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Kurzrezension: Joachim Meyerhoff „Alle Toten fliegen hoch – Amerika“

Cover Joachim MeyerhoffLesealter 16+(Kiepenheuer & Witsch-Verlag 2011, 320 Seiten)

Joachim Meyerhoff ist eigentlich Schauspieler und hatte am Wiener Burgtheater mit einem sechsteiligen Programm, das den gleichen Titel wie das vorliegende Buch hat, große Erfolge. Thematisch geht es in dem Theaterstück darum, dass er seine eigene Geschichte und die seiner Familie nacherzählt. Nun, ist ein Teil davon auch in Buchform erschienen, und der erste Band trägt den Untertitel „Amerika“.

Eigentlich ist „Alle Toten fliegen hoch“ kein explizites Jugendbuch, aber da es von dem einjährigen Amerikaaufenthalt eines Jugendlichen berichtet, könnte der Roman ja durchaus auch etwas für Jugendliche sein – gerade wenn einem auch so etwas bevorsteht …

Der Erzähler des Buchs ist ein Junge, der in einem kleinen Städtchen aufwächst und nicht unbedingt ein guter Schüler ist. Die Großeltern finanzieren den einjährigen Aufenthalt in den USA, und so landet er schließlich in Laramie (Wyoming) – einem Kleinstädtchen am Rande der Rocky Mountains. Zurück bleiben die Eltern und seine beiden Brüder, aber ebenso eine Freundin, mit der der Erzähler gerade einmal drei Monate zusammen ist.

Dass in den USA einiges anders läuft, wird ihm bald klar. Die Gastfamilie, die er vorher nur von einem Foto kannte, auf dem sie streng und unnahbar aussah, entpuppt sich dann doch allen Befürchtungen entgegen als deutlich netter … Lediglich Don, der jüngste Sohn der Familie, scheint von Anfang an etwas gegen den Austauschschüler zu haben – und das bleibt bis zum Ende so.

Auch sonst ist vieles ein Kulturschock. Das gilt z. B. für die Verbissenheit, mit der an der Schule Basketball gespielt wird. Das Ziel, in die erste Mannschaft der Schule zu kommen, erweist sich schnell als ziemlich hoch gesteckt, Freunde zu finden ist ebenso nicht einfach. Alle reden nur von „The German“, und das ist anfangs nicht unbedingt respektvoll gemeint. Und schließlich ist da noch die Sprache. In den ersten Wochen kann sich der Erzähler kaum verständlich machen, und ebenso versteht er oft nicht, was die Amerikaner sagen. Doch nach und nach fügt sich eins ums andere …

Eigentlich ist nie so ganz klar, wie minutiös Joachim Meyerhoff hier einen Teil seiner eigenen Lebensgeschichte erzählt. Man kann jedoch vermuten, dass Meyerhoff selbst Austauschschüler in den USA gewesen sein muss, denn anders könnte man von all dem nicht so detailliert berichten. Ob hier und da allerdings etwas geflunkert, einiges pointiert oder manches ergänzt wurde, weiß wohl nur der Autor. Die vielen anekdotenhaften Geschichten lassen einen das fast vermuten.

Bizarre Geschichten werden dem Leser da aufgetischt, z. B. vom Besuch eines Gefängnisses inklusive der Begutachtung des Trakts der zum Tode Verurteilten. Einer der Todeskandidaten spricht den Erzähler auf Deutsch an und bittet ihn, ihm doch auf Deutsch zu schreiben. Es dauert etwas, aber am Ende entwickelt sich daraus mehr als eine Brieffreundschaft … Oder dann ist da der Coach der Basketballmannschaft, der sich bei einem Besuch bei ihm zu Hause als deutschlandverrückter Amerikaner mit zwei Schäferhunden und einem Faible für übersteigerte deutsche Disziplin entpuppt. Das Buch ist voll von solchen Begebenheiten.

Dass diese Episoden in Romanform ihren Reiz haben, ist nicht zu leugnen. Man wird gut unterhalten – und das auf anspruchsvolle Art und Weise, denn Joachim Meyerhoff weiß zu erzählen. Allerdings hatte ich nach gut 50 Seiten erst einmal überlegt, ob ich das Buch nicht aus der Hand legen soll – der Einstieg mit den vielen Familiengeschichten, die am Anfang das Buch füllen, ist etwas dröge und verspielt. Sehnsüchtig habe ich darauf gewartet, dass der Erzähler endlich in den USA ankommt – und genau ab diesem Moment wird das Buch deutlich erfrischender und erheiternder.

Fazit:

4 von 5 Punkten. „Alle Toten fliegen hoch – Amerika“ ist sicherlich für Leser interessanter, die – wie ich – in etwa so alt wie Joachim Meyerhoff sind. Das Buch ist ein Reise in vergangene Zeiten, die sich Lesern, die diese Zeit selbst kennen, eher als Jugendlichen heute erschließen dürfte. Wen das in Jugendjahren nicht abschreckt und wer sich auf die recht eng bedruckten 320 Seiten mit etwas Muße einlassen kann, dem wird das Buch dennoch gefallen. Joachim Meyerhoff ist ein guter Beobachter, der Sinn für Pointen und Anekdoten zeigt, und in dem Buch geht es durchaus auch (das legt der Titel ja schon nahe) um die tragischen Seiten des Lebens geht. Die Stärke von „Alle Toten fliegen hoch“ liegt vor allem in der Wahrhaftigkeit, mit der Joachim Meyerhoff erzählt. Und für Jugendliche ist Meyerhoffs Buch einfach mal was anderes …

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(Ulf Cronenberg, 21.05.2011)

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Kommentare (0)

  1. mia

    Dieses Buch ist echt toll! Meiner Meinung nach hat es 5 von 5 Punkten verdient, genauso auch der zweite Teil „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“.

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  2. Lorbas

    Ich bin erst 13 und wollte fragen ob, dass Buch auch für 13-Jährige geeignet ist.

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    1. Ulf Cronenberg (Beitrag Autor)

      Ich würde sagen: eher nicht … Aber nachdem ich schon 9-Jährige kennen gelernt habe, die „Eragon“ gelesen haben (das ich ab 14 Jahren empfehlen würde), bin ich da vorsichtiger geworden. Aber es geht halt in dem Buch um die Lebenswelt und Erfahrungen eines 17- oder 18-Jährigen.

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