärt, aber unfassbar bleibt dennoch, was und wie viel dieser Mann auf dem Kerbholz hat.

Ein Jugendbuch ist Alois Prinz‘ jedoch eher am Rande. Man sollte es nur Oberstufenschülern, hauptsächlich aber Erwachsenen empfehlen, weil einiges an Vorwissen vorausgesetzt wird: über das Dritte Reich, über philosophische, politische und psychologische Hintergründe. Begriffe wie „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ versteht ein 14-Jähriger normalerweise eben doch nicht.

Außerdem gibt es noch einen Kritikpunkt, der das Buch Jugendlichen eher verleiden dürfte: Eine etwas weniger konservative Aufmachung sowie vor allem mehr Fotos hätten dem Buch gut getan. Das sind auch die Gründe dafür, dass das Buch hier einen Punkt Abzug bekommt. Als Biografie für Erwachsene hätte es ganz klar die volle Punktzahl verdient.

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(Ulf Cronenberg, 25.12.2011)

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Kommentare (0)

  1. Gina

    Genauso ging es mir auch mit Prinz´ Biographie des Apostel Paulus „Der erste Christ“. Ein kluges, sehr erhellendes Buch, aus dem ich selbst sehr viel gelernt habe und nach dessen Lektüre mir vieles klarer war. Äußerst empfehlenswert – aber ein Fünfzehnjähriger wäre damit klar überfordert. Bleibt die Frage, warum die Bücher dennoch als Jugendbücher erscheinen. Die Strategie scheint ja irgendwie zu funktionieren.

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  2. Barbara Beiner-Meßing

    Ich stimme diesen Einschätzungen zu, könnte mir auch Jugendliche im 10. Schuljahr und älter vorstellen, die diese Biographien in Kombination mit einer Unterrichtsreihe zusätzlich lesen. Vielleicht ist das die „Strategie“?

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