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Buchbesprechung: Robin Wasserman „Skinned“

Cover WassermanLesealter 14+(Sript5-Verlag 2010, 375 Seiten)

Lange Zeit habe ich bei Robin Wassermans Jugendroman „Skinned“ innerlich den Kopf geschüttelt. Mir kam die Geschichte anfangs wie ein Abziehbild von Mary E. Pearsons „ZWEIundDIESELBE“ vor. Kann es sein, dass zwei Autorinnen eine so ähnliche Grundidee haben? Glücklicherweise haben die beiden Bücher nach den vielen Gemeinsamkeiten am Anfang dann doch eine recht unterschiedliche Fortführung …

Übrigens: Der Vorname von Robin Wasserman ist in diesem Fall – anders als meist in Deutschland – ein Frauenname. Die Autorin lebt, nachdem sie kurzzeitig in Los Angeles gewohnt hat, inzwischen wieder in New York.

Inhalt:

Unter tragischen Umständen ist Lia bei einem Autounfall ums Leben gekommen – und dennoch lebt Lia weiter. Die Medizin in der fernen Zukunft ist in der Lage, das Gehirn eines toten Menschen zu scannen und ihm dann einen künstlichen Körper zu geben. Und genau das wurde mit Lia gemacht.

Die ersten Wochen nach dem Unfall sind schwer. Lia hat große Schmerzen, kann anfangs weder sprechen noch sich bewegen. Erst nach und nach lernt sie diese Dinge wieder. Doch schon bald merkt sie, dass alles nicht mehr so wie vor dem Unfall ist.

Zum einen bleibt Lia ihr neuer künstlicher Körper fremd – vieles fühlt sich anders als zuvor an. Zum anderen merkt sie – und das ist weit schlimmer –, dass die anderen Menschen ihr mit großen Vorbehalten begegnen. Das gilt nicht nur für ihren Freund Walker, der sich schon bald von ihr abwendet, sondern eigentlich für alle früheren Freunde.

„Skinner“ oder „MechHeads“ werden die Menschen mit künstlichem Körper genannt, und Lia lernt bald einige andere von ihnen kennen. Vor allem Jude, der informelle Anführer einer MechHead-Gruppe, will Lia davon überzeugen, dass sie sich von den normalen Menschen abgrenzen soll und ihr Anderssein akzeptieren muss. Doch das fällt Lia schwer …

Bewertung:

„Lia Kahn ist tot.
Ich bin Lia Kahn.
Deshalb – denn das ist ja wohl ein logisches Problem, das sogar ein minderbemitteltes Kind lösen könnte – bin ich tot.
Da ist nur eine Sache: Ich bin es nicht.“

Mit diesen Sätzen beginnt „Skinned“ (Übersetzung: Claudia Max), und wie dieses Paradoxon aufzulösen ist, liegt nach der Inhaltszusammenfassung auf der Hand. Lia lebt einschließlich ihres Gehirns nicht mehr in ihrem menschlichen Körper, sondern ist sozusagen nur noch eine kognitive Kopie in einem künstlichen Körper. Nicht nur das, sondern auch, dass Lia durch einen Unfall ums Leben gekommen ist, kam mir ziemlich bekannt vor. Es ist die gleiche Grundidee, wie sie dem oben schon erwähnten Buch „ZWEIundDIESELBE“ von Mary E. Pearson zugrunde liegt. Dass dann die Väter beider Hauptfiguren (Lia hier, Jenna dort) auch noch im Bereich der Biomedizin arbeiten, hat mich doch etwas verblüfft. Es scheint, als hätte da jemand die gleiche Grundidee an zwei Autorinnen zugleich verkauft …

Was mich anfangs etwas irritiert hat, hat sich dann jedoch als zunehmend interessant entpuppt, denn die beiden Geschichten entwickeln sich ganz unterschiedlich weiter. „Skinned“ ist deutlich mehr Science-Fiction-Roman als „ZWEIundDIESELBE“ und verrät einiges darüber, wie sich die Autorin die Zukunft vorstellt. Mary E. Pearsons Buch streift den politischen Hintergrund eigentlich nur am Rand, während Robin Wasserman ein durchaus düsteres Zukunfsszenario entwirft. Atomkriege und andere Katastrophen haben die Städte verwüstet, einige wenige privilegierte Menschen leben in Wohlstand, während die Städte zu wüsten und gefährlichen Gegenden verkommen sind. Diese Szenarien werden auch in „Skinned“ nicht ins Zentrum gerückt, aber sie werden thematisiert.

Ebenso wie „ZWEIundDIESELBE“ ist „Skinned“ ein Buch, das den Leser zum Nachdenken bringt. Das Buch ist quasi als Gedankenspiel konzipiert, das gegenwärtige Entwicklungen in der (Bio-)Medizin fortspinnt und die Frage stellt, was den Menschen ausmacht. Geschickt wird man dabei in die Geschichte hineingezogen, wenn Lia in dem Roman als Erzählerin auftritt, denn damit wird suggeriert, dass sie wie ein Mensch aus Fleisch und Blut denken und empfinden kann.

„Skinned“ ist – das bleibt festzuhalten – ein spannendes Buch, das auf den fast 400 Seiten nie langweilig wird. Man verzeiht Robin Wassermans Jugendroman dabei, dass er sich vor allem bei filmischen Science-Fiction-Vorlagen bedient. Die Städte erinnern ein wenig an „I am Legend“ und Lias Freund Auden lässt den Leser an „Gattaca“ denken. Auch mag man über einige etwas sehr theatralische Szenen (z. B. S. 327f, wo Lias Vater Gott um Vergebung bittet) hinwegsehen, wo die Autorin es ein wenig übertreibt. „Skinned“ ist trotzdem ein packendes Buch, dem man sich nicht entziehen kann.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Auch wenn „Skinned“ und „ZWEIundDIESELBE“ sich – zumindest zu Beginn – sehr ähnlich sind (beide sind übrigens im gleichen Jahr auf Englisch erschienen): Was mich anfangs irritiert hat, sehe ich nach dem Lesen des Buchs ganz anders. Es ist gerade interessant zu sehen, wie beide Bücher ganz unterschiedlich mit der gleichen Grundidee umgehen. Wer Mary E. Pearsons Buch gelesen hat, sollte sich zum Vergleich auch Robin Wassermans Jugendroman anschauen. „ZWEIundDIESELBE“ ist vielleicht literarisch gekonnter abgefasst, die Stärke von „Skinned“ dagegen ist, dass es die vielleicht packendere und radikalere Geschichte erzählt.

Für Jugendliche dürfte Robin Wassermans Roman jedenfalls ein Buch sein, das sie spannend finden – dafür sorgt neben der Thematik die geschickte Dramaturgie des Buches. Nur bei genauerem Hinschauen offenbart „Skinned“ vernachlässigbare Schwächen, doch sonst hat Robin Wasserman alles richtig gemacht.

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(Ulf Cronenberg, 10.08.2010)

P. S.: Im September 2010 erscheint ein zweiter Band zu „Skinned“ bei Script5, der den Titel „Crashed“ tragen wird. Die Geschichte von Lia geht also weiter …

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