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Kurzrezension: Petra Ivanov „Escape“

Cover Petra IvanovLesealter 14+(Appenzeller Verlag 2010, 278 Seiten)

Die Buchbesprechung habe ich eigentlich schon im Oktober 2010 aufgesetzt, dann liegen gelassen und irgendwie vergessen. Doch dann hat Petra Ivanov neben Stephan Knösel im März 2011 das Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium erhalten (siehe hier) – ein passender Anlass, die Buchbesprechung von „Escape” endlich zu veröffentlichen.

Petra Ivanovs Buch „Escape“ ist in einem Verlag erschienen, den wohl nur wenige in Deutschland kennen: im Appenzeller Verlag, der – der Name lässt das vermuten – in der Schweiz beheimatet ist. Das bemerkt man spätestens auch, wenn man sich die Rechtschreibung in dem Jugendroman anschaut: In der Schweiz wird ja meist kein „ß“ verwendet, weswegen ich über so manches Wort in dem Buch erst einmal gestolpert bin. Wenn da z. B. „büssen“ steht, so habe ich kurz innehalten müssen, bis mir klar war, dass das kein Rechtschreibfehler, sondern die schweizerische Schreibweise für „büßen“ ist … Für Rechtschreibmuffel ist das Fehlen des „ß“ allerdings sicher eine gute Sache.

Leotrims Eltern kommen aus dem Kosovo und sind während des Krieges dort in die Schweiz geflohen. War sein Vater in der Heimat Lehrer, so verdient er in der Schweiz sein Geld als Taxifahrer. Mitgebracht hat sein Vater aus dem Kosovo allerdings seine traditionellen Vorstellungen von Familie. Leotrim kann es nicht glauben, als sein Vater ihm als 17-Jährigen seine zukünftige Verlobte vorstellen will: Sanije ist ein angeblich hübsches und intelligentes Mädchen, das noch in der alten Heimat lebt und kein Wort Deutsch kann.

Tragisch ist das Ganze insbesondere, weil Leotrim sich erst vor kurzem in Nicole, die Freundin seiner Schwester Julia, verliebt hat. Die Beziehung zwischen Nicole und Leotrim ist jedoch aus verschiedenen Gründen nicht gerade einfach: Zum einen muss sie vor Leotrims Eltern geheimgehalten werden, zum anderen ist Nicole nicht unbedingt ein einfacher Mensch.

Leotrim will auf keinen Fall mit Sanije verlobt werden, doch zugleich traut er sich nicht, gegen seinen Vater aufzubegehren. Eine schwierige Situation. Mit einer List, will er Sanije dazu bringen, dass sie selbst von einer Verlobung mit ihm absieht: Er will sich unmöglich aufführen, um sie abzuschrecken …

Angesichts der Geschichte fragt man sich vielleicht, woher eigentlich der Titel kommt. Das ist leicht zu erklären: Als versierter Computernutzer wünscht sich Leotrim als Ich-Erzähler mehrmals im Roman, dass er wie bei einem Computerspiel einfach die Escape-Taste drücken könnte, um dem, was passiert, eine Ende zu setzen. Leotrim verwendet auch sonst in dem Buch immer wieder sprachliche Bilder, die der Computersprache entstammen. Und noch ein zweiter Bildbereich wird immer wieder bemüht: der von Autos. Das klingt zwar jugendnah, führt aber manchmal zu etwas abgeschmackten Vergleichen, wenn Leotrim beim ersten Berühren von Nicoles Bauch diesen mit den Sitzen eines Jaguars (wohlgemerkt nicht der Raubkatze, sondern der Automarke) vergleicht.

Mal abgesehen davon, dass „Escape“ ab und zu sprachlich etwas holpert, erzählt das Buch eine leider noch immer aktuelle Problem-Geschichte, die sprachlich jedoch nichts wirklich Neues zu bieten hat. Als Leser ist man erstaunt, dass auch heute noch albanische Väter ihre Söhne ohne Mitspracherecht verheiraten möchten, man fiebert deswegen mit Leotrim mit, dass er doch noch „seine“ Nicole bekommt und nicht mit Sanije verlobt wird. Das ist das Moment, das die Geschichte am Laufen hält: Man will wissen, wie das Buch ausgeht.

Zwischen den Kapiteln sind immer wieder kurze Zwischenspiele eingestreut, die beschreiben, wie Leotrim in einem See kurz vor dem Ertrinken ist. Das ist geschickt gemacht, weil es andeutet, dass das Buch am Ende in einer Katastrophe enden könnte, und damit die Spannung erhöht. Allerdings: Die Idee dazu ist nicht neu. Anthony MacGowan hat das in „Der Tag, an dem ich starb“ ähnlich gemacht.

Fazit:

3-einhalb von 5 Punkten. „Escape“ ist ein kurzweiliges Buch, das fast nach dem Muster eines Komödienstadels (einer bayerischen Fernsehsendung von früher, wo sich die Hauptfiguren am Ende nach vielen Verwicklungen schließlich doch noch lieben durften), freilich ohne bayerischen Dialekt, gestrickt ist. Die Liebe zwischen Nicole und Leotrim muss harte Proben bestehen … – und die Spannung besteht darin, ob die beiden sich am Ende doch noch bekommen.

Petra Ivanovs Jugendroman hat eine gewissen Charme, aber auf sprachlicher Ebene auch ein paar holprige und fragwürdige Stellen und kommt insgesamt etwas unbedarft daher. Es fehlt ein gewisser Feinschliff, der wirklich gute Jugendromane ausmacht. Das Buch macht auf ein brisantes gesellschaftliches Problem aufmerksam und bietet ansonsten gute Unterhaltung – nicht weniger, aber auch nicht mehr.

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(Ulf Cronenberg, 21.03.2011)

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Kommentare (0)

  1. L. Mathies

    Keine gute Rezension. Was ja schon der erste Absatz beschreibt. Und kein guter Leseanreiz, denn dann wird das Falsche erwartet.
    Sprachlich ist das Buch solide. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Jugendlicher diesen Alters so denkt. „Tragisch“ ist wohl das falsche Wort, um darauf hinzuweisen, dass eine Liebe schiefgeht.

    Probleme werden sehr viele angesprochen:
    – Krieg
    – Kosovo (wobei dort verschiedene Bevölkerungsgruppen mit verschiedenen Religionen sowie mit teils unterschiedlichen Mentalitäten leben)
    – Problemzonen in der Stadt Zürich sind kurz und treffend beschrieben
    – Das Spannungsfeld zwischen Rechten von Eltern und Kindern wird kurz beschrieben, sollte jedoch nicht einseitig betrachtet werden.
    – VERGEWALTIGUNG
    – Kriegsspiele
    – Drogen
    – Horrorfilme mit viel Blut und Gewalt

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    1. Ulf Cronenberg

      Hm, klar mag man die Rezension als nicht gelungen betrachten … Allerdings heißt das Aufzählen vieler Probleme, die in dem Buch angesprochen werden, noch lange nicht, dass das Buch deswegen gut ist.

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  2. Saskia

    Ich mag die Bücher, die Petra Ivanov geschrieben hat: besonders „Reset“ und „Escape“. Sie sind megaspannend, und man kann einfach nicht mehr aufhören zu lesen.

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  3. Ursula

    Das Buch eignet sich meiner Meinung nach optimal als Klassenlektüre, da es kulturelle Unterschiede und die daraus resultierenden Probleme aufzeigt; ein Thema, dem auch die Schüler/innen in ihrem Alltag ausgesetzt sind.

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