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Buchbesprechung: Do van Ranst „Mütter mit Messern sind gefährlich“

Cover van RanstLesealter 12+(Carlsen-Verlag 2010, 158 Seiten)

Einen hübschen Titel und ein schräges Cover hat das neue Jugendbuch des Belgiers Do van Ranst in jedem Fall. Etwas Besonderes ist außerdem, dass die Übersetzerin Andrea Kluitmann in einem Interview in der Zeitschrift Eselsohr (Heft 07/2010) gemeint hat, dass dies eines der besten Jugendbücher sei, die sie kenne. Das war sicher kein einfach so dahin gesagter Satz – und deswegen musste ich mir „Mütter mit Messern sind gefährlich“ auch gleich anschauen.

Inhalt:

Jef lebt mit seiner Mutter und seiner behinderten Schwester Iene in der Wohnung eines Hochhauses. Seinen Vater kennt Jef nicht, und wenn er seine Mutter fragt, wo sein Vater sei, erzählt sie ihm jedes Mal, dass sie ihn umgebracht hätte – und zwar mit einem Messer –, weil er sie bedrängt hätte. Seine Mutter wollte dabei angeblich auch Jef und Iene beschützen. Das alles passt, so unglaublich es klingt, gut zu Jefs Mutter, die Mitglied in einem Messerclub ist und auf scharfe Messer bester Qualität steht.

Jefs bester Freund heißt Süleyman und ist Türke. Mit seiner Familie lebt er im Gegensatz zu Jefs Familie, die im fünften Stock lebt, im elften Stock des Hochhauses – ein Zeichen dafür, dass Süleymans Familie noch weniger Geld als Jefs Familie hat. Dabei lebt Jefs Mutter – von kleinen Jobs abgesehen – von Sozialhilfe. Gemeinsam mit Süleyman, den Jef als Quasselstrippe bezeichnet, hängt Jef häufig im Hochhaus ab und die beiden machen Unsinn.

Allerdings sieht Jef den Familienfrieden in letzter Zeit bedroht. Zum einen ist Jef auf Süleyman eifersüchtig, der sich Jefs Meinung nach zu häufig bei ihnen in der Wohnung aufhält, zum anderen gibt es da auch noch den neuen Freund von Jefs Mutter, Harry, den Jef nicht ausstehen kann und als Eindringlich empfindet. Jef setzt einige Energie in das Vorhaben, Harry wieder loszuwerden. Es ist Süleyman, der ihn auf eine besondere Idee bringt: Es kann doch nicht sein, dass Harry dableiben würde, wenn er wüsste, dass Jefs Mutter seinen Vater umgebracht hat …

Bewertung:

„Mütter mit Messern sind gefährlich“ ist eine recht skurrile Geschichte – etwas anderes hätte man angesichts des Titels auch kaum erwartet. Das Buch beginnt damit, dass Jef erzählt, wie seine Mutter seinen Vater mit dem Messer ersticht, als Jef und Iene noch kleine Kinder waren. Jedenfalls kann sich Jef an all das nicht mehr erinnern. Ähnlich skurril geht es in dem Buch weiter, wenn z. B. geschildert wird, dass Jefs Mutter einem Messerclub angehört, dessen Mitglieder deutsche Messer aus Solingen bevorzugen und diese für die besten der Welt halten. Einmal im Jahr fährt man deswegen in die deutsche Stadt, um u. a. eine Messerfabrik zu besuchen.

Jefs Mutter plant diese Club-Fahrten zwar, kann wegen Iene, die schwer behindert ist, jedoch nie mitfahren. „Mütter mit Messern sind gefährlich“ ist nämlich auch ein Buch darüber, wie eine Familie mit einem behinderten Kind umgeht. Dass durch Iene einiges durcheinander gewirbelt wird, wie sehr Jef und seine Mutter Iene auch lieben, wird in dem Buch ebenfalls thematisiert – und zwar erfrischend wenig rührselig. Darüber hinaus ist Do van Ransts Jugendroman auch ein Buch, das von den Problemen beim Aufbau einer Patchwork-Familie erzählt, denn Jef will den neuen Freund seiner Mutter nicht akzeptieren.

Zum Besten, was das Buch zu bieten hat, zählen die Gespräche zwischen Süleyman und Jef. Die beiden schenken sich meist nichts, und auch wenn Jef vordergründig immer so tut, als wäre Süleyman eigentlich gar kein richtiger Freund von ihm, so merkt man an den Gesprächen, dass dem nicht so ist. Jedenfalls sprechen da zwei Jungen miteinander, die einerseits versuchen, dem anderen gegenüber cool dazustehen, die andererseits aber auch gemeinsam die Welt begreifen wollen. Über Gott und die Welt wird da gesprochen: kindlich, naiv, manchmal pseudo-erwachsen, oft auch etwas derb.

Letztendlich ist Do van Ransts Buch eine subtile Geschichte, die einige schwierige Themen in eine kurzweilige Geschichte verpackt, die jedoch nach dem fulminanten Auftakt mit der Schilderung des Messermordes etwas braucht, um in Fahrt zu kommen. Am Anfang hat mich das Buch nicht so ganz zum Weiterlesen motiviert wie in der zweiten Hälfte.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. „Mütter mit Messern sind gefährlich“ ist ein gutes Buch, aber eines, das es mir nicht unbedingt von Anfang an angetan hat. Doch je mehr ich über das Buch nachdenke, desto interessanter finde ich die Themen darin sowie die Situation und die Anlage der Geschichte. Vielleicht erklärt das auch die oben zitierte Aussage der Übersetzerin, denn Andrea Kluitmann hat sich sicher ausführlich mit dem Jugendroman beschäftigt. „Mütter mit Messern sind gefährlich“ ist vielleicht ein Buch, das man erst auf dem zweiten Blick zu lieben beginnt …

Schwierig zu beantworten finde ich allerdings die Frage, wem man dieses Buch empfehlen kann. Sicher einigen Erwachsenen, die Jugendbücher mögen und die die Vielschichtigkeit des Buches verstehen werden … Aber wie sieht es mit Jugendlichen aus? Am ehesten dürften das Buch 12-Jährige lesen. Jugendliche, die etwas älter sind, werden wohl von den doch manchmal etwas kindlich gehaltenen Dialogen zwischen Jef und Süleyman nicht richtig gepackt werden, während für jüngere Leser das Buch thematisch an manchen Stellen vielleicht zu anspruchsvoll ist. Das ist vielleicht das größte Problem des Buches: dass es sich nicht so recht entscheiden mag, ob es Kinder- oder Jugendbuch ist.

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(Ulf Cronenberg, 02.08.2010)

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