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Kurzrezension: Philipp Meyer „Rost“

Cover Philipp MeyerLesealter 16+(Klett-Cotta-Verlag 2010, 464 Seiten)

Zugegeben, ein Jugendbuch ist Philipp Meyers Roman „Rost“ sicher nicht – der Meinung bin ich jedenfalls, nachdem ich das Buch gelesen habe. Aber da die Übersetzerin Birgitt Kollmann, mit der ich vor einer guten Woche ein Interview (siehe hier) geführt habe, von dem Buch so geschwärmt hat, wollte ich es mir zumindest mal anschauen. Ich habe etwas gezögert, über das Buch hier etwas zu schreiben – aber warum sollte es nicht einmal einen kleinen Ausflug in die Welt erwachsener Romane geben … – nein, ich meine natürlich in die Welt der Romane für Erwachsene.

Isaac lebt in einem kleinen Kaff in Pennsylvania, das nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Stahlindustrie völlig verarmt ist und wo die Menschen dementsprechend desillusioniert sind. Schon länger plant Isaac die Kleinstadt zu verlassen – er will nach Kalifornien. Doch das „Abhauen“, bei dem auch Isaacs Freund Poe mit von der Partie ist, misslingt gleich zu Beginn.

Um sich vor einem Unwetter zu schützen, flüchten sich Isaac und Poe am ersten Tag in eine alte Fabrikhalle. Dort werden sie jedoch von drei Pennern gestört, und Isaac sieht gleich Probleme heraufziehen. Er verlässt die Halle unter einem Vorwand, doch Poe folgt ihm nicht. Da Isaac nach einiger Zeit befürchtet, dass Poe etwas passieren könnte, kehrt er in die Fabrikhalle zurück und sieht, wie einer der Penner Poe ein Messer an den Hals hält. Isaac weiß sich nicht anders zu helfen, als zu einer herumliegenden Stahlkugel zu greifen und damit auf einen der drei Penner zu werfen. Isaac trifft ihn am Kopf und tötet ihn damit unabsichtlich. Poe und Isaac fliehen – weil Isaac den der drei Penner getötet hat, der unbeteiligt in der Halle stand, trauen sie sich auch nicht, sich der Polizei zu stellen und auf Notwehr zu plädieren.

Am nächsten Tag kommen die beiden zurück, weil Isaac seinen Rucksack bei der Halle liegen hat lassen. Doch das entpuppt sich als großer Fehler, denn die Polizei hat den Toten gefunden und überwacht die Fabrikhalle. Am Ende wird Poe, der der Polizei schon öfters aufgefallen ist, festgenommen, während Isaac, der seinem Vater 4000 Dollar gestohlen hat, flüchten kann.

„Rost“ (Übersetzung: Frank Heibert) ist ein sehr vielschichtiges Buch. Klingt die kurze Zusammenfassung des Inhalts fast nach einem Kriminalroman, so macht diese Ebene nur einen Teil des Buches aus. Nein, es geht um viel mehr: um Lebensträume und Lebensentwürfe – von älteren, aber auch von jüngeren Erwachsenen wie Poe und Isaac –, um Jobs, um Liebe und Freundschaft und einiges mehr. Erbaulich ist Philipp Meyers Roman nicht gerade, denn fast alle vorkommenden Personen haben ihre Lebensträume verfehlt, haben schwere Schicksalsschläge erlitten oder sehen im Laufe des Buches das Leben an sich vorbeiziehen …

Das klingt nicht unbedingt nach einem leichten und unbeschwerten Roman – und das ist „Rost“ auch nicht. Poe landet im Gefängnis, wo ihm übel mitgespielt wird, während Isaac auf der Flucht ist und nicht weiß, was er machen soll. Das Interessante an Philipp Meyers Buch ist meiner Meinung nach, wie hier in die Figuren hineingeschaut wird – und zwar in ganz unterschiedliche Personen, denn in den einzelnen Kapiteln folgt man als Leser immer wieder unterschiedlichen Figuren. Psychologisch tiefgründig und immer auch plausibel werden die Personen beschrieben, im Buch gehen sie ihr bisheriges Leben durch und fragen sich immer wieder, warum sie an der Stelle im Leben gelandet sind, wo sie sich gerade befinden.

Dass „Rost“ auf den letzten 100 Seiten über das psychologische und soziologische Moment auch noch große Spannung entfaltet, weil man wissen will, wie Isaac und Poe ihre große Lebenskrise überstehen, gehört zu den Stärken dieses Buches. Hier wird das Buch zu fast so etwas wie einem Krimi. Etwas ratlos hat mich dann allerdings der für meinen Geschmack deutlich zu abrupte Schluss des Romans zurückgelassen.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Ein Jugendbuch ist Philipp Meyers „Rost“ ganz bestimmt nicht – denn auch wenn Poe und Isaac junge Erwachsene sind: Sie entwachsen gerade ihrer Jugendzeit, und die anderen Figuren des Romans sind alle deutlich älter. „Rost“ kann man deswegen, würde ich sagen, nur Jugendlichen ab 16 Jahren empfehlen, die viel Leseerfahrung haben und eine Herausforderung suchen. Belohnt wird man als Leser mit einem Kaleidoskop von psychologisch raffiniert dargestellten Figuren, die aufgrund des Niedergang einer Region auch ihre Lebensträume und -hoffnungen verloren haben.

Wen solche Dinge interessieren, der kann es mit „Rost“ versuchen, alle anderen Jugendlichen sollten von dem amerikanischen Roman, der von anderen Rezensenten mit viel Lob überschüttet wurde, eher die Finger lassen.

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(Ulf Cronenberg, 06.09.2010)

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