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Buchbesprechung: Jacques Couvillon „Chicken Dance“

Cover Jacques CouvillonLesealter 12+(Bloomsbury-Verlag 2011, 336 Seiten)

Eigentlich hätte sich Chicken House, ein Ableger des Carlsen-Verlags, diesen Titel unter den Nagel reißen müssen … Doch „Chicken Dance“ ist bei Bloomsbury erschienen. Der Buchtitel hat mich gleich an ein anderes Jugendbuch erinnert, bei dem es auch um Hühner ging: Frances O’Roark Dowells „Chicken Boy“. Und tatsächlich: Die Bücher haben nicht nur das Thema Hühner gemeinsam, sondern darüber hinaus auch den Grundton der Geschichte.

Inhalt:

Don lebt mit seinen Eltern im Städtchen Horse Island auf einer Farm, die sie unter einer Auflage von einem Onkel geerbt haben: Sie müssen immer mindestens 25 Hühner halten. Wenn sie dem 10 Jahre nachkommen, so wird ihnen die Farm endgültig überschrieben. Dabei hasst Dons Mutter, die überhaupt recht launisch ist, Hühner über alles. Und auch Dons Vater ist nur begrenzt begeistert von dem Federvieh.

In seiner Klasse ist Don ein Außenseiter und wird oft von anderen gehänselt. Sein größter Trost sind die Hühner, denen er sich oft anvertraut – im Gegensatz zu seinen Eltern sind sie gute Zuhörer. Als in der Stadt wie jedes Jahr ein großer Hühnerwissenswettbewerb stattfindet, an dem in diesem Jahr das erste Mal auch 11-Jährige teilnehmen dürfen, sieht Don seine Chance. Als jüngster Teilnehmer aller Zeiten gewinnt er den Wettbewerb – und das verändert so einiges in seinem Leben.

Nicht nur, dass auf einmal viele Leute in Horse Island Don und seiner Familie Eier abkaufen wollen, auch in der Klasse ist er auf einmal beliebt. Selbst Leon, sein bisheriger Erzfeind, freundet sich mit Don an.

Aus den Fugen gerät alles erst wieder, als Don durch Zufall mehreren Geheimnissen seiner Familie, auf die er sich keinen Reim machen kann, auf die Spur kommt. Seine große Schwester Dawn, von der seine Eltern sagen, dass sie tot wäre, scheint noch zu leben. Außerdem findet er eine Geburtsurkunde, die mit seinem Geburtsdatum auf den Vornamen Stanley ausgestellt ist. Dons Eltern versichern dem Jungen, dass er eigentlich Stanley heiße, aber Don versteift sich auf die Idee, dass er vielleicht einen Zwillingsbruder hatte. Das Geheimnis will er lüften …

Bewertung:

Beim Schreiben der Inhaltszusammenfassung habe ich erst gemerkt, wie viele Themen das Buch eigentlich streift. Sie lassen sich in vier Absätzen gar nicht alle zusammenfassen. Psychologisch ist da vieles raffiniert gemacht. So bemerkt man als Leser gleich zu Anfang, dass Dons Eltern mehr als verschroben und überhaupt nicht liebevoll sind. Als man etwas später mit Don erfährt, dass seine Schwester noch leben könnte, ahnt man, dass in der Familie einiges mehr in Unordnung ist. Man stellt Mutmaßungen an, wie alles zusammenhängen könnte, doch letztendlich kommt alles anders.

„Chicken Dance“ (Übersetzung: André Mumot) ist eine Geschichte, in der es darum geht, wie ein 11-Jähriger mit einer schwierigen Familiensituation, die er nicht versteht, umzugehen versucht. Detailliert wird das Innenleben des Jungen aus dessen Sicht beschrieben. Doch es geht nicht nur um die Familie, sondern auch um die Themen Freundschaft und nicht verwirklichte Lebensträume.

Nicht alles an dem Buch hat mir gefallen. Es stört mich oft bei Büchern, wenn zu viele Zufälle geschehen, um die Handlung plausibel und rund zu machen. Rein zufällig wird in „Chicken Dance“ der Hühnerwettbewerb auf einmal für 11-Jährige geöffnet, zufällig fährt Don mit der Schule in die Stadt, in der Dawn untergekommen ist … Jacques Couvillon übertreibt es hier meiner Meinung nach ein wenig.

Zudem hat das Buch zwei kleinere Schwächen: den Beginn und den Schluss. Es dauert zum einen etwas zu lange, bis die Geschichte ihren Reiz entfaltet, zum anderen finde ich das Ende fragwürdig, ja, irgendwie – obwohl es kein reines Happy End ist – leicht kitschig. Da merkt man eben doch, dass es sich um ein amerikanisches Buch handelt.

Fazit:

4 von 5 Punkten. „Chicken Dance“ ist das sympathische Debüt eines Autors, der im Nachwort beschreibt, dass es für ihn nicht einfach war, an sich und sein Buch zu glauben, der aber von vielen Leuten immer wieder bestärkt wurde, weiterzuschreiben. Die Hauptfigur Don bezaubert den Leser durch ihre Naivität, die zugleich mit einer liebenswerten Ernsthaftigkeit gepaart ist. Ansonsten zeichnet sich Jacques Couvillons Kinder-/Jugendroman durch liebevolle Ideen aus, die man aber alle irgendwoher schon kennt. Tiefgründig fand ich vor allem die Darstellung von Dons Familienverhältnissen, deren unterschwellige Missstimmung sehr gut transportiert wird.

Dass das Buch ansonsten ab und zu leicht ins Klischeehafte abrutscht, sei nicht verhehlt. Ähnliches habe ich schon zu oft gelesen, um wirklich begeistert davon sein zu können. Bei anderen Autoren wie Michael Gerard Bauers „Nennt mich nicht Ismael!“ ist es z. B. ein Debattierwettbewerb, der einen bisher Gemobbten verwandelt und Selbstvertrauen gewinnen lässt. In „Chicken Dance“ geht es eben um Hühnerzucht. Ein bisschen durchsichtig ist die Idee letztendlich eben doch.

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(Ulf Cronenberg, 10.05.2011)

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