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Buchbesprechung: Gail Giles „Der erste Tod der Cass McBride“

Cover Gail GilesLesealter 15+(Thienemann-Verlag 2011, 232 Seiten)

Der Stuttgarter Thienemann-Verlag ist sonst hauptsächlich für Bücher von deutschsprachigen Autoren bekannt. Illustre Namen wie Otfried Preußler oder Michael Ende, um zwei Klassiker zu nennen, gehören dazu. Mit Gail Giles Psychothriller „Der erste Tod der Cass McBride“ hat sich der Verlag jedoch einer Übersetzung aus dem Amerikanischen zugewandt – und zwar, wie auf der Thienemann-Website nachzulesen ist, einem Buch von der „Queen of Thrillers for Young Adults“ (ein Zitat von Publisher’s Weekly). Das ist natürlich ein ziemlich hoch gegriffenes Prädikat. Gespannt war ich jedenfalls, ob da mehr dahinter steht, als nur Werbung für ein Buch …

Inhalt:

Kyles jüngerer Bruder David hat sich erhängt – und mit ein Auslöser dürfte gewesen sein, dass er von der hübschen, aber unnahbaren Cass kurz zuvor einen Korb bekommen hat, als er bei ihr wegen eines gemeinsamen Dates nachgefragt hatte. Das alles führt dazu, dass Kyle sich an Cass rächen will. Etwas ganz Perfides hat er sich dafür ausgedacht:

Er entführt die betäubte Cass und vergräbt sie in einer Holzkiste unter der Erde. Nur zwei kleine Schläuche führen aus der Kiste heraus, so dass Cass noch Luft zum Atmen bekommt. Zunächst ist sich Kyle nicht sicher, ob Cass die Betäubung überlebt hat, denn das Mädchen rührt sich lange nicht und gibt auch keinen Ton von sich. Doch schließlich erwacht Cass. Über ein Funkgeräte, das er Cass um den Arm gebunden hat, verständigt er sich mit ihr. Kyle will ihr das Sterben in der Kiste, indem er auch noch zu ihr spricht, zur Hölle machen …

Für Cass ist das alles traumatisch, denn lebendig begraben zu sein, ist der Horror – und zunächst weiß sie auch gar nicht, warum sie sich in der Kiste befindet. Nach und nach bekommt sie aus den Gesprächen jedoch mit, warum Kyle sich an ihr auf diese Weise rächt. Cass‘ sonst so selbstsichere Fassade bröckelt, zugleich versucht sie, Kyle mit Gesprächen dazu zu bringen, sie nicht in der Kiste sterben zu lassen … Ein psychologisches Gefecht mit Worten beginnt.

Bewertung:

Ein Psychothriller – das steht schon einmal fest – ist Gail Giles‘ Buch in jedem Fall. Allein bei dem Gedanken, sich in einer Kiste unter der Erde begraben zu wissen, läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Und die Angst, die Cass auszustehen hat, wird ziemlich nachvollziehbar beschrieben. Das Mädchen wird ständig zwischen Todesangst, Hoffnungslosigkeit und einem letzten Fünkchen Auflehnung, um sich vielleicht doch noch retten zu können, hin und her geworfen.

„Der erste Tod der Cass McBride“ (der Name der Figur ist kein Zufall und leitet sich wohl von Kassandra, der Unheilsbotin, und dem englischen Wort „pride“ ab) ist raffiniert aufgebaut. Aus drei Perspektiven wird das Buch erzählt: Cass beschreibt direkt, was sie in der Kiste denkt, empfindet und erlebt; Kyle erzählt aus seiner Sicht in einem Videoverhör der Polizei, was vorgefallen ist und welche Hintergründe es für seine Rache gibt; und schließlich wird noch aus der Sicht der Polizei berichtet, wie diese nach der verschwundenen Cass sucht und sie schließlich findet. Die drei Erzählstränge greifen geschickt ineinander und ergänzen sich.

