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Buchbesprechung: Ellen Hopkins „Crank“

Cover Ellen HopkinsLesealter 15+(Carlsen-Verlag 2010, 544 Seiten)

„Crank“ wird im Englischen ein Irrer oder Spinner genannt – zumindest sagt das mein Wörterbuch. Doch damit ist das Hauptthema des Buches eigentlich nicht benannt, denn es geht um ein Mädchen, das den Drogen verfällt. Das Wort „Crank“ steht in Ellen Hopkins Jugendbuch für diese Drogen.

Darüber hinaus – das schon mal vorab – ist das Buch der Amerikanerin etwas ganz Besonderes, denn es ist in freien Versen geschrieben. Das erklärt auch die Dicke des kleinformatigen Taschenbuchs mit über 500 Seiten.

Inhalt:

Kristinas Vater lebt nicht wie der Rest der Familie in Reno, sondern in Albuquerque. Jahrelang hat er sich nicht um seine Tochter gekümmert, doch Kristina möchte ihn nun mit ihren 16 Jahren endlich einmal besser kennen lernen. Für drei Wochen reist das Mädchen zu ihm, doch die Träume vom tollen Vater sind von der ersten Minute an zerstoben. Ihr Vater ist ein heruntergekommener Mann, der keinen gescheiten Job hat, alles schleifen lässt und Drogen nimmt.

Doch dann freundet sich Kristina mit Adam, einem Nachbarsjungen ihres Vaters, an. Adam ist es auch, der Kristina das erste Mal Drogen ausprobieren lässt. Sie schnupfen beide Kokain. Für Kristina ist es eine erhebende Erfahrung, die sie alle Kümmernisse vergessen lässt. Außerdem fühlen sich Adam und sie im Drogenrausch zueinander hingezogen. Adam ist der erste Junge, mit dem Kristina eine Beziehung beginnt, die allerdings wegen ihrer baldigen Abreise nicht lange dauern kann.

Immer wieder nimmt Kristina Drogen – sie nennt sie „Crank“ –, auch um letztendlich den Albtraum, den sie mit ihrem Vater erlebt, zu vergessen. Doch auch zurück bei ihrer Familie schafft sie es nicht, ohne Drogen auszukommen. Immer heftiger wird ihr Verlangen danach, und schon bald beginnt sich auch ihre Persönlichkeit zu verändern. Sie hat große Stimmungsschwankungen, merkt, dass sie unter Drogen eine andere ist, und nennt sich dann Bree. Immer weiter rutscht sie in die Drogensucht hinein und fühlt sich machtlos, etwas dagegen zu tun, obwohl Kristina im Hintergrund weiß, dass das der falsche Weg ist …

Bewertung:

„Crank“ ist ein verstörendes Buch, denn so genau hat man aus der Innenansicht eines Mädchens wohl selten die Auswirkungen einer Drogensucht beschrieben bekommen. Was harmlos als Flucht aus der Wirklichkeit beginnt, endet bald darin, dass Kristina allem kaum noch gewachsen ist. Das Monster „Crank“ greift nach ihr, lässt das Mädchen nicht los und verändert es – das alles wird genau aus der Sicht von Kristina beschrieben.

Zugemutet wird dem Leser auch sonst einiges in dem Buch, denn die Drogensucht zeitigt Folgen: Die oben bereits erwähnte Beziehung zu Adam entpuppt sich am Ende als äußerst tragisch, und auch zu Hause geht nach Kristinas Rückkehr alles drunter und drüber. Kristina, die sich unter Drogen mit ihrem Alter Ego Bree selbstbewusst fühlt, lernt andere kennen, die ihre Drogensucht ausnutzen und ihr übel mitspielen. In „Crank“ wird kein Blatt vor den Mund genommen: Der Abstieg Kristinas wird in allen Facetten offen und ehrlich beschrieben. Das ist schockierend, aber auch nötig.

Dass Ellen Hopkins Buch so eindrücklich und beklemmend ist, liegt vor allem auch an der Schreibweise. In freien Versen spielt die Autorin gekonnt mit Wörtern und Satzstrukturen, verwendet Bilder, um Stimmungen und Gefühle zu beschreiben. Man merkt, wie bewusst die Autorin mit Sprache umgeht – da sitzt jedes Wort, jeder Satz. Die Struktur des Buches sieht dabei so aus, dass auf eine Überschrift ein manchmal nur halbseitiger Kurztext in Versen folgt, manchmal gehen die Texte auch über drei Seiten. Wer einen Eindruck davon bekommen will, der sollte sich die Leseprobe bei Carlsen (Link) anschauen. (Die letzten Seiten der 20-seitigen Leseprobe sind übrigens im englischen Original wiedergegeben.)

