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Buchbesprechung: QueDu Luu „Vielleicht will ich alles“

Cover QueDu LuuLesealter 15+(Kiepenheuer & Witsch-Verlag 2011, 335 Seiten)

Dass ich vor dem Lesen von Büchern meist weder den Klappentext noch die Informationen über den Autor lese, habe ich schon öfters erwähnt. So habe ich das auch bei QueDu Luus Roman „Vielleicht will ich alles“ gehalten und war mir sicher, dass sich hinter dem exotischen Namen (auch wegen des Schreibstils) ein männlicher Autor verbirgt. Als ich es nach 50 Seiten genauer wissen wollte, war ich erstaunt, dass QueDu Luu eine nicht einmal 40-jährige Autorin chinesischer Abstammung (in Vietnam geboren, in Deutschland aufgewachsen) ist. Das erste Buch der Autorin („Totalschaden“) kenne ich nicht, und auch auf „Vielleicht will ich alles“ bin ich eher durch Zufall gestoßen, denn explizit als Jugendbuch ist der Roman nicht erschienen. Aber – das sei vorweggenommen – er ist durchaus etwas für Jugendliche …

Inhalt:

Bei Addi geht es zu Hause ziemlich drunter und drüber: Seine Eltern streiten sich seit Jahren, und zwar nicht nur ab und zu, sondern täglich. Insbesondere seine Mutter ist dabei nicht gerade zimperlich und geht auch mal mit dem Hals einer abgebrochenen Bierflasche auf ihren Gatten los; eines Tages schneidet sie dabei sogar Addi in den Bauch, weil dieser dazwischengeht.

Zu Hause hält Addi es wegen der ewigen Streitereien nicht aus, und so büxt er abends oft aus, indem er durch das Fenster der Hochparterre-Wohnung steigt. Doch als er sich das erste Mal nachts davonstiehlt, lernt er Bielefeld von seiner schlimmsten Seite kennen: Er wird u. a. von Skins verfolgt und zusammengeschlagen. Am Ende macht Addi auch mit dem stadtbekannten Anzugmann, einem dicken älteren Mann, der immer mit einem speckigen Anzug und gänzlich verwahrlost herumläuft, Bekanntschaft – nicht ganz freiwillig.

So richtig weiß Addi in den letzten Wochen vor den Sommerferien nichts mit sich anzufangen. Natalie, seine frühere Freundin, will noch immer etwas von ihm, er aber nicht von ihr. Alicia dagegen, die er heimlich anhimmelt, will nichts von ihm wissen – und das, obwohl er sie auf dem Schulhof gegen mehr als 20 Schüler verteidigt, als diese ihr wegen ihrer ausländischen Herkunft übel mitspielen wollen.

Bei einem nächtlichen Streifzug trifft Addi auf Jonas, einen Schulkameraden, der ihn kurzerhand mit zu sich nach Hause nimmt. Die beiden freunden sich an, und Addi ist froh, wenn er in der verrauchten Wohnung von Jonas‘ Eltern, die Hartz IV empfangen, sitzen kann, anstatt sich in der Kampfzone zu Hause zu befinden. Addi soll Jonas auch helfen, Natalie, in die er verliebt ist, näher zu kommen …

Bewertung:

„Vielleicht will ich alles“ ist eine bizarre Geschichte über einen 16-Jährigen, der trotz der vielen Probleme um ihn herum den Kopf über Wasser zu halten versucht. Um es gleich vorwegzunehmen: QueDu Luus Buch gehört zu den besten dieses bisher eher mageren Bücherfrühjahrs. Der Roman hat einen eigenen Stil, der mir ziemlich gut gefallen hat – aus unterschiedlichen Gründen …

Fasziniert haben mich vor allem die Figuren des Romans. Addi ist sympathischer Junge, den man als Leser einfach mögen muss. Man kann ihn nur dafür bewundern, wie er den Stress zwischen seinen Eltern und die Verzweiflung, die ihn angesichts der Streitereien immer wieder befällt, wegsteckt. Die Mischung, wie Addi als Erzähler aufs Leben guckt, stimmt einfach: einerseits naiv, zugleich mit dem Herz auf dem richtigen Fleck, andererseits aber auch immer wieder überfordert, ratlos und unbeholfen.

