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Buchbesprechung: Peter Pohl „Anton, ich mag dich“

Cover Peter PohlLesealter 10+(Hanser-Verlag 2010, 138 Seiten)

Beim Namen von Peter Pohl werden bei mir alte Erinnerungen wach. „Jan, mein Freund“ (das übrigens 1990 den Deutschen Jugendliteraturpreis bekommen hat) war eines der ersten Jugendbücher, die ich als Erwachsener gelesen habe und das mich begeistert hat. Der traurige Ton des Buches, seine besondere Schreibweise hatten es mir angetan. Nach mehreren erfolgreichen Büchern war es lange ruhig um Peter Pohl. Im Jahr 2002 erschien auf Deutsch noch einmal ein neuer Roman des schwedischen Autors („Unter der blauen Sonne“) – die etwas seltsame science-fiction-ähnliche Geschichte hat mir jedoch nicht sonderlich gut gefallen. Mit „Anton, ich mag dich“ hat im Frühjahr 2010 ein neues Buch von Peter Pohl den Weg ins Deutsche gefunden – und das wollte ich mir nun endlich mal anschauen.

Inhalt:

Jojo geht mit Anton in eine Klasse, und eigentlich jeder in der Schule mag Anton, der andere lobt, immer freundlich zu ihnen ist und überhaupt einfach charmant sein kann. Umso erstaunter ist Jojo, dass Anton die Nähe zu ihm, eher einem Außenseiter, sucht. Anton ist es auch, der Jojo vorschlägt, dieser solle doch mit zum Fußballverein gehen, hält sich Jojo doch für alles andere als einen guten Fußballer. Dennoch kommt er mit und wird gar nicht so schlecht in der Mannschaft aufgenommen.

Auch außerhalb der Schule treffen sich Anton und Jojo immer öfter. Jojos Eltern lernen Anton kennen und schließen ihn genauso wie Jojos beide jüngeren Schwester gleich in ihr Herz. Als Jojos Vater Anton abends nach Hause bringen will, wiegelt dieser erst ab, lässt sich dann aber doch fahren. Allerdings will er nicht bis vor die Haustür gebracht werden. Überhaupt macht Anton seltsam widersprüchliche Aussagen über seine Eltern. Mal hat sein Vater mit Computer zu tun, dann wieder kümmert er sich um Versicherungen – und mit nach Hause nimmt Anton seinen neuen Freund nie.

Jojo ahnt, dass da irgendwas nicht stimmt, aber vor lauter Begeisterung über seine neue Freundschaft, sieht er über die Merkwürdigkeiten in Antons Verhalten und Erzählungen hinweg. Auch Jojos Eltern werden zunehmend misstrauisch, weil Anton anscheinend kommen und gehen kann, wann er will, und weil er nie seine Eltern darüber informiert, wenn er länger wegbleibt.

Bewertung:

Peter Pohls „Anton, ich mag dich“ (Übersetzung: Birgitta Kicherer) hat einen ganz eigenen Ton, der mich anfangs ziemlich irritiert hat. Der Ich-Erzähler Jojo schreibt so, als würde er Anton ansprechen. „Du bist der Stärkste in der Klasse. In unserer Klasse, der 4B. Du schaffst es, beliebig lang mit gekrümmtem Arm an der Reckstange zu hängen.“ So liest sich das z. B. auf der ersten Buchseite, auf der Jojo sich bemüht, Anton zu beschreiben. Mit diesem Schreibstil habe ich lange gehadert. Er ist einerseits kindgerecht, hat aber andererseits einen leicht homoerotischen Einschlag und kommt beim Leser verstörend ungefiltert an.

Je weiter man jedoch liest, desto klarer wird, dass dieser Schreibstil durchaus seine Funktion hat. Es geht ja genau darum, dass Jojo Anton ohne Wenn und Aber bewundert – und genau das wird dadurch ausgedrückt. Als Jojo dann im Verlauf der Geschichte nach und nach Ungereimtheiten bei Anton bemerkt, verändert sich der Tonfall des Buches auch ein wenig.

„Anton, ich mag dich“ – und das ist doch verwunderlich – ist nach fast 15 Jahren Veröffentlichungspause in Deutschland (wenn man von „Unter der blauen Sonne“ absieht) ein typisches Peter-Pohl-Buch, denn die Grundkonstellation im Buch ist der von „Jan, mein Freund“ sehr ähnlich. Es geht um eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen jemand einem gut situierten Kind und einem Jungen, der weniger behütet groß wird und das geheim zu halten versucht. Weitere Parallelen zwischen beiden Büchern lassen sich zuhauf finden – allerdings ist „Anton, ich mag dich“ im Gegensatz zum frühen Werk von Peter Pohl ein Kinderbuch, und die Geschichte findet ein zahmeres Ende als „Jan, mein Freund“.

