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Buchbesprechung: Judy Blundell „Die Lügen, die wir erzählten“

Cover Judy BlundellLesealter 15+(Ravensburger-Verlag 2010, 284 Seiten)

Judy Blundell ist eine Autorin, die ich bisher noch nicht kannte. Die Amerikanerin – so heißt es in den Informationen bei Ravensburger – hat schon einige Bestseller-Romane in der New York Times veröffentlicht, jedoch unter einem Pseudonym. In „Die Lügen, die wir erzählten“ geht es zurück in das Amerika zur Zeit kurz nach dem 2. Weltkrieg – eine Zeit, über die man in Jugendbüchern eher selten etwas findet.

Inhalt:

Evies Stiefvater Joe ist nach mehreren Jahren, in denen er im 2. Weltkrieg in Europa kämpfte, wieder nach Hause gekommen und hat in New York drei Haushaltswarengeschäfte eröffnet – angeblich von Krediten, die ihm die Army bereitgestellt hat. Nach einem seltsamen Anruf, den er bekommen hat, über den er sich jedoch ausschweigt, macht er der Familie den Vorschlag, dass sie doch endlich einmal zu dritt verreisen könnten. Und so setzen sie sich ins Auto und fahren den weiten Weg nach Florida, um schließlich nach Palm Beach zu kommen.

Da es im Sommer in Florida sehr heiß ist, hält sich deswegen dort fast niemand auf. Es ist gar nicht so einfach, ein geöffnetes Hotel zu finden, und dort sind auch nur wenige Gäste, die Evies Familie bald kennen lernt. Ein junger Mann namens Peter, der Evies Stiefvater vom Krieg kennt, taucht ebenfalls auf. Evie mit ihren 16 Jahren ist von dem sieben Jahre älteren Peter fasziniert und verliebt sich in ihn, was ihren Eltern jedoch gar nicht passt. Joe dagegen scheint von Peter nicht allzu viel zu halten und tritt ihm gegenüber extrem mürrisch auf. Evie merkt, dass irgendetwas zwischen Peter und Joe vorgeht, sie versteht jedoch nicht, was genau das ist. Niemand will mit ihr darüber reden.

Nach und nach spitzt sich vieles zu. Nach langem Zögern geht Peter auch auf Evie, die so viel jünger ist, zu und vertraut ihr ein Geheimnis über ihren Stiefvater Joe an, das erklärt, warum Peter und Joe nicht miteinander auskommen. Joe hat sich mit Peter im 2. Weltkrieg angeblich an Goldschätzen umgekommener Juden bereichert, will nun aber den Peter zustehenden Teil nicht abgeben. Das ist auch der Grund, warum Peter vor Ort ist …

Bewertung:

„Die Lügen, die wir erzählten“ (Übersetzung: Mirjam Pressler) ist ein Buch über Familiendynamik und subtile Gewalt in einer Familie. Auch als Leser tappt man lange im Dunkeln und ahnt wie die Hauptfigur Evie nur, dass in deren Familie etwas nicht stimmt. Was genau los ist, erfährt man in dem Buch erst relativ spät. Sehr gut gelingt es Judy Blundell, diese unterschwellige Gewalt, diese nicht ausgesprochenen Geheimnisse unter der Oberfläche anzudeuten. Als Leser wird man somit in die gleiche Lage wie Evie versetzt und erlebt alles hautnah mit.

Judy Blundells Buch ist außerdem ein Roman, der eine vergangene Zeit heraufbeschwört. Es ist eine Zeit, in der nach dem zweiten Weltkrieg langsam auch in den USA wieder so etwas wie ein wirtschaftlicher Aufschwung beginnt, in der es noch die Rassentrennung gibt und Juden mit Vorbehalten begegnet wird. Man merkt, dass Judy Blundell viel recherchiert hat und die zweite Hälfte der 40er Jahre stimmig aufleben lässt. Die Frauen rauchen, kaufen sich schicke Kleider, machen sich mit Lippenstift schön, während die Männer Geschäfte regeln und für ihre Familien sorgen wollen.

„Die Lügen, die wir erzählten“ lebt unter anderem davon, dass die Figuren psychologisch stimmig beschrieben werden. Man lernt Evies Träume und Sehnsüchte kennen, und man spürt ihre Verstörung, weil sie nicht begreift, was genau in ihrer Familie vorgeht. Als Leser bekommt man viele gelungene Psychogramme vorgesetzt: von Evies hübscher Mutter bis hin zu den anderen Gästen des Hotels.

Auf den letzten knapp 100 Seiten spitzt sich die Geschichte dann noch einmal deutlich zu und wird zu fast so etwas wie einem Krimi. Ich will nicht allzu viel vorwegnehmen, aber eine der Figuren kommt ums Leben, und einiges spricht dafür, dass es sich dabei um einen Mord handelt. Spätestens ab diesem Moment kann man das Buch nicht mehr aus den Händen legen, bis man weiß, wie die Geschichte ausgeht.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Judy Blundell schafft es in „Die Lügen, die wir erzählten“, das stimmige und psychologisch raffinierte Sittenbild einer vergangenen Zeit zu entwerfen. Vor allem die subtile Gewalt in Evies Familie, die man als Leser gekonnt vermittelt bekommt, hat mich an diesem Buch fasziniert. Erinnert hat mich das übrigens an ein Buch, das in einigem ähnlich ist: an Linzi Glass‘ „Im Jahr des Honigkuckucks“, in dem es ebenfalls um die unterschwellige Gewalt in einer Familie geht.

Ein ganz typisches Jugendbuch ist Judy Blundells Roman nicht, denn dafür enthält das Buch zu viel Zwischenmenschliches und Psychologisches. Das Buch ist eher ein Grenzgänger und verlangt etwas reifere Leser, weswegen ich das Buch Jugendlichen erst ab 15 Jahren, aber auch Erwachsenen empfehlen würde.

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(Ulf Cronenberg, 28.10.2010)

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