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Buchbesprechung: Marjaleena Lembcke „Die Füchse von Andorra“

Cover Marjaleena LembckeLesealter 10+(Nagel & Kimche-Verlag 2010, 127 Seiten)

Marjaleena Lembcke ist eigentlich Finnin, lebt aber seit über 50 Jahren in Deutschland und hat auf Deutsch schon viele Bilder- und Kinderbücher veröffentlicht. Mal abgesehen von einigen Bilderbüchern ist „Die Füchse von Andorra“ das erste längere Buch, das ich von Marjaleena Lembcke gelesen habe.

Das Buchcover wirkt übrigens fast noch kindlicher als der Inhalt des Buches – geeignet ist das Kinderbuch wohl ab 9 oder 10 Jahren. Was es mit den vier von hinten zu sehenden Kindern auf sich hat, werdet ihr gleich erfahren …

Inhalt:

Sophie hat drei Geschwister, die allerdings alle genauso alt sind wie sie (wenn man von ein paar Minuten absieht) – denn sie, Jonathan, Felix und Frederike sind Vierlinge. Ursprünglich schien es, als könnten ihre Eltern gar keine Kinder bekommen – und als sie sich von dem Wunsch nach Kindern eigentlich schon innerlich verabschiedet hatten, bekamen sie dann plötzlich vier Kinder auf einmal. Ganz unterschiedlich sind sie alle: Sophie ist verantwortungsvoll, Jonathan blitzgescheit und deswegen oft aber auch etwas angeberisch, Felix isst für sein Leben gern, und Frederike tut sich mit dem Lernen schwer, kann jedoch sehr einfühlsam sein.

Eher am Rande bekommt Sophie mit, dass es ihrer Mutter nicht so gut geht. Doch auf Nachfrage sagt ihr niemand, was eigentlich los ist. Ihre Eltern schweigen, wenn sie direkt darauf angesprochen werden. Klar ist nur, dass Sophies Mutter irgendwelche Medikamente nehmen muss.

Sophie bewundert seit längerem Alice, eine Mitschülerin, die jedoch keinerlei Notiz von ihr zu nehmen scheint. Selbst als die beiden sich ein bisschen anfreunden, scheint Alice immer auf Distanz zu bleiben und nie wirklich etwas von sich zu erzählen. Sophie kann sich keinen Reim darauf machen …

Dann wartet auf die Vierlinge etwas Besonderes: Ihre Tante Paula will mit ihnen und ihren Eltern in Urlaub fahren – nicht nach Andorra, wie die Vier zunächst vermuten, sondern nach Finnland. Schon bald sind sie in einem vollgepackten Auto auf dem Weg dorthin. Die Wochen in Finnland werden für alle sehr schön, doch schon kurz danach verschlechtert sich der Zustand von Sophies Mutter …

Bewertung:

Eigentlich hatte ich zunächst gar nicht vor, über „Die Füchse von Andorra“ eine Buchbesprechung zu schreiben. Doch dann war ich von dem Buch so angetan, dass ich meine Meinung geändert habe – denn Marjaleena Lembckes Kinderbuch ist ein Buch, das so einfühlsam ein schwieriges Thema behandelt, dass ich es vorstellen wollte.

Es tut mir leid, wenn ich möglichen Lesern an dieser Stelle ein wenig Spannung nehme – aber ohne ein wenig mehr zu erzählen, lässt sich schlecht eine Buchbesprechung über „Die Füchse von Andorra“ schreiben. Das Besondere an dem Kinderbuch ist, dass es aus Kindersicht die Depression einer Erwachsenen beschreibt, denn die Mutter der Vierlinge hat im Verlauf des Buchs eine depressive Episode.

Zunächst einmal ist Marjaleena Lembckes Werk jedoch ein ganz normales Kinderbuch, das in unbeschwertem Ton von Vierlingen und ihren Eltern erzählt. Erst nach und nach schleicht sich die ein oder andere Ahnung, dass da etwas nicht stimmt, in die Erzählung ein. Sophie spürt etwas, aber die Erwachsenen hüllen sich in Schweigen und geben selbst auf Nachfrage nichts preis. Recht spät – nach dem Finnland-Urlaub – erfahren die Kinder dann, dass ihre Mutter depressiv ist, und es zählt zu den Stärken des Buches, wie darin kindgerecht erklärt wird, was man sich unter einer Depression vorzustellen hat. Der Moment, als die Vierlinge über die Depression ihrer Mutter informiert werden, wird zur Stunde von Frederike, die sonst eher wortkarg und eher schwer von Begriff ist, jedoch den Zustand der Mutter besonders gekonnt in Worte fassen kann.

Überhaupt zählen die Figuren zu den großen Pluspunkten in Marjaleena Lembckes Kinderbuch. Es sind nicht nur die Vierlinge, die in ihren Eigenarten gut beschrieben werden, sondern ebenso die Erwachsenen – darunter Sophies Vater sowie Tante Paula. Gerade der Vater ist vielschichtig gezeichnet: Mal erfindet für seine Kinder eine Traumwelt, dann wieder zeigt er sich überfordert, bleibt jedoch immer liebevoll.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Auf Anhieb zumindest fällt mir kein Buch ein, das das Thema Depression für Kinder ab 9 oder 10 Jahren verständlich und einfühlsam behandelt. Allein dafür ist Marjaleena Lembckes Buch zu loben. Gut gefällt mir aber auch, dass man nie das Gefühl hat, hier ein reines Problembuch zu lesen, sondern dass „Die Füchse von Andorra“ trotz der schwierigen Themen eine gewisse Unbeschwertheit mitbringt. Selbstverständlich ist das nicht.

Auch sonst macht Marjaleena Lembcke eigentlich alles richtig: Das Buch ist literarisch anspruchsvoll und (vom Wort „Tornister“ mal abgesehen) zugleich kindgerecht geschrieben, die Figuren wissen zu gefallen, und die Mischung aus Fröhlichkeit und Problemen stimmt. Ich bin nicht leicht für Kinderbücher zu begeistern, aber „Die Füchse von Andorra“ habe ich einfach gerne gelesen.

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(Ulf Cronenberg, 30.12.2010)

P. S.: Wenn ihr übrigens wissen wollt, warum das Buch „Die Füchse von Andorra“ heißt, dann müsst ihr das Buch selbst lesen. Zu erraten ist das jedenfalls nicht.

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Kommentare (0)

  1. Gina

    Schöne Buchbesprechung! Aber was hast du gegen das Wort Tornister?

    Antworten
    1. Ulf Cronenberg

      Vielleicht gilt das ja nur für Nordbayern – aber hier würde das kein Kind oder Jugendlicher verstehen …

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  2. Jörn

    Von Marjaleena Lembcke ist ebenso empfehlenswert „Als die Steine noch Vögel waren“. Die von Ulrike Folkerts gelesene Hörbuchfassung hat uns vor vier Jahren im Sommerurlaub die langen Autofahrten in Schweden verkürzt.

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