Einfach war es sicher nicht, dieses Buch (das in Amerika bereits 2004 erschienen ist) ins Deutsche zu übersetzen. Henning Ahrens ist es jedoch gelungen, „Crank“ auch im Deutschen gut lesbar und wortgewaltig erscheinen zu lassen.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Crank“ ist ein herausragendes Buch – und zwar auf mehreren Ebenen. Zum einen wird die Drogensucht eines Mädchens vom Entstehen bis zum Abstieg (am Ende des Romans steht immerhin ein kleiner Hoffnungsschimmer) sehr genau beschrieben. Es ist bewundernswert, wie genau Ellen Hopkins Kristinas „Drogenkarriere“ bis ins Detail nachgezeichnet hat. Zum anderen ist die sprachliche Form des Jugendbuchs etwas Außergewöhnliches. Es gab schon Jugendbücher in Versform (z. B. die Bücher von Margaret Wild – übrigens auch sehr empfehlenswert), aber Ellen Hopkins hat die Versform besonders gekonnt zu nutzen gewusst.

„Crank“ lässt einen als Leser nicht los, zugleich ist das Buch jedoch in seiner Offenheit auch verstörend. Doch anders kann ein ehrliches Buch über ein Mädchen, das drogensüchtig wird, auch nicht geschrieben sein. Jugendbücher über das Thema Drogen gibt es immer wieder – aber eines, das so ehrlich und schockierend, zugleich sprachlich so gewandt ist, kenne ich nicht.

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(Ulf Cronenberg, 07.09.2010)

Nachtrag: Übrigens habe ich gerade durch Zufall in dem Artikel über Ellen Hopkins in der englischsprachigen Wikipedia entdeckt, dass es zu „Crank“ einen zweiten und dritten Band gibt.

Lektüretipp für Lehrer!

Gewagt ist es schon, wenn man dieses Buch im Unterricht liest, denn Ellen Hopkins Buch kennt keine Tabus. Aber wer in der Schule die Folgen einer Drogensucht in allen Facetten besprechen will, der findet in „Crank“ aus den oben bereits genannten Gründen das richtige Buch. Wem das Buch dann doch zu heftig ist, um es in einer Klasse als Ganzschrift zu besprechen, dem sei der Tipp gegeben, dass man aus dem Buch auch Auszüge verwenden kann.

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Kommentare (0)

  1. Gina

    Sehr interessante Leseprobe, das will ich haben! Ach wär das schön, wenn so ein Buch im Deutschunerricht mal den ewigen Knaben im Moor und den guten alten John Maynard ersetzen könnte. Wenigstens hin und wieder.

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  2. Elke

    Hört sich gut an – schon bestellt – bin gespannt.
    Danke für den Tipp.

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  3. Alice Gabathuler

    Was für ein Buch! Mein Tipp: Nicht zu schnell lesen. Immer wieder Pause machen. Einwirken lassen.
    Ich finde ebenfalls, dass sich dieses Buch wunderbar für den Unterricht eignet – man kann sehr gut einzelne Seiten herausnehmen. Ich kann mir vorstellen, dass sich daraus wirklich gute Gespräche / Projekte entwickeln.

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  5. Birgit V.

    Ich fand das Buch eher nicht so gut … Ich steh nicht so auf kurze, abgehackte Sätze … 🙂
    Die Geschichte ist jedoch gut, und ich denke vor allem für Jungs, die nicht so gerne lesen, ist das Buch ideal.

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  6. Yasmin

    Ich finde das Buch schlecht; da wird ein Mädchen brutal vergewaltigt, nach 100 Seiten hat sie wieder Sex und findet diesen schön? Das ist ein Schlag ins Gesicht all der Frauen, denen sowas widerfahren ist … Sag es ja keinem, es hört dich sowieso niemand … Und Strafe bekommt der Typ auch keine. Gut, das Buch soll Kids zeigen, wie brutal Drogenkonsum und deren Folgen sind … Wird dieses Buch in der Schule gelesen und aufgearbeitet, dabei auch verdeutlicht, was es heißt, vergewaltigt zu werden, dass Frauen ihr Leben lang mitunter leiden? So sagt es nur eins: Sucht den Nächsten und fast alles wird wieder gut. Noch mehr könnte ich als Mutter, deren Kind (ich natürlich auch) dieses Buch las, einwenden, würde aber hier den Rahmen sprengen.

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  8. Thekittenhasclaws

    Schöne Rezi, allerdings ist Crank als Bezeichnung für methamphetamine bekannt http://de.urbandictionary.com/define.php?term=crank

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    1. Ulf Cronenberg

      Inzwischen weiß ich das auch – aber als ich die Rezension geschrieben und im Internet recherchiert habe, bin ich nicht fündig geworden.

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  9. Lexyy.ly

    Ich lese das Buch selber gerade und finde es sehr spannend. Mit den einzelnen Versen sticht hervor, wie hart das Leben von Kristina ist.

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