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Buchbesprechung: Regina Dürig „Katertag – Oder: Was sagt der Knopf bei Nacht?“

Cover Regina DürigLesealter 14+(Chicken House-Verlag 2011, 110 Seiten)

Die Entstehungsgeschichte von Regina Dürigs Debütroman „Katertag“ ist schon eine Geschichte für sich. Die Idee für den Roman trug die deutsche Autorin, die inzwischen in der Schweiz lebt, schon länger mit sich herum. Als sie die Ausschreibung des Schreibwettbewerbs „Der goldene Pick“ gelesen hatte, kam ihr der Gedanke, aus ihrer ursprünglichen Romanidee ein Jugendbuch zu machen, und sie setzte sich daran. Den Schreibwettbewerb gewann sie mit dem unveröffentlichten Manuskript dann im Dezember 2010, und als Belohnung wurde der Roman bei Chicken House aufgelegt. Ja, so kann es gehen …

Inhalt:

Nico hat sich vorgenommen, sich seinen Familienfrust von der Seele zu schreiben. Sein Vater ist, seit er arbeitslos ist, ständig betrunken, und das Familienleben leidet massiv darunter. In einem Brief, von dem er noch gar nicht weiß, ob er ihn auch abschicken wird, will Nico seinem Vater ehrlich und schonungslos schreiben, wie er dessen unmögliches Verhalten erlebt hat. Verziehen hat er seinem Vater noch lange nicht – seiner Schwester Sasa und seiner Mutter ist das inzwischen besser gelungen.

Was hat Nicos Vater im Suff nicht alles kaputt gemacht: Nicht nur, dass er oft nicht mehr ansprechbar war und sich vor den anderen Familienmitgliedern zurückgezogen hat, am schlimmsten sind für Nico zwei Erlebnisse, die ihn noch heute wütend werden lassen. Weil sein Vater sich so unmöglich aufgeführt hat, hat sich Nele, Nicos erste Freundin, schon nach einem Tag wieder von ihm zurückgezogen, und der Besuch mit dem Vater in Disneyland endet in einer Katastrophe. Dabei hatte Nicos Vater versprochen, seine Kinder mit dem Besuch für all die schlimmen Dinge der Zeit davor zu entschädigen.

Bewertung:

Regina Dürig erzählt in Briefform aus der Sicht Nicos die Geschichte einer Familie, in der der Vater alkoholkrank ist, und sehr genau wird dabei ausgelotet, was das für Folgen hat. Nicos Vater hält Versprechungen nicht ein, benimmt sich so, dass es allen nur noch peinlich ist. Typisch ist auch, dass nach Nicos Vater mehrmals verspricht, trocken zu bleiben – doch auch wenn ihm das tage- oder wochenlang immer wieder einmal gelingt, am Ende wendet er sich jedes Mal wieder dem Alkohol zu. Helfen lassen will er sich allerdings auch nicht.

Der Kniff mit dem Brief, den Nico an seinen Vater schreibt, lässt Regina Dürigs Roman nicht nur authentisch wirken, sondern gibt dem Buch auch eine eigene Note. Der Vater wird von Nico im Brief immer mit „Du“ angeredet. Das liest sich anfangs etwas seltsam, klingt mitunter manchmal etwas hölzern, aber passt zur Romanidee. Sprachlich ist „Katertag“ ansonsten sehr dicht geschrieben. Ein wenig erinnert mich der Stil an Beate Teresa Hanikas „Rotkäppchen muss weinen“. Die Schreibweise ist gefühlvoll und wortbewusst, literarisch anspruchsvoll und gekonnt.

Doch es gibt zwei Probleme, die ich mit dem Buch habe. Das erste bezieht sich auf den zweiten Brief am Ende des Romans: die Antwort des Vaters (tut mir leid, dass ich das hier verrate). Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht so recht, was dieser Brief in dem Buch soll … Irgendwie macht er Nicos Aufzeichnungen fast kaputt. Das liegt weniger an dem vergleichsweise schnöden Sprachstil des Antwortbriefs – der mag Absicht sein, um die Unbeholfenheit von Nicos Vater, die hier eindeutig durchschimmert, darzustellen. Aber muss man die reumütige Sicht des Vaters Nicos Aufzeichnungen wirklich nachstellen? Das gibt dem Buch einen unangenehmen pädagogischen Touch – als hätte sich Regina Dürig nicht getraut, bei der Subjektivität Nicos zu bleiben.

