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Buchbesprechung: Meg Rosoff „Davon, frei zu sein“

Cover Meg RosoffLesealter 14+(Fischer-Verlag 2010, 240 Seiten)

Ein Buch von Meg Rosoff – und es hat noch keinen Luchs, den Kinder- und Jugendbuchpreis von ZEIT und Radio Bremen, verliehen bekommen? Mal sehen, ob Meg Rosoffs vierter Roman es demnächst nicht doch noch schafft, ausgezeichnet zu werden … Der amerikanischen Schriftstellerin, die inzwischen in London lebt, ist das zumindest schon zweimal geglückt, und für ihre Bücher hat sie zudem viele andere Preise eingeheimst.

Mit „Davon, frei zu sein“ wird die Autorin im Deutschen übrigens das erste Mal nicht mehr bei Carlsen, sondern bei Fischer verlegt …

Inhalt:

Pell lebt als Tochter in einer Großfamilie auf dem Land. Ihr Vater ist freier Prediger, trinkt jedoch oft zu viel und ist dann mitunter jähzornig. Für den Rest der Familie ist das Leben beschwerlich – man kommt gerade so über die Runden. Pell ist schon lange Birdie, einem besser gestellten jungen Mann, versprochen und die Hochzeit steht bevor.

Doch am Morgen der Hochzeit stiehlt Pell sich davon, weil sie sich nicht vorstellen kann, wie ihre glücklose Mutter zu enden. Als sie, bevor andere erwacht sind, ihr Pferd sattelt, steht plötzlich Bean, ihr junger Bruder, da und setzt sich mit auf das Pferd. Und so nimmt sie den Jungen, der wenig spricht und geistig etwas zurückgeblieben scheint, mit.

Zunächst wollen die beiden nach Salisbury, der nächstgelegenen größeren Stadt. Pell braucht dringend eine Arbeit – doch als allein herumziehende Frau hier etwas zu finden, ist schwer. Weil sie sich sehr gut mit Pferden auskennt und beruhigend auf sie einwirken kann, hilft Pell bald einem fremden Mann, der auf dem Markt Pferde sucht. Zum verabredeten Zeitpunkt, als Pell ihr Geld für die Hilfe bekommen soll, taucht der Mann jedoch nicht auf. Pell wartet länger auf ihn und geht den Mann dann suchen – jedoch vergebens.

Das ist der Beginn einer schwierigen Zeit, denn während Pell den Mann zu finden versucht, verschwinden sowohl ihr Pferd als auch Bean. Pell vermutet, dass der Mann dahinter steckt, und versucht, ihm zu folgen. Am Ende schließt sie sich einer Zigeunerfamilie an, die Pell auf dem Weg nach Salisbury kennen gelernt hat, an. Als sich ihre Wege wieder trennen, muss Pell die Erfahrung machen, wie schwierig das Leben frei und alleine als Frau ist, zumal sie weiterhin erfolglos Bean sucht.

Bewertung:

Das Buch spielt – so genau wird das nicht benannt – in England zur Zeit der beginnenden Industrialisierung. Die Menschen auf dem Land sind, wenn man von den Gutsbesitzern absieht, arm und haben es schwer im Leben. „Davon, frei zu sein“ (Übersetzung: Brigitte Jakobeit) erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die sich gegen die vorgeebneten Wege stellt, weil sie frei sein will. Das ist in der damaligen Zeit sicher etwas extrem Ungewöhnliches gewesen – der historische Hintergrund dient aber wohl auch eher dazu, die Geschichte einer Frau, die sich den Konventionen nicht beugen will, zu erzählen, als einen geflissentlichen Geschichtsroman abzuliefern.

Pell ist jedenfalls eine etwas seltsame Figur. Die junge Frau weiß, was sie nicht will, jedoch nicht, was sie will. Sie wirkt innerlich zerrissen und ist damit eine faszinierende Frau, in der man sich spiegeln kann. Allerdings ist sie auch ein Opfer der Umstände, denn als Frau, die mit einem Jungen alleine unterwegs ist, hat sie nicht wirklich eine Chance, gut über die Runden zu kommen. Da hilft es auch nicht, dass Pell sich mit Pferden besser als die meisten Männer auskennt und eine Pferdeflüsterin ist, die beruhigend auf die Tiere wirkt.

Wie schon Meg Rosoffs andere Bücher ist auch „Davon, frei zu sein“ auf mehrfache Art etwas sperrig. Die Sprache ist eigenwillig, aber interessant, und letztendlich gilt das auch für die Erzählweise. Etwas sprunghaft wechselt die Autorin die Erzählperspektive, folgt in den meisten Kapiteln Pell, dann jedoch plötzlich auch mal wieder Bean oder jemand anderem. Zusammengehalten wird die Geschichte trotzdem – wahrscheinlich durch den eindrücklichen Ton, in dem alles erzählt wird.

Eigentlich ist mir nicht so ganz klar, warum Meg Rosoffs Buch ein Jugendbuch sein soll … Ich schätze (das war bei den früheren Büchern der Autorin nicht anders), dass von „Davon, frei zu sein“ gerade auch erwachsene Leser angetan sind. Das soll nicht heißen, dass nicht auch Jugendliche (vor allem Mädchen?) dieses Buch interessant finden werden – aber ein genuin an Jugendlichen ausgerichtetes Buch ist Meg Rosoffs neuer Roman, wie ich finde, eher nicht.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Mit Meg Rosoffs Büchern habe ich mich bisher, auch wenn andere davon immer so begeistert waren, eher schwer getan. Von daher bin ich etwas vorbelastet an das neue Buch herangegangen, war aber bereit, mich auch positiv überraschen zu lassen. Insgesamt hat mir „Davon, frei zu sein“ gar nicht so schlecht gefallen – ich würde sagen, dass es der Roman ist, der mir bisher von Meg Rosoffs Büchern am besten gefällt. Das liegt vor allem an den Figuren, die Suchende sind, die darum ringen, ihren Platz in der Welt zu finden. Pell macht die Erfahrung, wie scher es ist, frei zu sein, und lernt auch die Schattenseiten ihrer Flucht in die Freiheit kennen.

„Davon, frei zu sein“ ist ein eindrückliches und zugleich kantiges Buch – ein Buch, das man mit Muße lesen sollte, dem man Zeit geben sollte, um nachwirken zu können. Als ich das Buch gestern aus der Hand gelegt habe, fand ich es fragwürdiger als heute, wo ich über Nacht ein wenig über den Roman nachgedacht habe.

Meg Rosoffs neues Buch ist kein Roman, der allen Jugendlichen gefallen wird – wie bereits geschrieben, ist es für mich eher ein Buch, das die Grenze zwischen Jugend- und Erwachsenenliteratur verwischt, was an sich ja nicht schlecht ist. Wem ich es empfehlen würde? Am ehesten Mädchen ab 14 oder 15 Jahren, die auch ruhigere Bücher mögen …

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(Ulf Cronenberg, 30.08.2010)

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