Es ist jedoch nicht nur Addi, der der Geschichte Kontur gibt, sondern es sind ebenso die anderen Figuren des Romans: Das gilt z. B. für den Anzugmann, den Addi trotz des von ihm ausgehenden Gestanks ernst nimmt und dem er immer wieder hilft. Am Ende entpuppt sich der Anzugmann als tragische Figur, die durch einen Schicksalsschlag haltlos und verrückt geworden ist. Oder da ist Jonas, der seine Eltern, die von Zigaretten und Bier zu leben scheinen, so akzeptiert, wie sie sind, und das Beste aus seinem Leben zu machen versucht. Die meisten Figuren des Buchs sind leicht überzeichnet, ohne jedoch holzschnittartig und übertrieben zu wirken. Wo andere Autoren scheitern, versteht es QueDu Luu, ihre Figuren durch die Überzeichnung besonders plastisch, lebendig und sympathisch wirken zu lassen.

Was mich an QueDu Luus Buch zudem beeindruckt hat, ist die Liebenswürdigkeit, mit der die Autorin erzählt. Selbst Addis Eltern werden letztendlich mit ihren ganz schön heftigen Macken, liebevoll beschrieben. Zu lachen gibt es außerdem immer wieder etwas – z. B. wenn Addis Eltern ihm voller Mitgefühl beibringen wollen, dass sie sich scheiden lassen, dann aber gar nicht verstehen, als er sich mehr als erleichtert zeigt. Immer wieder sind Szenen und Figuren ähnlich slapstickartig gezeichnet.

Fazit:

5 von 5 Punkten. QueDu Luus Roman erinnert mich an die Filme von Mike Leigh (z. B. „Happy-Go-Lucky“), die von ähnlich bizarren Figuren bevölkert sind und dadurch einen ähnlichen Reiz wie „Vielleicht will ich alles“ haben. Auch wenn QueDu Luus Buch nicht in einem der typischen Jugendbuchverlag erschienen ist – es ist definitiv ein Buch für Jugendliche, denn sie werden darin (wenn auch stilvoll überzeichnet) einiges finden, was sie aus dem eigenen Leben kennen. „Vielleicht will ich alles“ erzählt mit großem Charme von den Träumen und Sehnsüchten eines Jugendlichen, der trotz Rückschlägen weiterhin an ihnen festzuhalten versucht.

Nun, ich mag Fortsetzungsromane meist nicht allzu sehr. Nach dem Lesen von „Vielleicht will ich alles“ habe ich mich allerdings dabei ertappt, mir in diesem Fall fast (aber nur fast!) eine Ausnahme zu wünschen. Nur ungern habe ich Addi auf der letzten Seite losgelassen … QueDu Luus Roman hat in jedem Fall eine dicke Leseempfehlung verdient, und den Namen der Autorin werde ich mir außerdem merken. Hoffentlich schreibt QueDu Luu weiterhin Bücher, die man auch Jugendlichen in die Hand legen kann.

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(Ulf Cronenberg, 06.06.2011)

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Kommentare (0)

  1. Birgit Hülsemann

    Hallo,
    ich lese Ihre Tipps sehr gerne, und sind auch für meinen Job sehr hilfreich. Bei der Rezension von Que Du Luus Roman ist mir aufgefallen, dass Sie sie für eine noch nicht dreißig Jährige halten, was nicht stimmt, weil sie 1973 geboren ist und damit fast vierzig ist.
    Auf der Webseite der Robert-Bosch-Stiftung gibt es noch ein bisschen mehr über ihre Biografie zu erfahren. Tolle Autorin, ich mag ihren Stil. Ich wünsche ihren Büchern viele Leser und Leserinnen.
    (Vielleicht ist es nur ein Druckfehler, der noch nicht bemerkt wurde.)
    Viele Grüße
    Birgit Hülsemann

    Antworten
    1. Ulf Cronenberg

      Hallo Frau Hülsemann,
      das war ein blöder flüchtiger Rechenfehler von mir – ich habe ihn korrigiert. Danke für den Tipp!
      Ulf Cronenberg

      Antworten
  2. Jörn

    Hallo Herr Cronenberg,
    ich versuche ja immer wieder, meine beiden Töchter dazu zu bringen, hier etwas Nettes zu schreiben, wenn ihnen ein Buch von dieser Website gefallen hat. Bisher vergeblich!
    Dieses Buch jedenfalls scheint sehr gut angekommen zu sein. Meine jüngere Tochter hat es vor kurzem morgens als Lektüre für die S-Bahn mit in die Schule genommen (ungelesen). Abends im Bett hat sie dann die letzten zehn Seiten gelesen. So ein Buch nennt man wohl neudeutsch „Pageturner“. Magisch: Die Lehrer haben gesehen, dass sie das Buch liest und deshalb von Hausaufgaben an diesem Tag abgesehen :-).
    Von mir an dieser Stelle ein großes Lob für diese Website!!
    Grüße aus Ludwigsburg,
    Jörn

    Antworten
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