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Buchbesprechung: John Boyne „Der Schiffsjunge“

Cover John BoyneLesealter 13+(Fischer-Verlag 2011, 638 Seiten)

„Die Meuterei auf der Bounty“ ist ein Filmklassiker, den die meisten Jugendlichen heute nicht kennen dürften. Zugrunde liegt ihm eine eine eher wenig bekannte Buch-Trilogie, und insgesamt fünf Mal wurde der Filmstoff auf Zelluloid gebannt (die erste Stummfilmfassung von 1916 gilt jedoch als verschollen). Sicher habe ich einen der Filme auch einmal gesehen, doch allzu viel weiß ich von der Handlung nicht mehr.

Nun hat John Boyne (der Autor von „Der Junge mit dem gestreiften Pyjama“) den Versuch unternommen, die Geschichte neu aufleben zu lassen – und zwar als Jugendbuch, indem er einen Schiffsjungen von den Vorkommnissen erzählen lässt. Zunächst hatte ich das Buch seines Umfangs wegen liegen lassen, doch nach den vielen begeisterten Rezensionen habe ich nun die Sommerferien genutzt, die knapp 650 Seiten in Angriff zu nehmen.

Inhalt:

Ende des 18. Jahrhunderts. John Jacob Turnstile ist ein 14-jähriger Junge, der seine Eltern nicht kennt und von einem älteren Herrn namens Mr Lewis wie viele andere elternlosen Jungen aufgenommen wurde. Dafür erwartet er von ihnen, dass sie für ihn tagsüber stehlen gehen und abends, wenn sie älter sind, auch noch anders zu Diensten sind.

Als John eines Tages einem feineren Herrn in einem Buchladen die Taschenuhr entwendet, wird er dabei beobachtet und schließlich von der Polizei festgenommen. Der Herr, mit dem er zuvor über Literatur ins Gespräch gekommen war, versucht zwar, den Polizisten von Johns Unschuld zu überzeugen, jedoch vergeblich. John wird vor den Richter gebracht und zu zwölf Monaten Gefängnis verurteilt. Der feine Herr setzt sich aber für ihn ein, und so landet John statt im Gefängnis auf einem Segelschiff, dessen Kapitän nach einem Unfall des bisherigen Schiffsjungen dringend kurzfristig Ersatz sucht.

So bricht John mit der Bounty in Richtung Tahiti – oder wie die Eingeborenen es nennen: Otaheite – auf. Seine Aufgabe ist es, Kapitän Bligh stets zur Seite zu stehen, und er hat damit die niedrigste Stellung auf dem gesamten Schiff inne, was ihn die Matrosen und Offiziere auch bald spüren lassen. Außerdem bekommt er es beim ersten Sturm mit der Seekrankheit zu tun. Es dauert lange, bis John sich an den Seegang gewöhnt hat.

Die Bounty soll auf Tahiti Brotfrucht-Setzlinge aufnehmen, um sie nach Westindien zu bringen. Kapitän Bligh verfolgt dabei das kühne Ziel, über Kap Hoorn (die Südspitze Südamerikas) in die Südsee zu gelangen. Sein Vorbild Kapitän Cook hatte das vorgemacht. Doch das Vorhaben misslingt und die Bounty muss schließlich doch über das Kap der guten Hoffnung im Süden Afrikas nach Tahiti fahren. Der Unmut der Besatzung wächst, denn die Fahrt dauert lange und ist beschwerlich …

Bewertung:

Die Neuadaption von „Die Meuterei auf der Bounty“ (Übersetzung: Andreas Heckmann) ist ein ehrgeiziges Vorhaben, und trotz meiner anfänglichen Bedenken muss ich sagen, dass es mehr als gelungen ist. John Boyne schafft es, den alten Stoff Jugendlichen heute dadurch, dass er als Hauptperson einen Schiffsjungen wählt, zugänglich zu machen. Das Buch liest sich wie ein richtiges (man könnte auch sagen: klassisch-konservatives) Abenteuerbuch – aber in Zeiten so vieler Fantasy-Romane, die einem mitunter manchmal etwas auf die Nerven gehen, muss man dafür dankbar sein.