Etwas anderes hat mich jedoch noch mehr irritiert: Fast 50 Seiten lang habe ich mich gefragt, ob Nico ein Junge oder ein Mädchen ist – denn das erfährt man definitiv, wenn ich gründlich genug gelesen habe, erst dort (Nico kann ja genauso gut ein Kosename für ein Mädchen sein). Dass ich diesbezüglich so lange verwirrt war, macht das Problem von „Katertage“ deutlich: Nico denkt, schreibt und fühlt meiner Meinung nach nicht, wie man das von einem Jungen erwarten würde. Letztendlich ist es so, dass sich Regina Dürig nicht genug in ihre männliche Hauptfigur hineinversetzen konnte.

Um ein Beispiel anzuführen: Würde ein Junge z. B. Folgendes schreiben?

[…] hat sie sich aus meiner Umarmung gewunden und streichelt meine Oberschenkel, meinen Bauch, mein Geschlecht. In meinen Ohren sirrt es […] (Seite 54)

Mal im Ernst: Welcher Junge würde sich so ausdrücken und „mein Geschlecht“ sagen? Sicher, das ist eine einzelne Textstelle, doch sie ist symptomatisch für die Denk- und Schreibweise von Nicos Brief in dem Roman …

Fazit:

2-einhalb von 5 Punkten. Die Lorbeeren, die Regina Dürig für „Katertag“ bereits bekommen hat, sind beträchtlich: zwei Literaturpreise und eine Adelung in Form höchst lobender Worte durch Tilman Spreckelsen, dem Jugendbuchkritiker der FAZ (der zufällig auch in der Jury von „Der goldene Pick“ sitzt) … Ich war gespannt auf Regina Dürigs Debütroman. Doch nach dem Lesen von „Katertag“ bin ich eher ratlos zurückgeblieben.

Was mir an „Katertag“ gut gefallen hat, ist ohne Zweifel die sprachliche Dichte des Romans, ebenso die Subjektivität, mit der die Geschichte von einem alkoholkranken Vater erzählt wird. Damit setzt sich der Jugendroman durchaus von anderen Büchern zum gleichen Thema ab. Doch dem steht zu viel Negatives gegenüber: Wie gut hätte das Buch werden können, wenn Regina Dürig ein Mädchen und nicht einen Jungen erzählen hätte lassen? Nico ist in seiner Denk- und Schreibweise einfach nicht glaubwürdig genug. Und der fast etwas schmalzige und pseudogeläuterte Antwortbrief des Vaters am Ende hätte auch nicht sein müssen …

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(Ulf Cronenberg, 05.10.2011)

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Kommentare (0)

  1. Cas

    Interessanterweise mochte ich „Freak City“ nicht, weil ich den Jungen in diesem Roman als unauthentischen Ich-Erzähler empfand. Ich fand, dass er viel zu „weiblich“ schien. Ich denke, dass ich also „Katertag“ besser nicht lesen sollte. Danke für Ihre Rezension.

