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Buchbesprechung: Inge Barth-Grözinger „Stachelbeerjahre“

Cover Inge Barth-GrözingerLesealter 13+(Thienemann-Verlag 2011, 345 Seiten)

Inge Barth-Grözinger hat schon einige Bücher bei Thienemann veröffentlicht, aber da ich nicht ein allzu großer Freund von geschichtlichen Romanen bin, habe ich bisher keines davon gelesen. Allerdings interessieren mich Bücher, die nach dem 2. Weltkrieg spielen, zumindest mehr als Bücher, die von ferneren Zeiten handeln. Und nach einem Tipp, mir „Stachelbeerjahre“ doch mal anzuschauen, habe ich das getan.

Die Autorin lebt übrigens in Baden-Württemberg (dort spielt auch ihr Roman) und ist Gymnasiallehrerin. Ihre Fächerkombination kann man angesichts des Jugendbuchs fast erraten: Deutsch und Geschichte …

Inhalt:

Die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts in einem Dorf im Schwarzwald namens Grunbach: Der zweite Weltkrieg ist vorbei, die Spuren davon sind jedoch noch allgegenwärtig – sei es in Bezug auf die politische Lage oder die ärmlichen Verhältnisse, in denen die Menschen leben. Marianne ist ein Mädchen, das noch in die Grundschule geht. Sie lebt mit ihrer Mutter und ihrer größeren Schwester Sieglinde bei den Großeltern, deren Sohn (Mariannes und Sieglindes Vater) im Krieg gefallen ist.

Die Großmutter Mariannes verhält sich anderen gegenüber nicht gerade freundlich. Das gilt besonders für Marianne, aber auch für ihre Mutter, während Sieglinde von der Großmutter eindeutig bevorzugt wird. Mariannes Mutter dagegen kümmert sich nicht so richtig um ihre beiden Kinder: Sie kommt abends meist geschafft von der Fabrikarbeit nach Hause, und wenn sie dann Zeit hat, flüchtet sie sich abends häufig in ein Tanzcafé, wo sie auf den Mann ihrer Träume wartet … Letztendlich ist lediglich der Großvater Marianne gegenüber nett und verständnisvoll.

Den Grund für die Ablehnung durch die Großmutter erfährt Marianne erst einige Zeit später. Als sie in der Grundschule ihren Stammbaum zeichnen sollen, bemerken die Mitschüler etwas, was Marianne bisher völlig entgangen war: Marianne wurde erst zwei Jahren nach dem Tod von Wolfgang Holzer, ihrem vermeintlichen Vater, geboren. Als Marianne ihren Stammbaum vorliest, wird sie entsprechend verlacht und hinterher wird sie immer wieder als „Franzosenkind“ gehänselt.

Erst auf Nachfrage erfährt sie von ihrer Mutter, dass ein französischer Soldat, der ihrer Mutter nach dem Krieg geholfen hat, dann aber spurlos verschwunden ist, ihr Vater ist. Lange dauert es, bis Marianne darüber hinweg kommt – zu ihrer Familie fühlt sie sich nicht mehr so richtig zugehörig. Später entdeckt sie jedoch zwei Dinge, die ihr quasi das Leben retten: Bücher und Bildung.

Marianne ist eine sehr gute Schülerin, wissbegierig und neugierig. Sie will deswegen unbedingt aufs Gymnasium gehen – doch weder ihre Mutter noch die Großmutter wollen das unterstützen. Marianne solle lieber eine anständige Lehre in der Fabrik, in der auch ihre Mutter arbeitet, machen und Geld verdienen …

Bewertung:

Manchmal ist es gut, wenn man über seinen Schatten springt – denn andernfalls wäre mir dieses Buch durch die Lappen gegangen, was schade gewesen wäre. „Stachelbeerjahre“ ist in jedem Fall ein lesenswertes Buch, und wenn ich das als nicht allzu großer Freund von historischen Romanen sage, will das etwas heißen.

