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Buchbesprechung: Jenny Valentine „Die Ameisenkolonie“

Cover Jenny ValentineLesealter 13+(dtv 2011, 215 Seiten)

Wer ist Violet Park?“ war Jenny Valentines erstes Jugendbuch. Mit der skurrilen Idee, dass ein Junge eine Urne klaut und herauszufinden versucht, wer darin verbrannt wurde, hat sich die englische Autorin gleich in die Herzen einiger Leser geschrieben.

Den Faible für ungewöhnliche Figuren und Ideen hat Jenny Valentine auch in ihrem zweiten Buch „Kaputte Suppe“ behalten, und ihr neuestes Buch „Die Ameisenkolonie“ darf da nicht hintenan stehen. Tut es auch nicht, um zumindest das vorwegzunehmen …

Inhalt:

Sam hält es zu Hause – er wohnt auf dem Land – aus verschiedenen Gründen nicht mehr aus, und so macht er sich, ohne jemandem Bescheid zu geben, auf, um nach London abzuhauen. In der Nähe des Londoner Bahnhofs sieht er ein rothaariges kleines Mädchen, das ihm gleich auffällt und dem er später wieder begegnet, als er einige Tage später ein Zimmer mietet. Er zieht in ein Mehrparteienhaus ein, in dem außer dem Vermieter Steve noch einige andere Personen wohnen: Isabel, eine runzlige alte Frau, der tätowierte Mick sowie Cherry mit ihrer Tochter Bohemia – die beiden haben auch gerade erst ihre Wohnung bezogen. Bohemia – oder kurz Bo genannt – ist das Mädchen, das Sam bereits am Bahnhof getroffen hat.

Am liebsten hat Sam vor allem seine Ruhe. Er lebt völlig zurückgezogen, verdient seinen Lebensunterhalt damit, dass er in einem Supermarkt Regale einräumt, und fühlt sich gestört, wenn er von den Hausbewohnern angesprochen wird. Doch die redselige Isabel, die sich gerne in die Angelegenheiten anderer einmischt, aber auch die verquasselte Bo lassen ihn nicht so richtig in Ruhe.

Auch Bo hat es nicht einfach: Ihre Mutter schleppt ständig irgendwelche komischen Typen an, geht auf Sauf- und Partytour und vernachlässigt ihre Tochter meist. Die anderen Hausbewohner bekommen das natürlich mit, und vor allem Isabel lässt es sich nicht nehmen, auch hier ein Wörtchen mitzureden. Sam rückt sie ebenso auf die Pelle, weil sie ahnt, dass der Junge von zu Hause abgehauen ist …

Bewertung:

Jenny Valentine ist sich treu geblieben und hat auch mit „Die Ameisenkolonie“ (Übersetzung: Klaus Fritz) ein erfrischendes und herzensgutes Jugendbuch geschrieben. Erzählt wird die Geschichte immer aus zwei Perspektiven: Sam und Bohemia wechseln sich als Erzähler ab. Durch den unterschiedlichen Ton der beiden erhält das Buch eine gewisse Frische, denn die 10-jährige Bo erlebt Dinge natürlich anders als der sieben Jahre ältere Sam.

Wie schon Jenny Valentines andere Jugendromane lebt auch „Die Ameisenkolonie“ von den Figuren – letztendlich mehr als von der Geschichte. Bo ist ein quirliger Wirbelwind, der alle auf sympathiegewinnende Weise vollquasselt. Ihrer Mutter wegen ist sie oft auf sich allein gestellt und gezwungen, meist selbständig durchs Leben zu gehen. Daraus resultiert bei dem Mädchen eine Mischung aus Altklugheit und Naivität, die das Buch belebt. Wenn Bo einen alten Mann trifft und sich über seine braune Kleidung wundert, liest sich das so:

„Die Sachen, die er anhatte, waren alle pilzfarben, sogar die Schuhe und die Tasche und der Schnurrbart. (…) Vielleicht passiert einem das, wenn man alt wird. Man wacht auf und plötzlich ist Blassbraun deine Lieblingsfarbe.“ (S. 165f)

Sam dagegen ist deutlich nachdenklicher – man ahnt schon nach den ersten Seiten des Buchs, dass er ein Geheimnis mit sich herumschleppt. Selbst Isabel ist letztendlich, obwohl sie sich als gelangweilte alte Frau überall einmischt, eine sympathische Figur, die das Herz auf dem rechten Fleck hat und später Stärke und Willenskraft zeigt.

So weit, so gut – aber dann gibt es an Jenny Valentines neuem Buch, nachdem mich der Einstieg ziemlich begeistert hat, leider doch deutlich etwas zu bemängeln. Warum muss das Buch am Ende so in den Kitsch abgleiten? Nichts gegen Happy Ends, aber Jenny Valentine übertreibt es deutlich und nimmt damit am Ende der Geschichte jene Gefühlstiefe, die sie vorher geschickt angelegt hat. Was für eine Sünde … Diesen Schluss hat das Buch, finde ich, wirklich nicht verdient.

Fazit:

3-einhalb von 5 Punkten. Jenny Valentines neuem Jugendbuch liegt eine nicht neue, aber reizvolle Idee zugrunde: In einem Mehrfamilienhaus treffen sehr unterschiedliche Charaktere, die eigentlich nicht zusammenpassen, aufeinander. Am Ende geht man gemeinsam durch Dick und Dünn, aus der Anonymität wird so etwas wie Freundschaft.

Über 150 Seiten lang macht Jenny Valentine in „Die Ameisenkolonie“ alles richtig (von der leichten Figurenüberzeichnung abgesehen), sie schreibt erfrischend, sympathisch und voller Gefühl, so dass es eine Freude ist. Doch dann entgleitet der Autorin das Buch leider, weil es zur Fernsehsoap mit Happy End wird – und das ist richtig schade. Wo anfangs das Leben pulsiert und seine Tragik sichtbar wird, hebelt sie am Ende ihre eigenen Stärken selbst aus, so dass man nach der letzten Seite das Buch aus der Hand legt und es wegen des wohlgefälligen Endes auch schon wieder vergessen hat. Das hat mich richtig geärgert.

Jenny Valentines nächster Jugendroman ist bereits für den Herbst angekündigt: „Das zweite Leben des Cassiel Roadnight“. Hoffen wir, dass die Autorin ihr Potenzial dann konsequenter nutzt.

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(Ulf Cronenberg, 23.06.2011)

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Kommentare (0)

  1. Tabea (13)

    Ich weiß nicht genau, ob das ein Tippfehler ist, aber das Mädchen heißt doch BohemiA und nicht BohemiAN, oder? Ich habe es vom Lesen jedenfalls so in Erinnerung … Ansonsten fand ich das Buch, ehrlich gesagt, gar nicht so schlimm.

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    1. Ulf Cronenberg

      Du hast Recht, Tabea – und ich habe es ausgebessert. Schlimm fand ich das Buch ja auch nicht, sondern sogar sehr gut – bis aber eben auf den Schluss …

      Antworten
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