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Buchbesprechung: Keren David „Mehr als nur ein Zeuge“

Cover Keren DavidLesealter 14+(dtv 2011, 378 Seiten)

Lesen Jugendliche eigentlich nur noch Thriller und Fantasy? Dass fast jedes Buch mit etwas Spannung zwischen den Buchdeckeln inzwischen mit der Kennzeichnung „Thriller“ versehen wird, finde ich jedenfalls etwas nervig. Mir sind schon viele Jugendbücher untergekommen, die zwar packend sind, bei denen aber das Prädikat „Thriller“ doch zu viel des Guten ist. (Das gilt auch für Keren Davids Jugendroman „Mehr als nur ein Zeuge“ – doch dazu später mehr …) Thriller, finde ich, müssen einen von vorne bis hinten in den Bann ziehen, sie müssen einen erschaudern lassen, man kann nicht aufhören, weiterzulesen, obwohl es einem eiskalt (gut, das ist ein Klischee) den Rücken herunterläuft … Heutzutage ist der Begriff jedoch eindeutig verwässert. Schade.

Inhalt:

Tyler ist Zeuge eines Mordes in einem Park geworden, an dem sein Freund Arron beteiligt war. Arron, der auch verletzt wurde, kann entkommen, wird später jedoch von der Polizei gefasst, Tyler dagegen hat einen Krankenwagen holen lassen, weil er hoffte, dass das Leben des anderen, stark verletzen Jugendlichen noch zu retten ist. Doch die Hilfe kam zu spät.

Für Tyler beginnt ein Albtraum. Er wird immer wieder von Polizisten als Zeuge verhört, und diese scheinen seinen Aussagen nur begrenzt zu glauben und meinen, er würde etwas verschweigen. Dennoch: Tyler ist der wichtigste Zeuge, und weil sein Leben in Gefahr ist, beschließt die Polizei, ihn und seine Mutter in ein Zeugenschutzprogramm aufzunehmen. Mit seiner Mutter hat Tyler 20 Minuten Zeit, notdürftig ein paar Sachen zu packen, um dann an einen anderen Ort gebracht zu werden. Doch während dieser 20 Minuten wird auf den Zeitschriftenladen unter ihrer Wohnung ein Brandbombenanschlag verübt. Tyler und seine Mutter bleiben unversehrt.

Zunächst werden beide in ein Hotel, später in eine anderen Wohnung außerhalb von London, wo sie bisher gelebt haben, gebracht. Tyler und seiner Mutter wird eine neue Identität verschafft: Er heißt von nun an Joe, geht auf eine andere Schule und wird – wie seine Mutter – von einer Polizeimitarbeiterin mit einer neuen Frisur, gefärbten Haaren und neuen Klamotten versorgt.

Die ersten Wochen am neuen Wohnort sind für Tyler und seine Mutter alles andere als einfach. Doch dann freundet er sich auf der neuen Schule mit anderen Schülern an und wird durch einen Zufall zur Leichtathletik gebracht. Tyler erweist sich als großes Lauf-Talent und wird von Ellie, einer Behinderten-Sportlerin im Rollstuhl, trainiert. Doch Tyler und seine Mutter laufen ständig Gefahr, entdeckt zu werden, und leben im Bewusstsein, dass sie jederzeit weiterziehen müssen …

Bewertung:

Der Plot klingt anfangs, so wie er oben dargestellt wurde, wirklich nach einem Thriller. Was Tyler und seine Mutter mitmachen, gleicht einem Traum, aus dem sie schnellstmöglich aufwachen möchten, und beide (seine Mutter fast noch mehr) leiden darunter. Das wird insbesondere anfangs durchaus packend dargestellt, zumal Tyler von der Polizei im Unklaren darüber gelassen wird, warum die Bedrohung seines Lebens so groß ist. Den Grund erfährt man als Leser auch erst gegen Ende des Buchs.

Doch die Thriller-Elemente verlieren sich nach 100 Seiten, „Mehr als nur ein Zeuge“ wird zunehmend zu einem Jugendroman, in dem es auch um andere Themen geht. Joe alias Tyler interessiert sich für Mädchen, macht Erfahrungen mit einer ersten Freundin und wird zu einem Sportler. Im Hintergrund stehen allerdings weiterhin die Bedrohung und die falsche Identität von Tyler, denn letztendlich muss er allen Freunden und Kumpel, die er kennen lernt, etwas vorspielen. Keren Davids Buch wird hier mehr und mehr zu einem psychologischen Kammerspiel, dem jedoch zwischendrin immer mal wieder eine Portion Spannung spendiert wird. Dennoch: Die Bedrohung, die anfänglich dem Leser so fesselnd unterbreitet wird, verliert immer wieder an Bedeutung.

Joe lernt zum Beispiel die schüchterne Schwester von Ellie, seiner Lauftrainerin, kennen: ein verschrecktes Mädchen namens Claire, das Außenseiterin in der eigenen Klasse ist. Zwischen Claire und Joe entwickelt sich nach und nach eine intensive Freundschaft, die zu Beginn jedoch ziemlich schwierig ist und auch später immer wieder Belastungsproben ausgesetzt wird. Hier und auch an anderen Stellen zeigt das Buch jedoch gewisse Schwächen, denn so ganz psychologisch plausibel wird die Persönlichkeit Claires (wie die von anderen Personen auch) meiner Meinung nach nicht dargestellt. Claire bleibt ein, wenn man genauer hinschaut, etwas holzschnittartig gezeichnetes Mädchen.

Fazit:

4 von 5 Punkten. „Mehr als nur ein Zeuge“ ist meiner Meinung nach kein waschechter Thriller – dafür verliert das Buch an manchen Stellen zu sehr den roten Faden der Spannung, den man durchaus noch gekonnter auslegen hätte können. Da wäre mehr drin gewesen. Nichtsdestotrotz liest man Keren Davids Buch gerne: Die Figuren sind sympathisch, zeigen Schwächen und schwimmen immer wieder im Leben. Doch wo Keren David versucht, das Buch psychologisch zu fundieren, bleibt das Buch für meinen Geschmack leicht oberflächlich. Tylers extreme Zwangslage wird oft etwas zu harmlos dargestellt.

Vielleicht sind diese Kritikpunkte die etwas kleinliche Kritik eines Erwachsenen mit hohem Anspruch. Unterm Strich kann man Keren Davids Buch nämlich durchaus doch empfehlen – vor allem, wenn man es nicht ständig mit besonderes gelungenen Vertretern der Gattung Thriller (wie den Büchern von Kevin Brooks) vergleicht. Dass das Buch immer wieder die Thriller-Elemente aus den Augen verliert und sich anderem widmet, ist an sich nicht schlecht, macht das Buch vielleicht sogar glaubwürdiger. Aber für ein Buch mit dem Prädikat „Thriller“ darf man anderes erwarten.

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(Ulf Cronenberg, 27.11.2011)

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