Einen großen Teil der Geschichte nimmt die Frage ein, was Kyle veranlasst hat, an Cass Rache zu üben. Vordergründig scheint Cass‘ fieses Verhalten David gegenüber Schuld zu sein – doch letztendlich steht dahinter einiges mehr: zwei Familien – die von Cass und die von David und Kyle –, die beide in manchem nicht ganz unähnlich ticken: Die Kinder sind Instrumente für das eigene Emporkommen oder werden als Hindernis für die eigenen Lebensträume der Eltern gesehen.

So psychologisch plausibel vieles in dem Buch beschrieben wird – das Psychogramm von Kyles und Davids Mutter, die einiges mit dem Vorgefallenen zu tun hat, scheint mir doch ein wenig übertrieben. Nicht, dass es nicht solche Mütter gibt – aber dass der Rest der Familie sich nicht gegen sie wehrt, erscheint mir nicht so ganz nachvollziehbar.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Gail Giles‘ Jugendthriller (Übersetzung: Eva Plorin) ist ein Buch, das einem unter die Haut geht und einen erschaudern lässt. Von Cass‘ Gedanken und Gefühlen in ihrem lebendigen Grab zu lesen, ist harter Stoff. Gott sei Dank enthält das Buch auch weniger nervenaufreibende Passagen, in denen die Polizei nach dem Entführer von Cass sucht.

Wer psychologisch raffinierte Spannung sucht, der ist mit „Der erste Tod der Cass McBride“ gut beraten. Ähnlich heftigen Lesemomenten begegnet man nicht allzu oft in Jugendbüchern. Für Zartbesaitete mit einer lebhaften Fantasie und der Neigung zu Albträumen ist das Buch aber sicher nichts. Alles in allem schafft es Gail Giles jedoch, diese recht heftige Geschichte für Jugendliche verkraftbar zu halten. Die Altersempfehlung des Thienemann-Verlags – ab 15 Jahren – ist von daher nicht zu hoch und nicht zu tief gegriffen. Ich kann mich ihr nur anschließen.

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(Ulf Cronenberg, 26.01.2011)

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Kommentare (0)

  1. Elisabeth + Sabine

    Hallo Herr Cronenberg!
    Endlich wieder ein Lebenszeichen! Wir haben uns schon Sorgen um Sie gemacht …
    Mit Freude und Spannung lesen wir immer gerne Ihre Buchbesprechungen. Wir als Buchhändlerinnen greifen gerne darauf zurück. Bitte lassen Sie uns auf die nächste nicht wieder einen Monat warten.
    Herzliche Grüße!

    Antworten
    1. Ulf Cronenberg

      Das ist aber ein netter Kommentar! Nein, bis zur nächsten Buchbesprechung dauert es garantiert nicht so lange – die lange Wartepause hatte nur etwas mit der Juryarbeit für den Deutschen Jugendliteraturpreis zu tun. Da war an Buchbesprechungen überhaupt nicht zu denken.
      Viele Grüße zurück!

      Antworten
  2. Elisabeth + Sabine

    Achso. Das ist natürlich entschuldigt. 🙂
    Wir dachten schon, Sie seien krank o. Ä.

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    1. Ulf Cronenberg

      Nein, das ist alles im grünen Bereich!

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  3. Barbara Beiner-Meßing

    Mit 41/2 von 5 Punkten finde ich dieses Buch – das mir insgesamt ziemlich gut gefallen hat – ein wenig zu gut bewertet. Am Schluss geht`s mir zu schnell. Cass und Kyle kapieren zwar, dass sie von ihren Eltern benutzt worden sind, auch erkennen sie Parallelen, aber diese Gedanken werden kaum weiter verfolgt, da sich zum großen Finale die dritte Perspektive – Polizei greift ein, Täter wird gefasst, Opfer wird behandelt – in den Vordergrund drängt. Cass‘ „Schuldgedanken“ überzeugen mich nicht. Schade.
    Übrigens erinnerte mich dieser Roman zunächst stark an „Tote Mädchen lügen nicht“ von Jay Asher.

    Antworten
    1. Ulf Cronenberg

      Wobei „Tote Mädchen lügen nicht“ schon noch um einiges raffinierter aufgebaut ist: Der Wechsel zwischen den Tonbandaufzeichnungen und der Gegenwart – das ist einfach bravourös gemacht. Aber was die Stimmung angeht, hast du natürlich recht.

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