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Buchbesprechung: Jenny Valentine „Das zweite Leben des Cassiel Roadnight“

Cover Jenny ValentineLesealter 14+(dtv 2011, 237 Seiten)

Das letzte Jugendbuch von Jenny Valentine liegt nicht lange zurück und kam erst im Frühjahr dieses Jahres heraus. „Die Ameisenkolonie“ hat mir anfangs wirklich gut gefallen, vom letzten Drittel des Buches, wo sich alles in Wohlgefallen aufgelöst hat, war ich dann jedoch ziemlich enttäuscht. Jenny Valentine kann schreiben, aber nach ihrem gelungenen Erstlingswerk „Wer ist Violet Park?“ blieb die britische Autorin leider immer unter ihren Möglichkeiten. Schade. Mit „Das zweite Leben des Cassiel Roadnight“ habe ich die Hoffnung verbunden, dass Jenny Valentine mal wieder ein rundum gelungenes Buch vorlegt.

Inhalt:

Chap, der seit Monaten auf der Straße lebt, ist vom Sozialdienst aufgegabelt worden und wird von den Sozialarbeitern nach seiner Herkunft befragt. Doch der Junge ist extrem wortkarg und gibt nichts preis. Er hat längere Zeit auf der Straße gelebt, nachdem sein Großvater, bei dem er aufgewachsen ist, in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Doch dann kommt eine der Mitarbeiterinnen mit dem Foto eines vermissten Jungen an und erkennt ihn in Chap. Angeblich ist er Cassiel Roadnight, ein Junge, der vor zwei Jahren spurlos verschwunden ist.

So richtig weiß Chap nicht, was in ihm vorgeht, als er schließlich nach längerem Nachfragen zugibt, Cassiel Roadnight zu sein – denn eigentlich ist er das gar nicht. Vielleicht ist es die Sehnsucht danach, eine Familie zu haben … Jedenfalls wird er kurz darauf von Cassiels Schwester Edie abgeholt und von ihr „nach Hause“ gefahren.

Die Familie von Cassiel wohnt in einem einsam stehenden Haus; dass sie nach Cassiels Verschwinden umgezogen ist, erleichtert Chap, sich als Cassiel auszugeben, weil er das Haus und die Umgebung nicht kennt und sich somit nicht verstellen muss. Helen, Cassiels Mutter, ist psychisch ziemlich angeschlagen, nimmt Beruhigungsmittel und raucht eine Zigarette nach der anderen.

Die ersten Tage hat Chap große Angst, dass Edie und Helen merken, dass er nicht Cassiel ist. Als Cassiels großer Bruder kurz darauf eintrifft – er arbeitet in London –, nimmt seine Sorge diesbezüglich noch einmal zu. Aber anscheinend bemerkt niemand in der Familie etwas, obwohl es einige brenzlige Situationen gibt, wenn Chap mit alten Erinnerungen konfrontiert wird. Allerdings bleibt Chap auf der Hut.

Doch dann erfährt er von einem Jungen etwas, das ihn daran zweifeln lässt, ob Frank nicht doch etwas von seiner falschen Identität weiß. Chap wird immer misstrauischer …

Bewertung:

Mit „Das zweite Leben des Cassiel Roadnight“ (Übersetzung: Klaus Fritz) hat Jenny Valentine es diesmal geschafft, ein Buch zu schreiben, das mir wirklich gefallen hat – und zwar von vorne bis hinten. Das liegt unter anderen daran, dass die Idee für diesen Jugendroman – ein Junge schlüpft in die Rolle eines anderen – packend, ja, man könnte sagen: fulminant, ist. Jenny Valentines Buch ist ein anfangs gemächlich daherkommender Psychothriller, in dem Stück für Stück das Netz zugezogen wird. Immer beängstigender wird das Szenario, denn irgendwann ist klar, dass Frank, Cassiels Bruder, ein großes Geheimnis mit sich herumträgt und von daher wissen muss, dass Chap nicht Cassiel ist.

Sehr subtil gelingt es Jenny Valentine von Beginn an, Chaps Angst und Sorgen, als Betrüger aufgedeckt zu werden, darzustellen. Später verschiebt sich der Schwerpunkt des Romans dahin, dass Chap einem großen Familiengeheimnis auf die Spur kommt. Auch das wird ausgeklügelt beschrieben – und zudem stets glaubwürdig.

Der Plot der Geschichte erinnert mich ein wenig an die Bücher von Kevin Brooks, der ähnliche Stoffe verwendet hat, diese aber vielleicht noch etwas philosophischer mit Fragen nach der Identität ausführt. Dennoch: Jenny Valentine hätte ich ein auf seine Art so düsteres, aber stimmiges Buch nicht zugetraut, hat sie bisher in ihren Romanen eher heiter-komische Elemente verwendet. Diese fehlen in „Das zweite Leben des Cassiel Roadnight“ ganz – aber das ist auch gut so.

Geschickt gemacht sind auch die Rückblenden Chaps, der immer wieder von seinem bisherigen Leben, dem Zusammenleben mit seinem Großvater, erzählt. Diese Rückblenden sind vor allem deswegen bedeutungsvoll, weil sie der Figur Chaps eine zusätzliche Tiefe geben und somit ein gekonntes Psychogramm des Jungen entworfen wird.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Nach den letzten beiden Büchern von Jenny Valentine, an denen mich immer etwas gestört hat, ist der britischen Autorin mit „Das zweite Leben des Cassiel Roadnight“ endlich ein Buch gelungen, bei dem sie ihre Stärken ganz ausspielt. Sicher, die Jugendbuchautorin kann auch skurril und witzig schreiben, aber letzendlich gefällt mir der feinsinnige Psychothriller, den sie diesmal aufgezogen hat, besser als ihre bisherigen Bücher mit überschwänglichem Happy End. Auf seine Art findet „Das zweite Leben des Cassiel Roadnight“ auch ein begrenzt gutes Ende – aber was bis dahin passiert, ist dicht und packend auf subtile Art und Weise.

Für mich ist „Das zweite Leben des Cassiel Roadnight“ Jenny Valentines bisher bestes Buch, und nach „Die Ameisenkolonie“ hatte ich schon fast nicht mehr daran zu glauben gewagt, dass sie uns Leser mit einem solchen Roman beglücken wird. „Das zweite Leben des Cassiel Roadnight“ ist kein Action-Thriller, sondern ein gekonnter und rundum empfehlenswerter Psychothriller, der es in sich hat.

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(Ulf Cronenberg, 26.09.2011)

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Kommentare (0)

  1. Jennifer

    Lieber Ulf Cronenberg,
    ich fand dieses Buch von Jenny Valentine auch wieder ganz, ganz besonders – toll, dass sie auch in diesem Genre voll punkten kann. (Mir persönlich gefiel „Kaputte Suppe“ besser als ihr erstes Buch.) Schade nur, dass die letzten beiden Cover so wenig ansprechend sind; im Englischen sehen sie bedeutend besser aus.
    Was ich dir immer schon schreiben wollte: Danke für deine tollen und inspirierenden Rezensionen, ich habe dadurch so viele Bücher für mich entdeckt – und so viele schöne Lesestunden verbracht!
    Schönes Wochenende,
    Jennifer

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  2. Frank

    … da bin ich aber sehr, sehr gespannt, wie die Autorin es hinkriegt, dass eine Familie den eigenen Sohn nach 2 Jahren schon nicht mehr erkennt … Ich werde es lesen und bin sehr neugierig …

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    1. Ulf Cronenberg

      Na, Frank, dann berichte doch mal, wie dir das Buch gefallen hat.

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