Inge Barth-Grözinger hat ein recht dichtes Buch geschrieben, das vor allem dadurch besticht, dass es die 50er und den Beginn der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts sehr genau nachzeichnet. Es geht in dem Roman nicht um die geschichtlichen Daten (die werden an manchen Stellen nur nebenbei erwähnt und im Anhang ausführlicher skizziert), sondern eher um die Stimmung während dieser schwierigen Zeit. Der Titel „Stachelbeerjahre“ passt da recht gut, weil er an die gut schmeckenden, aber leicht sauren Früchte erinnert, die man an stachligen Sträuchern pflücken muss. Eher beiläufig wird das in den Roman an einer Stelle erklärt … Dass das Bild nicht überstrapaziert wird, spricht jedenfalls für das Buch.

Sehr stimmig wird in dem Buch ein Sittenbild der 50er Jahre gezeichnet: Miefig und provinziell könnte man die Zeit nennen. Die Schatten des Dritten Reiches liegen über dem Dorf, in dem es nach wie vor einige Altnazis gibt. Zudem wird sehr detailliert geschildert, wie sich viele Familien ohne Mann im Haus zu arrangieren versuchen. Eine der größten Tragödien des Buches wird geschildert, als nach vielen Jahren der tot geglaubte Vater von Mariannes Freundin aus einem russischen Gefangenenlager nach Hause zurückkehrt, wo inzwischen ein anderer Mann eingezogen ist. Und am Ende wird geschildert, wie die ersten Gastarbeiter nach Deutschland kommen – auch Mariannes Familie ist davon betroffen.

Inge Barth-Grözinger schildert all diese Begebenheiten sehr beklemmend und steht ihrer Hauptfigur Marianne trotz personalen Erzählstils sehr nahe. Auch sprachlich trifft die Autorin stets den richtigen Ton und schreibt sehr einfühlsam. Mit sprachlichen Bildern ist sie eher zurückhaltend und verwendet sie nur an den richtigen Stellen.

Am Ende wartet ein dramatisches Finale auf den Leser, das schon vorher in Zwischenkapiteln angedeutet wird. Meiner Meinung nach ist das die fragwürdigste Stelle des Buches, denn was hier passiert, scheint mir doch etwas übertrieben. Hätte es nicht auch ein etas weniger heftiger Abschluss des Familiendramas getan?

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Stachelbeerjahre“ ist ein historisches Jugendbuch, in dem die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts sehr genau gezeichnet werden. Wohl weil die Autorin zur selben Zeit in ähnlicher Umgebung wie ihre Hauptfigur aufgewachsen ist, hinterlässt das Buch einen so authentischen Eindruck. Meine Vorbehalte geschichtlichen Romanen gegenüber, dass sie heutige Denkweisen in Figuren aus früheren Zeiten legen, greifen hier von daher auch nicht.

Inge Barth-Grözinger hat mit „Stachelbeerjahre“ ein sympathisch altmodisches Buch geschrieben, in dem sie durchaus mit anderen bekannten Erzählerinnen wie Mirjam Pressler oder Autorinnen aus dem Erwachsenenbereich, die thematisch ähnliche Romane vorgelegt haben, Schritt halten kann. Das Buch erfindet kein neues Genre, nutzt Bekanntes aber konsequent und gekonnt. Jugendlichen wird in „Stachelbeerjahre“ eine vergangene Zeit lebendig vor Augen geführt, die so viel anders als die heutige ist.

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(Ulf Cronenberg, 25.06.2011)

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Kommentare (0)

  1. Gina

    Das freut mich aber, dass dir „Stachelbeerjahre“ gefallen hat. Ich hab das Buch auch schon gelesen und rezensiert und bin ganz deiner Meinung. MIt dem bizarren Schluss hatte ich ebenfalls meine Probleme. Inge Barth-Grözingers Bücher erscheinen übrigens im Hardcover bei Thienemann, im Taschenbuch meist bei Piper, also in einem Erwachsenenverlag. Die Romane eignen sich nämlich wirklich für Erwachsene und Jugendliche gleichermaßen.

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  2. Pingback: Buchbesprechung: Inge Barth-Grözinger „Sturmfrühling“ | Jugendbuchtipps.de

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