Peter Pohls neuestes Kinderbuch erzählt einfühlsam und kindgerecht eine rührende Geschichte. Bewundernswert ist dabei vor allem, wie Jojos Eltern ihren Sohn, der vieles bei Anton nicht versteht und nachvollziehen kann, begleiten und ihm zur Seite stehen. Durch den Schreibstil, der mich anfangs irritiert hat, wird das Gefühl, dass man als Leser alles sehr hautnah miterlebt, verstärkt – von daher konnte ich mit diesem eigenwilligen Ton am Ende doch noch meinen Frieden schließen. Und am Ende wartet dann sowieso noch eine große Überraschung auf den Leser, die alles relativiert.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Ich war sehr gespannt auf Peter Pohls neues Buch, und uneingeschränkt begeistert habe ich das Buch am Ende nicht aus der Hand gelegt. Das lag jedoch hauptsächlich daran, dass ich beim Lesen zu viele Déjà-vu-Erlebnisse hatte und mir dachte: Aha, das kennst du doch irgendwie so ähnlich schon von „Jan, mein Freund“. Ein bisschen finde ich es eben doch irritierend, wenn ein Buch, das 20 Jahre später geschrieben wurde, so viele Gemeinsamkeiten mit einem früheren Buch hat.

Sieht man darüber hinweg und betrachtet „Anton, ich mag dich“ als Einzelwerk, so stellt man fest, dass Peter Pohl ein besonderes Kinderbuch gelungen ist. Der Ton ist anders als in vielen Kinderbüchern, geschickt und authentisch erzählt das Buch aus der Perspektive eines 10-Jährigen, der nicht ganz versteht, was in seinem Freund vorgeht. Gefallen hat mir auch, dass nicht alles, was im Buch passiert, erklärt wird. Wenn Anton z. B. mit Münzen so zaubert, so fragt man sich, wie das sein kann – darüber wird man als Leser jedoch im Unklaren gelassen. Diese geheimnisvollen Momente und Leerstellen sind etwas, was das Buch auszeichnet.

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(Ulf Cronenberg, 25.11.2010)

P. S.: Wer das Buch gelesen hat, weiß natürlich, dass in der obigen Buchbesprechung einiges nicht ganz korrekt wiedergegeben ist. Aber wenn man nicht alles verraten will, geht das kaum anders …

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Kommentare (0)

  1. Chris Lau

    „Er ist einerseits kindgerecht, hat aber andererseits einen leicht homoerotischen Einschlag und kommt beim Leser verstörend ungefiltert an.“

    Bitte, was wäre schlimm daran??! Kinder im Alter von 10 Jahren sollten in Büchern die Möglichkeit erhalten, verschiedene Lebensentwürfe kennenzulernen! Ich habe das Buch jetzt nicht gelesen und kenne den Schreibstil nicht, aber Ihr Kommentar dazu klingt mir doch sehr homophob … Sorry, wenn ich das so direkt schreibe, vielleicht habe ich Sie auch falsch verstanden. Sie schreiben über Kinderbücher, kann es sein, dass Sie trotz allem nur die „Brille des Erwachsenen“ dabei tragen?! Wie alt ist denn der „Leser“ bei dem das Ganze so „verstörend ungefiltert“ ankommt?
    Gruß
    Chris

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    1. Ulf Cronenberg

      Nichts ist schlimm daran – vielleicht habe ich mich nicht richtig ausgedrückt –, aber ich schreibe natürlich mit der Brille eines Erwachsenen (mit welcher auch sonst) und wollte einfach auch beschreiben, was mich an dem Buch irritiert hat.
      Gruß, Ulf

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  2. Brigitte Blum

    Ich bin auch seit „Jan, mein Freund“ Peter-Pohl-Fan! Es sind aber vor „Anton, ich mag dich“ sehr wohl einige weitere Bücher von ihm auf deutsch erschienen:
    „Nennen wir ihn Anna“, „Der Regenbogen hat nur acht Farben“, „Während der Regenbogen verblasst“, „Ich bin Malin“, „Aber ich vergesse dich nicht“ und „Ich werde immer bei euch sein.“
    Alle sehr lesenswert … 🙂

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    1. Ulf Cronenberg

      Ja, das hatte ich ja auch angedeutet, aber nach diesen Büchern war es in Deutschland eben lange sehr ruhig um Peter Pohl …

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