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Buchbesprechung: Ulf Iskender Kaschl „Roadmovie Kapstadt“

Cover Ulf Iskender KaschlLesealter 16+(éditions trèves 2010, 257 Seiten)

Es gibt Bücher, die nehmen einen ganz eigenen Weg zu mir. Im Fall von „Roadmovie Kapstadt“ hat mich der Autor Ulf Iskender Kaschl selbst angeschrieben und gefragt, ob ich das Buch nicht bei Jugendbuchtipps besprechen will. Wir haben dann außerdem festgestellt, dass wir uns (zumindest indirekt) kennen: Wir hatten uns einmal auf dieselbe Stelle beworben. Mal abgesehen davon: Der Titel hat mich zudem neugierig gemacht, weil ich „Roadmovie-Bücher“ grundsätzlich mag. „Roadmovie Kapstadt“ – das vorab – ist kein typisches Jugendbuch, aber eines, das man älteren Jugendlichen durchaus zu lesen geben kann.

Inhalt:

Nach 10 Jahren kehrt Alexander für einen Urlaub nach Südafrika zurück – in das Land, in dem er das Jahr 1999 verbracht hat, um zu studieren. Die Reise in die Vergangenheit ist Anlass, von den Geschehnissen damals zu erzählen, von einem sehr intensiven Jahr in dem Land, das sich nach dem Ende der Apartheid mitten in einem großen Umbuch befand.

Zehn Jahre zuvor war Alexander recht naiv nach Südafrika gekommen und war irritiert, was er alles zu sehen bekam. Die Rassentrennung war offiziell aufgehoben, aber in den Köpfen hatte sich noch wenig verändert. Immer wieder wird er mit der Gewalt in dem Land konfrontiert, wird Zeuge von Verbrechen – und dennoch will er nicht in einem behüteten Studentenwohnheim der Weißen unterkommen.

Schließlich findet Alexander ein Zimmer bei Kay und lebt damit mitten in einem nicht ganz unproblematischen Viertel Kapstadts. Schon bald lernt er viele Leute kennen, darunter Mona, eine junge Frau, in die er sich verliebt. Doch das ist alles andere als einfach: Alexander fühlt sich zu Mona hingezogen, zugleich aber auch brüskiert, wenn sie abschätzig über die Farbigen im Land redet.

Besonders eindrücklich sind die Erfahrungen, als Alexander beschließt, in der Schule einer Township zu unterrichten. Die Schüler lassen ihn völlig auflaufen. Mit Kay redet er lange darüber, und sie rät ihm, dass er sich erst einmal klar machen wolle, was er den Schülern beibringen will …

Bewertung:

Ganz einfach hatte ich es mit „Roadmovie Kapstadt“ anfangs nicht, es hat fast 100 Seiten gedauert, bis ich so richtig in das Buch eintauchen konnte. Zu offensichtlich hatte Ulf Iskender Kaschl am Anfang, so fand ich, seine wohl sehr autobiografisch gefärbten Beobachtungen und Erlebnisse von Südafrika in einen Roman zu packen versucht. Teilweise kam ich mir fast wie in einem Reise- und Erfahrungsbericht vor. Nicht, dass das zu verachten wäre, aber es war nicht das, was ich von einem „Roadmovie“ in Buchform erwartet habe.

Doch je weiter ich gelesen habe, desto mehr hat mich das Buch zu fesseln begonnen. Die autobiografischen Erfahrungen machen Ulf Iskender Kaschls Buch irgendwann zu einem eindrücklichen Roman. Sehr viel erfährt man über die Seelenlage eines Landes, das 1999 nach dem Ende der Apartheid immer noch ein Pulverfass zu sein scheint. Südafrika – das wird beschrieben – hat das Leben von Alexander (und das gilt wohl auch für den Autor) stark verändert. Literarisch geschickt gemacht ist es, dass eine Reise 10 Jahre später zum Anlass genommen wird, die Erlebnisse von damals wieder aufleben zu lassen. Immer wieder kommen außerdem in Zwischenkapiteln Weggefährten von Alexander kurz zu Wort und beschreiben, was sie über bestimmte Dinge denken.

Viele Themen werden dabei aufgegriffen: die Gewalt, die in der Luft liegt und das Leben in Südafrika prägt, die Ungerechtigkeit in den gesellschaftlichen Verhältnissen, das Thema einer tragischen Liebe, die immer fragil bleibt. Letztendlich ist „Roadmovie Kapstadt“ so etwas wie ein Entwicklungsroman – bloß dass Alexander 10 Jahre später feststellt, dass er nicht nahtlos an die Erfahrungen von damals anknüpfen kann, obwohl er sich fast 10 Jahre danach gesehnt hat. Einen wehmütigen Ton bekommt das Buch hier fast – etwas zu kurz kommen die Buchstellen aus der Gegenwart für meinen Geschmack jedoch. Sie bleiben eher fragmentarisch.

Manchmal ist das Buch außerdem sperrig. Es legt Geschichten aus, die recht unvermittelt abbrechen (z. B. als Alexander und Mona in die Wüste Kalahari fahren, dann jedoch eine Autopanne haben) – dabei hätte man als Leser gerne gewusst, wie es weitergegangen ist. Und ein etwas gründlicheres Lektorat (das am Rande noch) hätte ich dem Buch auch gewünscht, denn manchmal holpert es sprachlich leicht.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Trotz der genannten Bedenken: „Roadmovie Kapstadt“ hat durchaus seine Faszination. Ich hatte das Buch jedenfalls in drei großen Schwüngen ausgelesen und am Ende nachdenklich aus der Hand gelegt. Die Ecken und Kanten des Romans haben mich anfangs gestört, am Ende habe ich sie aber oft als bereichernde Leerstellen empfinden können, die dem Buch eine eigene, zweifellos intensive Note geben.

Für jüngere Leser ist das Buch sicherlich nichts. Ab 16 Jahren könnte Jugendlichen Ulf Iskender Kaschls Roman aber durchaus gefallen, denn die Mischung aus persönlichen Erfahrungen und Interessantem über ein fremdes Land stimmt. Zum Mainstream gehört dieses Buch sicher nicht – und das ist auch gut so.

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(Ulf Cronenberg, 05.12.2010)

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