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    1. Ulf Cronenberg

      Oder doch lesen und dann hier schreiben, wie es war … 🙂

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  2. Isabel Abedi

    JA! Bitte unbedingt lesen! Meinungen von Lesern, ich hoffe, Ulf Cronenberg sieht mir das nach, sind meiner Meingung nach in hohem Maße subjektiv und das trifft für mich auch auf Katertag zu. Ich habe es mit glühender Begeisterung gelesen – nein: verschlungen und saß mit in der Jury, die den Goldenen Pick vergeben hat. Katertag gehört zu meinen Favoriten der Jugendbuchliteratur und ich habe diesem Buch mit meiner Entscheidung bereits 5 Sterne gegeben.
    Mir ging es überhaupt nicht so, dass ich Nico „weiblich“ fand, für mich war er von Anfang an ein Junge, von Seite 1 an hatte ich das Gefühl, dass sich die Autorin so sehr in ihre Hauptfigur hinein versetzt hat, dass ich selbst beim Lesen des Manuskriptes vergessen habe, dass dieser Text gar nicht von Nico, sondern von der Autorin Regina Dürig stammt.
    In diesem Zusammenhang möchte ich auch noch mal mit meiner Meinung auf das Beispiel in der Kritik von Ulf Cronenberg eingehen: „Textstelle: […] hat sie sich aus meiner Umarmung gewunden und streichelt meine Oberschenkel, meinen Bauch, mein Geschlecht. In meinen Ohren sirrt es […] (Seite 54)“
    Ulf Cronenberg fragt: „Welcher Junge würde sich so ausdrücken und „mein Geschlecht“ sagen?“
    Meine (subjektive) Antwort darauf lautet: Ein Junge, der diesen Text seinem Vater schreibt und in hohem Maße von der eigenen Scham begleitet wird. Würde dieser Text an den anonymen Leser gerichtet sein, hätte die Autorin (meiner Meinung nach) sicher ein anderes Wort gewählt. So aber hat sie sich in meinem Empfinden so intensiv in ihre männliche Hauptfigur hineinversetzt, dass sie Nico die Scham vor seinem Vater gewährleistet und gerade deshalb den Ausdruck „Geschlecht“ wählt.
    Für mich ist Katertag ein ganz wichtiges Buch und ich wünsche ihm so viele Leser und hoffentlich mehr Sterne nach dem Zuklappen wie nur irgend möglich.

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    1. Ulf Cronenberg

      Liebe Isabel Abedi,
      hm, das mit dem Brief an dem Vater (wobei das ja nicht von Anfang an von Nico so gedacht war, oder?) ist natürlich eine halbwegs plausible Erklärung für die Formulierung „Geschlecht“ – allerdings würde man seinem Vater so etwas wohl eher überhaupt nicht schreiben.
      Und was ist mit dem schrecklichen Antwortbrief des Vaters an seinen Sohn am Ende? Ist der nicht völlig unnötig?
      Aber es freut mich ja, wenn Sie ihre „Gegenmeinung“ hier wiedergeben. Diskussionen über Bücher sind immer gut.
      Herzliche Grüße!

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  3. Isabel Abedi

    Ich sehe es auch so: Jeder liest sein eigenes Buch, das macht es ja gerade so spannend. Für mich war es stimmig und authentisch, was Nico seinem Vater geschrieben hat, ich war also voll und ganz bei ihm. Und was die Antwort des Vaters betrifft: Vielleicht hätte ich mir als Sohn eine andere Antwort gewünscht, aber ich habe den Brief als solchen nicht völlig unnötig gefunden. Herzliche Grüße zurück!

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  5. Christoph Enzinger

    Ein bemerkenswertes, etwas seltsames Buch über die Erfahrungen eines Jugendlichen mit seinem alkoholsüchtigen Vater. Die Form des Briefs ist interessant, aber es wird den Geruch eines literarischen Experiments nicht los. Auch bleibt es inhaltlich ein wenig an der Oberfläche. Ein etwas zu distanzierter psychologischer Erfahrungsbericht. Die Autorin hätte ein paar Bücher von Kevin Brooks lesen müssen, dann wüsste sie, was Gewalt ist. Sie hätte die Bücher von John Green lesen müssen, dann wüsste sie, was Gefühle und jugendliche Ausdrucksformen sind.
    Auch ich dachte mir, dass ich in einem Brief an meinen Vater manches nicht geschrieben hätte. Ich hätte ihm sicher auch vorgeworfen, dass er schuld am frühen Ende meiner Beziehung war, aber ich hätte ihm garantiert nicht von meinen sexuellen Erlebnissen berichtet.
    Der Antwortbrief des Vaters wirkt … altklug? Ja, so seltsam weise, ja „vernünftig“. Das steht einem Vater zwar gut an, aber passt nicht zu dem Vater, der kurz zuvor noch als alkoholsüchtig beschrieben wurde. Ja, es mag einige Zeit zwischen diesen Briefen vergangen sein, aber dennoch: Die beiden Briefe bilden einen zu starken Kontrast. Besser wäre wohl gewesen, den Inhalt des Vater-Briefes in ein Gespräch mit Nico zu verpacken, direkt im Anschluss an den Briefbericht.
    Also nochmal: Das Buch wirkt zu konstruiert, zu experimentell. Wie ein erster Versuch sich dem Thema zu nähern. Andreas Eschbach hätte wohl gesagt: Noch einmal schreiben.
    Mir ist es ein Rätsel, wieso dieses Buch von der Jugendjury zum Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde.

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