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Kurzrezension: Elisabeth Combres „Die stummen Schreie“

Cover Elisabeth CombresLesealter 12+(Boje-Verlag 2010, 121 Seiten)

Ruanda war bis 1916 deutsche, danach bis 1962 belgische Kolonie, bevor es unabhängig wurde. Wie in vielen ehemaligen Kolonialländern gab es auch in Ruanda nach der Unabhängigkeit schlimme Bürgerkriege, in denen sich verschiedene Volksgruppen bekämpft haben. Das Buch „Die stummen Schreie“ der französischen Autorin Elisabeth Combres spielt in den Jahren nach 1994, als in Ruanda die Volksgruppe der Hutus einen üblen Völkermord an den Tutsis verübten. Eine schreckliche Zeit war das – Schätzungen zufolge wurden bis zu einer Million Menschen getötet.

Das Buch beginnt damit, dass Emma, ein junges Tutsi-Mädchen, miterlebt, wie ihre Mutter von Bewaffneten ermordet wird. Das Mädchen konnte sich im Haus verstecken, musste aber alles mithören. Als die Schergen kamen, hatte ihre Mutter ihr gerade noch einschärften können, dass Emma sich sicher verstecken und überleben müsse. Nachdem die Bewaffneten das Haus verlassen haben, flüchtet Emma und wird von einer Hutu-Frau aufgenommen, obwohl diese zu befürchten hat, dass ihr auch etwas passiert, wenn das jemand mitbekommt.

Emma träumt auch Jahre nach dem Mord an ihrer Mutter nachts von dem schrecklichen Vorfall und bleibt zurückgezogen – erst nach und nach taut sie ein wenig auf. Sie kann sich auch gar nicht mehr an das Gesicht ihrer Mutter erinnern – doch die Wunden des schlimmen Geschehens lassen sie nicht los.

Schon längere Zeit beobachtet Emma einen Jungen namens Ndoli, der Beulen und Narben auf dem Kopf hat und wohl auch ein Opfer des Völkermords geworden ist. Zögerlich lernen die beiden sich etwas kennen … Doch beide bleiben lange auf der Hut voreinander.

„Die stummen Schreie“ (Übersetzung: Bernadette Ott) ist ein Buch, das thematisiert, wie ein Mädchen langsam lernt, mit dem schrecklichen Tod ihrer Mutter umzugehen, und ihn verarbeitet. Emma hat letztendlich Glück, dass sie in einer alten Hutu-Frau jemand findet, der sie aufnimmt und sich einfühlsam um sie kümmert. Später macht Emma dann die Erfahrung, dass ihr auch noch andere helfen. Da ist Ndoli, der ihr in einem wichtigen Moment zur Seite steht, und später lernt sie einen älteren Mann kennen, der traumatisierte Kinder und Jugendliche darin unterstützt, die schlimmen Erlebnisse zu verarbeiten.

Elisabeth Combres‘ Buch ist ein schmales Bändchen, noch dazu in großer Schrift – aber gerade durch die Kürze und Prägnanz des Romans wirkt das Buch besonders eindrücklich. Das Buch bleibt, nehme ich an, bewusst fragmentarisch – und das ist im Großen und Ganzen auch gut so. Über Schreckliches erzählt man oft lieber mit wenigen Worten und lässt Leerstellen für den Leser – das hat Elisabeth Combres richtig erkannt. Nur über Ndoli hätte man als Leser dann vielleicht doch gerne noch etwas mehr erfahren.

Fazit:

4 von 5 Punkten. „Die stummen Schreie“ ist ein einfühlsames Buch, das daran erinnert, welch schreckliche Dinge in Ruanda passiert sind. Das Buch macht auf ein Einzelschicksal aufmerksam und erreicht damit wahrscheinlich mehr, als das Nachrichten oder sachliche Artikel vermögen.

Es ist gut, dass es solche Bücher gibt, die die Erinnerungen an den grausamen Völkermord wachhalten – denn wer weiß heute schon noch, was 1994 in Ruanda passiert ist? Elisabeth Combres‘ Buch ist ein stilles Buch, das sicher nur eine eingeschränkte Zielgruppe hat. Wer sich für die Schicksale von Mädchen in anderen Ländern und Kontinenten interessiert, der sollte dieses Buch lesen. In dem Nachwort, das ruhig noch etwas länger ausfallen und durch eine Karte ergänzt hätte werden können, erfährt man auch ein wenig über die Hintergründe des Völkermordes.

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(Ulf Cronenberg, 13.09.2010)

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