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Buchbesprechung: Daniel Höra „Das Ende der Welt“

Cover Daniel HöraLesealter 14+(Bloomsbury-Verlag 2011, 377 Seiten)

Hiphop. Bedeutung unklar. Möglicherwiese eine Kletterpflanze mit unangenehm riechenden Blüten, die zur Rauscherzeugung getrocknet und geraucht wurden.

Daniel Höra hat vor zweieinhalb Jahren mit „Gedisst” seinen ersten Roman veröffentlicht. Das obige Zitat stammt aus dem fiktiven Glossar am Ende seines zweiten Romans mit dem Titel „Das Ende der Welt“. Und damit ist indirekt schon klar, dass Höras neues Buch etwas ganz anderes als „Gedisst“ ist: nämlich ein Roman, der in der Zukunft spielt.

Inhalt:

Die Große Katastrophe hat das Leben in Deutschland völlig auf den Kopf gestellt. Es gibt Wüstengebiete, in anderen Gebieten kommt die Sonne dagegen nicht mehr durch die Wolken und es nieselt ständig. Doch schlimmer sind die Auswirkungen auf die Menschen. Zefs werden die einfachen Arbeiter, die unter unwürdigen Bedingungen leben, genannt; von ein paar wenigen Bessergestellten abgesehen verdingen sich viele Jugendliche schon in jungen Jahren als Soldaten bei der Armee, um zu überleben. Das gilt auch für den 14-jähigen Kjell. Sein Vorgesetzter Sönn ist für ihn so etwas wie ein Ersatzvater, der zu ihm hält.

Als in Berlin die Senatswahlen stattfinden sollen, wird Kjells Einheit nach Berlin verlegt. In der Stadt herrschen schlimme Zustände – Kjell möchte sie, so schnell es geht, wieder verlassen. Doch dann wird er in eine größere Sache hineingezogen.

Vor einem Wahllokal versucht ein Mann, Kanzler Amandus und dessen Tochter Leela zu überwältigen. Doch Kjell, der zufällig dabei steht, kann das verhindern. Aus Dank wird er von Amandus angefordert, um dessen Tochter Leela in den nächsten Wochen zu beschützen. Kjell weiß diese Ehre und die damit verbundenen Aufstiegsmöglichkeiten jedoch gar zu schätzen, weil das seinen Aufbruch aus Berlin verzögern wird. Zudem stellt sich Leela als zickige und hochnäsige junge Frau dar.

Doch dann kommt alles ganz anders. Kjell wird in einen Attentatkomplott auf Leela und Amandus verwickelt: Er soll beiden zu Leelas Hochzeit ein Paket bringen. Doch das Ticken in dem Päckchen erscheint ihm verdächtig, und kurz bevor die darin enthaltene Bombe explodiert, kann er sie weit genug wegwerfen. Kjells Leben ist völlig auf den Kopf gestellt, denn er bekommt mit, dass hinter dem Attentatsversuch auch sein Ziehvater Sönn steckt. Mit Leela gemeinsam flüchtet er aus Berlin.

Bewertung:

Zweite Bücher von Autoren sind für diese oft eine kritische Angelegenheit. Nach gelungenen Erstlingswerken wird man mit hohen Erwartungen konfrontiert, und daran sind schon viele Autoren gescheitert. Daniel Höra ist das Problem zumindest geschickt angegangen, indem er mit „Das Ende der Welt“ einen komplett anderen Roman vorlegt als mit „Gedisst“. Da fallen Vergleiche zwischen beiden Büchern schwer.

„Das Ende der Welt“ ist ein ziemlich graues und trostloses Buch: eine Dystopie (also ein Roman, in dem die Zukunft negativ dargestellt wird). Damit folgt Daniel Höra fast einem Trend, hat man in den letzten zwei oder drei Jahren doch viele ähnliche Bücher zu lesen bekommen, allerdings eher von englischsprachigen Autoren.

Das Besondere an „Das Ende der Welt“ ist zumindest schon mal, dass es in einem Deutschland der Zukunft spielt, das jedoch ziemlich darniederliegt. Kjell isst Nackschnecken, trinkt den Tau von Blättern und Felsen, schläft auf dem Boden oder höchstens mal auf einer verschimmelten Matratze, intakte Gebäude gibt es sowieso nicht mehr, und im ganzen Land herrschen Chaos und Willkür: Die Stärkeren unterdrücken die Schwächeren.

Im Dunkeln wird der Leser dabei darüber gelassen, was bei der Großen Katastrophe genau passiert ist – doch das ist auch gut so, umgibt das die Handlung mit einer gewissen Aura des Geheimnisvollen. Daniel Höra umgeht damit auch der Falle, die Dystopie politisch und pädagogisch korrekt mit einem erhobenen Zeigefinger zu versehen. Moralische Allgemeinplätze wie „Hättet ihr doch besser auf die Welt aufgepasst!“ sucht man deswegen in dem Buch gottseidank vergebens.

Daniel Höras Buch ist nicht nur ein Zukunfts-, sondern auch ein Abenteuerroman. Erzählt wird die Geschichte von Kjell und Leela, die irgendwann gemeinsam auf der Flucht sind und viele schwierige Situationen zu meistern haben. Das ist auch das, was Jugendliche wohl am ehesten an dem manchmal recht erwachsen wirkenden Buch anziehen dürfte.

„Das Ende der Welt“ ist ansonsten solide und linear erzählt. Große erzählerische und stilistische Sperenzchen darf man sich nicht erwarten. Am meisten begeistert hat mich das fiktive Glossar am Ende, in dem ein Erzähler aus der Zukunft Begriffe aus unsererer heutigen Zeit zu erklären versucht (und aus dem auch das obige Zitat stammt). Im Glossar zeigt Daniel Höra einen Witz, den er meiner Meinung nach öfter auch in seine Geschichte mit einfließen lassen hätte können.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Fast alles richtig gemacht, könnte man am Ende bilanzieren. Daniel Höra ist mit seinem neuen (Jugend-)Roman nicht der Verlockung erlegen, einen Abklatsch von „Gedisst“ zu schreiben. Das Buch entfaltet nach vielleicht etwas langatmigem Einstieg eine gewisse Spannung, und das Dystopie-Szenario, das der Autor entwirft, hat etwas Faszinierendes. Dass ich dabei immer wieder an bestimmte Computerspiele und Kinofilme, denen Daniel Höra Szenarien entlehnt haben dürfte, denken musste, hat mich nicht gestört.

Vielleicht hätte Daniel Höra aber ab und zu noch ein bisschen mehr wagen können: Rückblenden, Perspektivenwechsel oder mehr Humor … Das sind Dinge, die „Das Ende der Welt“ noch besser hätten werden lassen können. Doch ansonsten bleibt festzustellen: Daniel Höras Buch hat mich nicht enttäuscht, sondern hat mir gut gefallen – vor allem, weil es ein stimmiges düsteres Zukunftsszenario ohne erhobenen Zeigefinger entwirft. Und das ist etwas, was nicht allen Dystopien der letzten Jahre gelungen ist.

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(Ulf Cronenberg, 02.11.2011)

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