„Der Schiffsjunge“ besteht aus drei wesentlichen Teilen: der Fahrt nach Otaheite (mit der Vorgeschichte, wie John Turnstile auf der Bounty landet), dem Aufenthalt auf Tahiti sowie schließlich der Meuterei mit der Folge, dass Kapitän Bligh und 18 Getreue auf einem viel zu kleinen Beiboot in der Südsee ausgesetzt werden. Jeder Teil hat seinen eigenen Reiz, und die Abwechslung lässt das Buch nie langweilig werden.

John Boyne hat dabei nicht einfach die alte Romanvorlage von „Die Meuterei auf der Bounty“ neu erzählt, sondern einiges verändert – und das hat seinen Grund: War Kapitän Bligh in den Filmen und in der Buchvorlage meist als Tyrann, der der Besatzung übel mitspielte, geschildert worden – eine Ansicht, die inzwischen durch die neuere geschichtliche Forschung widerlegt ist –, so bemüht sich John Boyne der geschichtlichen Person William Blighs gerecht zu werden. Bligh war nämlich eigentlich ein menschenfreundlicher Kapitän, der auf die damals üblichen Züchtigungen an Bord verzichten wollte. Die Meuterei eines Teils der Mannschaft hat weniger mit dessen tyrannischem Führungsstil als mit der ein oder anderen Fehleinschätzung des Kapitäns zu tun. Und so wird es auch in dem Buch beschrieben.

Die sechshundert Seiten lesen sich jedenfalls relativ schnell, denn in die Abenteuergeschichte taucht man schon nach kurzem ab. Sie ist packend erzählt, vor allem deshalb, weil John Jacob Turnstile (von den anderen Matrosen meist nur „Turnip“, dt. Steckrübe, genannt) von John Boyne als gewandter Erzähler aufgebaut wurde. Im Großen und Ganzen berichtet er um Sachlichkeit bemüht aus seiner Sicht von den Vorkommnissen auf der Bounty, oft aber auch mit einem selbstkritischen, gewitzt-ironischen Ton.

Dass neben der Abenteuergeschichte auch noch Themen wie Pubertät, die Frage nach der Wahrheit und nach Loyalität gestreift werden, man zudem auch noch eine kleine Portion fundierten Geschichtsunterricht bekommt, ist John Boynes Verdienst. „Der Schiffsjunge“ lebt zwar hauptsächlich von dem Abenteuermoment, aber darüber hinaus gibt es auch einiges andere zu entdecken.

Am wenigsten gefesselt hat mich übrigens der letzte Teil des Buches, als Kapitän Bligh und seine Getreuen nach der Meuterei auf dem kleinen Beiboot ums Überleben kämpfen. Hier scheint John Boyne sich doch gescheut zu haben, die dramatischen Verhältnisse in aller Ausführlichkeit zu schildern … – ein Zugeständnis an die Form des Jugendbuchs? Das Resultat ist eine im Vergleich zu den anderen Buchteilen oberflächlicher ausgeführte Odyssee durch die Südsee, die detaillierter beschrieben hätte werden können. Vielleicht ist dem Autor hier am Ende auch ein wenig die Puste ausgegangen. Aber wirklich tragisch ist das nicht.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Wer für ein paar Tage (für Vielleser reichen die 650 Seiten vielleicht auch nur einen Tag) einmal in ein Abenteuer abtauchen und gut unterhalten werden will, dem sollte man „Der Schiffsjunge“ empfehlen. John Boynes Jugendroman ist genau das Richtige für ein paar verregnete Tage während der Sommerferien. Er bietet Spannung, gute Unterhaltung, und wie bereits ausgeführt wurde, einiges mehr.

„Der Schiffsjunge“ (der Roman trägt übrigens den Untertitel „Die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty“) ist ein äußerst sympathisches Buch, das keinen Trends aufsitzt, sondern sich stattdessen auf die Stärken des Abenteuerbuchs besinnt und sie gekonnt umsetzt. Besonders lobenswert finde ich dabei, dass ein klassischer Stoff Jugendlichen (und Erwachsenen, denen man das Buch durchaus auch ans Herz legen kann) wieder zugänglich gemacht wird.

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(Ulf Cronenberg, 17.08.2011)

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