Jugendbuchtipps.de

Buchbesprechung: Annika Thor „Entscheide dich!“

Cover Annika ThorLesealter 14+(Beltz & Gelberg-Verlag 2010, 172 Seiten)

Es gibt Jugendromane, die lasse ich zunächst einmal liegen, weil mich das Buchcover nicht sonderlich zum Lesen animiert. Klar, das ist wirklich kein sinnvolles Entscheidungskriterium – und manchmal entgehen einem deswegen gute Bücher. Bei Annika Thors „Entscheide dich!“ ist genau das passiert: Das Cover ist meiner Meinung nach hausbacken – das Buch, wie ich jetzt sagen kann, ist es aber beileibe nicht. Übrigens ist das der zweite Titel von Beltz & Gelberg in diesem Jahr, bei dem es mir so gegangen ist: Auch bei Stephan Knösels „Echte Cowboys“ finde ich die Cover-Gestaltung schrecklich, während mir das Buch sehr gut gefallen hat.

Inhalt:

Abbe und Jesper sind gute Freunde, zugleich gehören sie – das gilt vor allem für Abbe – eher zu den Außenseitern in ihrer Klasse. Niemand will so richtig etwas mit ihnen zu tun haben. Bei Abbe liegt das insbesondere daran, dass er andere immer wieder mit seinen seltsamen Fragen nervt und das vor allem selbst gar nicht bemerkt.

Schon seit längerem interessiert sich Jesper für Annie, die auch nicht gerade zu den beliebten Schülerinnen in seiner Klasse gehört, die es jedoch im Gegensatz zu Abbe versteht, sich gegen die Anfeindungen ihrer Mitschüler zu wehren. Jesper versucht Annie näher zu kommen, doch angesichts seiner Schüchternheit fällt ihm das nicht gerade leicht. Als Annie mal wieder für ein paar Tage krank ist, sieht er seine Chance, indem er sich trotz des Gelächters seiner Mitschüler bereit erklärt, Annie die Schulunterlagen zu bringen.

Als er mit Annie telefoniert, um mit ihr ein Treffen auszumachen, und vorschlägt, dass er ja zu ihr kommen können, reagiert sie jedoch ziemlich unwirsch. Es scheint Jesper so, als wolle sie nicht, dass er zu ihr nach Hause kommt. Doch warum? Sie treffen sich schließlich an der Bushaltestelle. Annie gibt dort Jesper jedoch zu verstehen, dass sie ihn eigentlich sehr gerne mag, und kurze Zeit darauf sind die beiden schließlich ein Paar.

Jesper möchte seine Zeit fast nur noch mit Annie verbringen – die Freundschaft zu Abbe leidet jedoch darunter. Abbe orientiert sich deswegen neu und versucht sich Patriks Clique anzuschließen. Dass Abbe nun öfters mit Patrik und seinen Freunden abhängt, versteht Jesper jedoch nicht so ganz. Und er bemerkt auch nicht, weil er so auf Annie und sich konzentriert ist, dass Abbe da in etwas Problematisches hineingerät.

Bewertung:

„Entscheide dich!“ (Übersetzung: Angelika Kutsch) ist – das wurde ja schon im Vorspann zu dieser Buchbesprechung erwähnt – ein Buch, das mich überrascht hat, und es knüpft in Teilbereichen an der typisch skandinavischen Jugendliteratur an, die es versteht, intensive Bücher zu schreiben. Dabei beginnt Annika Thors Buch eher unaufgeregt, und auf der Handlungsebene geschieht vor allem im ersten Drittel nicht allzu viel. Doch das macht ja oft gute Bücher aus: dass sie von der Schreibweise, von der Intensität der Figurenbeschreibung, von der Nachvollziehbarkeit der Stimmungen und Gefühlen leben. Genau das sind auch die Stärken von Annika Thors Buch.

Der Jugendroman hat letztendlich zwei wesentliche Themen, die ineinander greifen: zum einen die zarte und rührende Liebesgeschichte zwischen Jesper und Annie, zum anderen die Darstellung eines Außenseiters, der, weil sein Freund sich zurückzieht, etwas aus der Bahn gerät.

Es sind vor allem die Figuren, die „Entscheide dich!“ zu einem gelungenen Buch machen. Jesper ist eher schüchtern, traut sich vieles nicht zu, während Annie recht selbstbewusst und nie auf die Zuwendung der anderen schielend auftritt, aber ihre Geheimnisse hat. Interessant ist darüber hinaus aber vor allem auch Abbe, der mit seiner schrulligen Art nicht sonderlich von allen anderen gemocht wird – eher im Gegenteil.

Abbes seltsame Entscheidungsfragen, die er allen stellt und mit denen er seinen Mitschülern auf den Wecker geht, sind letztendlich philosophische Fragen, die von diesen zwar abgewehrt werden, die für den Leser jedoch durchaus interessant sind: „Wenn du dich entscheiden müsstest, ob du 10 Jahre ins Gefängnis gehen musst oder Annie nie mehr wieder sehen könntest – was würdest du wählen?“ Das ist eine typische Abbe-Frage, wie Jesper sie gestellt bekommt. Als Leser wird man nebenbei fast gezwungen, sich mit diesen Sinnfragen auseinanderzusetzen – und genau davon war ich nach anfänglichen Irritationen recht angetan.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Annika Thor hat mit „Entscheide dich!“ alles richtig gemacht. Das Beste an dem Buch ist, dass es existenzielle Themen anspricht und Sinn-Fragen aufwirft, an denen man sich beim Lesen in einem positiven Sinne abarbeiten kann. Abbe ist mit seinen etwas nervigen Entscheidungsfragen fast so etwas wie ein junger Sokrates, der unbequeme Fragen stellt und nicht locker lässt, bis man sie beantwortet hat. Doch beliebt macht er sich damit bei seinen Mitschülern nicht – nein, am Ende spitzt sich alles in Bezug auf seine Außenseiterposition sogar ziemlich zu.

„Entscheide dich!“ ist ein facettenreiches Buch, das viele Themen anspricht, das es vor allem versteht, in das Innere der Figuren zu blicken, und am Ende eine große Dramatik entfaltet. Von der Erzählstruktur her geht das Buch manchmal eigene Wege, was jedoch den Eindruck hinterlässt, dass man es nicht mit einem Mainstream-Buch zu tun hat. Womit ich am meisten gehadert habe, war an der ein oder anderen Stelle die Übersetzung. (Da liest man z. B. die Frage „Und welche sie?“ – das lässt sich dann doch verständlicher und passender mit ein paar Worten mehr ausdrücken: z. B. mit „Und wer war mit sie gemeint?“) Aber daran, dass Annika Thor ein wirklich tolles Buch gelungen ist, ändert das natürlich nichts.

blau.giflila.gifrot.gifgelb.gifgruen.gif

(Ulf Cronenberg, 13.11.2010)

[flattr uid=’28988′ btn=’compact‘ lng=’DE‘ /]

Kommentare (0)

  1. Maren

    Ich finde den Inhalt sehr gut, ich wollte nur auf einen Fehler hinweisen … 😉
    Der Freund von Jesper heißt Abbe, manchmal steht aber Ebbe da. Gut, wenn ihr den Fehler ausbessern könntet.
    Liebe Grüße, Maren 🙂

    Antworten
    1. Ulf Cronenberg

      Danke für den Tipp. Ich habe es ausgebessert!

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.