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Kurzrezension: Eoin Colfer „Artemis Fowl – Der Atlantis-Komplex“

Cover Eoin Colfer - Atlantis-KomplexLesealter 10+(List-Verlag 2011, 335 Seiten)

Alle zwei Jahre ein neues Artemis-Fowl-Buch – darauf pendelt es sich ein … „Der Atlantis-Komplex“ ist, wenn ich richtig gezählt habe, der siebte Streich des genialen jugendlichen Kriminellen, der allerdings jeden Band etwas mehr von seinen dunklen Machenschaften abrückt und inzwischen fast geläutert ist.

Die Kinderbücher von Eoin Colfer haben immer ihren ganz eigenen Reiz – das gilt insbesondere für die Artemis-Fowl-Bände, denn sie vereinen Witz und Spannung, so dass sie vor allem von Jungen gerne gelesen werden. Aber selbst als Erwachsener hatte ich bisher immer meinen Spaß mit Eoin Colfers Büchern. Ob das auch für Band 7 gelten würde?

Artemis Fowl hat sich etwas ausgedacht, um die Welt vor der Klimakatastrophe zu retten – hierzu lädt er ein paar seiner vertrauten Unterirdischen nach Island ein, um ihnen seine Idee vorzustellen. Vorher hat er jedoch seinen Leibwächter Butler, der ihm sonst auf Tritt und Schritt folgt, mit einer Finte nach Amerika gelockt, wo angeblich Butlers Schwester in Gefahr schwebt. Doch eigentlich ging es Artemis Fowl eher darum, Butler, dem er nicht mehr ganz so wie früher vertraut, loszuwerden …

Die Elfe Holly und der Zentaur Foaly, zwei der unterirdischen Vertrauten von Artemis Fowl, merken schon kurz nach der Ankunft in Island, dass mit Artemis etwas nicht stimmt. Er verhält sich paranoid und scheint sich verfolgt zu fühlen. Außerdem bemerken sie – wie auch Artemis selbst in stillen Momenten –, dass er beunruhigende Rituale vollzieht. So zählt er die Wörter seiner Sätze, damit sie immer ein Vielfaches der Zahl Fünf ergeben. Die Zahl Vier dagegen vermeidet er, wo immer es geht, denn sie steht angeblich für den Tod. Für Holly und Foaly ist bald klar, dass Artemis Fowl unter einer psychischen Erkrankung leidet: dem Atlantis-Komplex.

Doch dann geht in Island alles drunter und drüber, denn die kleine Gruppe wird angegriffen. Butler in Amerika geht es nicht anders – er befindet sich mit seiner Schwester ebenfalls in Gefahr. Lange ist nicht klar, wer hinter all dem steckt, zumal Artemis Fowl von Holly aus Sicherheitsgründen außer Gefecht gesetzt wurde. Es kommt jedoch noch schlimmer: Auch Atlantis, das unter dem Meer liegt, ist einem Angriff ausgesetzt, und viele Menschen drohen zu sterben. Alles scheint außer Kontrolle zu geraten, zumal Artemis Fowl das zweite Stadium des Atlantis-Komplexes erreicht hat und sich eine andere Persönlichkeit in ihm festgesetzt hat.

Bisher war das Lesen eines neuen Artemis-Fowl-Bandes immer fast so etwas wie Nach-Hause-kommen. Jedes Mal habe ich mich gefreut, dem verschlagenen Artemis Fowl, seinem Leibwächter Butler, der intelligenten Elfe Holly und dem Technik-Freak Foaly wiederzubegegnen. Doch diesmal war es leider etwas anders, denn Eoin Colfer hat es meiner Meinung nach auf den ersten 100 Seiten des Buchs übertrieben. Was wohl als fulminanter Einstieg gedacht war, entpuppt sich leider als viel zu chaotischer Beginn eines Kinderromans, den man liest und wo man lange nicht so richtig versteht, was genau hier eigentlich passiert. Mir war das alles jedenfalls viel zu verwirrend, und von den liebevollen gezeichneten Figuren, die Eoin Colfers Bücher sonst auszeichnen, ist anfangs wenig sichtbar.

Durch die ersten 100 Seiten musste ich mich eher quälen – eine völlig neue Erfahrung, was die Artemis-Fowl-Bücher angeht. Doch dann wird der Plot des Buchs langsam Stück für Stück verständlicher und gewinnt die alte Qualität, die man von den Artemis-Fowl-Büchern gewohnt ist, zurück. Eoin Colfer ist endlich der alte. Selbst als Erwachsener muss man immer wieder lachen, weil der Text kuriose Anspielungen enthält: Da wird Grazen McTortoors Metal-Ballade „Troll Sundown“ erwähnt – eine nette Persiflage auf Heavy Metal – oder Foaly und Artemis liefern sich Wortgefechte, bei denen sie sich absolut nichts schenken. Amüsant!

Ein bisschen nervig ist manchmal dagegen die Schilderung des Atlantis-Komplexes. Dass Artemis Fowl von der Krankheit befallen ist, gehört nicht zu den besten Buchideen den Autors … Aber auch sie verliert glücklicherweise im Laufe des Romans etwas an Bedeutung.

Fazit:

3 von 5 Punkten. Den Anfang seines Buches hat Eoin Colfer diesmal meiner Meinung nach ordentlich vergeigt. Die Handlung des Buchs überschlägt sich, und als Leser kann man dem nicht folgen. Es dauert gut 100 Seiten, bis das Buch in ruhigere Fahrtwasser kommt. Und dann wird Band 7 endlich auch zu einem typischen Artemis-Fowl-Roman.

„Der Artemis-Komplex“ gehört damit zu den schlechteren Bänden der Reihe – doch auch schon bei den Bänden vorher war zu beobachten, dass Eoin Colfer ab und zu über die Stränge schlägt. Dieser Trend ist beim neuen Band leider auf die Spitze getrieben worden. Warum weist eigentlich niemand den Autor auf die Schwächen seiner Bücher hin? Gibt es da keinen kritischen Lektor? Eoin Colfer ist ein begnadeter Jugendbuchautor, der Ideenreichtum, Witz und Spannung zu vereinen weiß – bloß lassen seine Bücher zunehmend die nötige Konzentration vermissen, die ihnen gut täte. Und das ist richtig schade.

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(Ulf Cronenberg, 22.03.2011)

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Kommentare (0)

  1. Jumbo

    Ja, das stimmt. Der neue „Artemis Fowl“ ist wohl einer der schlechtesten – vor allem die Stellen, an denen Artemis in seinem eigenen Kopf gefangen ist, sich dort aber wie ein normaler Mensch bewegt, sind nur mit Mühe zu ertragen und lassen die Sehnsucht nach halbwegs meisterhaften Plänen wie früher wachsen. Auch ist Artemis Trick am Ende zu erwarten und lässt frühere Genialität vermissen.

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