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Kurzrezension: François Place „Gwen. Der Lehrling des Heilers“

Cover François PlaceLesealter 13+(Gerstenberg-Verlag 2011, 348 Seiten)

Mal ganz ehrlich: François Places Jugendroman „Gwen. Der Lehrling des Heilers“ hat ein Buchcover, das aussieht, als wäre es vor 50 Jahren entstanden (zumal die Druckversion um einiges blasser als die hier wiedergegebene Coverabbildung wirkt). Da musste ich schon erst einiges Gute über das Buch lesen und hören, bis ich es zur Hand nahm … (Ja, zugegeben, ich lasse mich manchmal auch von solchen Dingen leiten.) Immerhin befindet sich „Gwen“ Anfang Juli 2011 auf der Liste „Die besten 7 Bücher für junge Leser“ des Deutschlandfunks – und das war dann schließlich der Grund, warum ich mir den Jugendroman doch anschauen wollte.

Übrigens ist François Place, der in der Nähe von Paris lebt und mit „Gwen“ seinen ersten Roman geschrieben hat, bisher nur als Illustrator von Kinder- und Jugendbüchern in Erscheinung getreten. Und das Buchcover hat er selbst gestaltet …

Gwen ist ein schwächlicher Junge, der kurz vor dem 1. Weltkrieg in der Bretagne lebt und wie alle Jugendliche auf einem Fischkutter arbeiten soll. Doch von der ersten Fahrt kehrt er völlig krank zurück. Der alte Braz, ein geheimnisvoller Heiler, schafft es über mehrere Wochen hinweg, Gwen wieder gesund zu machen. Da Gwens Mutter Braz nicht bezahlen kann, schlägt dieser vor, dass Gwen ihm ein Jahr helfen könne. So wird Gwen Lehrling von Braz – auf ihn wartet ein völlig anderes Leben.

Doch Braz stirbt einige Zeit später, und Gwen erbt dessen Haus und Land. Glücklich wird Gwen damit jedoch nicht, denn die Menschen begegnen ihm, als der alte Braz tot ist, mit Neid und Feindseligkeit. Eines Tages wird er von zwei Gleichaltrigen fast tot geschlagen und außerdem beraubt. Auf einem Karren nimmt ihn ein schwarz gekleideter Mann in ein fremdes und geheimnisvolles Land mit.

Doch auch dort wird ihm übel mitgespielt. Jorn, der ihn zunächst vor der Fliegenden Wache rettet und aufnimmt, zeigt bald eine ganz andere Seite von sich. Als er bemerkt, dass Gwen die Gabe hat, Menschen zu heilen, fordert er von ihm, dass er alles Auslagen, die Jorn für ihn hatte, nach und nach abarbeiten soll. So landet Gwen in einem Abhängigkeitsverhältnis, aus dem er nicht so bald herauskommen wird …

François Places Jugendroman (Übersetzung: Bernadette Ott) beinhaltet eine ganz eigenwillige Stilmischung. Das Buch beginnt als historischer Roman, der kurz vor dem 1. Weltkrieg spielt, hat jedoch auch hier schon leicht fantastische Momente. Als Gwen schließlich in dem fremden Land ist, wird das Buch zunehmend mystisch und geheimnisvoll – man könnte meinen, Gwen wurde in seinem eigenen Albtraum ausgesetzt.

Die Mischung ist jedenfalls im Vergleich zu anderen Jugendbüchern aus den letzten Jahre einmalig. Sie wirkt irgendwie altmodisch, und auf mich hatte sie einerseits etwas Anziehendes, andererseits war ich davon aber auch immer wieder etwas befremdet. Diese zwiespältigen Gefühle sind bei mir das ganze Buch über erhalten geblieben. Auf der einen Seite ist „Gwen“ ein ungewöhnliches Abenteuerbuch, das sich dem Genre immer wieder entzieht, und lässt einen als Leser nicht los. Auf der anderen Seite war ich immer wieder irritiert davon, was in dem Buch passiert und konnte mir nur begrenzt einen Reim darauf machen.

Es gibt einiges, was für François Places Buch spricht: Gwen, Braz und Jorn, die wichtigsten Hauptfiguren, sind schillernde Personen, die Ecken und Kanten haben, die das Leid kennen, die nicht eindimensional und holzschnittartig gezeichnet sind. Sie entsprechen nicht den üblichen Helden, wie man sie aus vielen Jugendromanen kennt. Eindrücklich ist das Buch außerdem erzählt. Aber das Buch hat auch, finde ich, ein paar kleinere Schwächen: Die Handlung ist mir manchmal zu fahrig, Erzählstränge bleiben in der Luft hängen und am Ende bleibt man etwas ratlos zurück, was man da nun eigentlich für eine seltsame Geschichte gelesen hat. Dazu trägt auch bei, dass der Schluss des Buches auch so einige Fragen offen lässt.

Fazit:

3-einhalb von 5 Punkten. „Gwen. Der Lehrling des Heilers“ ist etwas für Jugendliche, die mal etwas anderes lesen wollen. Mit Gwen hat der Autor eine eigentümliche Figur geschaffen, die einem (wie die anderen Figuren auch) immer etwas fremd bleibt und die seltsame Abenteuer erlebt. Richtig warm geworden bin ich mit dem Buch nie so ganz, auch wenn es mich manchmal zugleich an einigen Stellen gepackt hat. Alles in allem war François Places Roman für mich ein eher zwiespältiges Leseerlebnis.

„Gwen. Der Lehrling des Heilers“ ist ein altmodisches Buch, das mit seinen mystischen Elementen manchmal ein wenig an Otfried Preußlers „Krabat“ erinnert, jedoch nicht an den Klassiker herankommt – dafür fehlt es dem Buch an der Geschlossenheit, die „Krabat“ auszeichnet. Kurz zusammengefasst: Ich teile nur mit Einschränkung die Begeisterung, die andere für das Buch anscheinend empfunden haben.

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(Ulf Cronenberg, 08.07.2011)

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