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Buchbesprechung: Beate Teresa Hanika „Erzähl mir von der Liebe“

Cover HanikaLesealter 16+(Fischer-Verlag 2010, 160 Seiten)

Ein interessanter Titel, ein Cover mit einem tollen und passenden Bild und eine hochwertige Aufmachung im Schutzumschlag – Beate Teresa Hanikas zweiter Roman ist erschienen und fällt einem sofort ins Auge. Die Autorin, die in der Nähe von Regensburg wohnt, war im letzten Jahr eine der Debütantinnen, die besonders viel Aufsehen erregt haben. „Rotkäppchen muss weinen“, ihr erstes Buch, schaffte es gleich auf die Nominierungsliste des Deutschen Jugendliteraturpreises 2010 und wurde auch sonst überall mehr als positiv aufgenommen.

Das mit dem zweiten Buch eines Autors / einer Autorin ist ja immer so eine Sache … Es gab schon einige Autoren, die in späteren Büchern nie die Qualität ihres Erstlingswerks erreicht haben. Gespannt war ich, wie das wohl bei Beate Teresa Hanika ist.

Inhalt:

Vor einiger Zeit hat Leni den Bauernhof ihrer Eltern verlassen, um als Model zu arbeiten. Inzwischen lebt sie in einer WG zusammen mit zwei weiteren Models, Hannah und Kennedy, in Berlin. Nach Hause kommt Leni nur noch selten, und wenn, dann merkt sie, dass sie dort zum einen kaum noch willkommen ist, sich zum anderen aber auch nicht mehr zugehörig fühlt. Ihr früherer Freund Marek, der mit ihr den Hof ihrer Eltern übernehmen sollte, ist längst mit einer anderen Frau verbandelt – und irgendwie ist Leni froh, all dem entkommen zu sein.

Doch auch in Berlin ist das Leben nicht gerade einfach. Die großen Versprechungen, dass sie als Model bald groß rauskommen würde, haben sich als Seifenblasen erwiesen. Stattdessen hat sich unter Leni, Hannah und Kennedy, die alle ausgezogen sind, um Erfolg zu haben, Ernüchterung breit gemacht. Ihr Leben ist vordergründig manchmal aufregend, doch wenn man genauer hinschaut, oft auch schäbig.

Leni sucht noch immer nach der großen Liebe, auch wenn sie sich das selbst kaum eingesteht – den Versprechungen, die ihr so oft gemacht wurden, glaubt sie zugleich nicht mehr. Als sie auf die Party eines reichen und einflussreichen Produzenten eingeladen wird, lernt sie Levi kennen. Leni ist von dem Bulgaren, der kaum ein Wort Deutsch spricht, auf eine seltsame Art und Weise fasziniert. Doch Hannah und Kennedy warnen sie vor Levi, der ein Geheimnis hat, das Leni besser nicht kennen sollte.

Bewertung:

Glimmer und Glitzer – irgendwie denkt man bei den Themen Models und Castingshows an ein glanzvolles Leben. Dass dem nicht so ist, weiß natürlich jeder, der ein wenig hinter die Kulissen blickt. Das Geschäft ist gnadenlos und brutal, und am Ende ist von dem Glanz meist nur noch wenig übrig.

Beate Teresa Hanika kennt das Leben eines Models aus eigener Erfahrung, wie man in den wenigen Zeilen, die man über die Autorin beim Fischer-Verlag findet, nachlesen kann – und das ist dem Buch auch anzumerken. „Erzähl mir von der Liebe“ könnte man als Dekonstruktion des Glitzerlebens lesen – ein Buch, das genau zeigt, wie hinterhältig und abgegriffen vieles im Modelleben ist. Doch man täte dem Buch unrecht, wenn man es quasi nur als Warnung vor dem Showbusiness lesen würde …

Wer genauer hinschaut, der bemerkt, dass es in Beate Teresa Hanikas Buch um viel mehr geht. Das Buch handelt u. a. vom Verhältnis zur eigenen Familie. Lenis Vater zum Beispiel hört seiner Tochter kaum zu und bemüht sich nicht, Leni zu verstehen. Lenis Mutter tut dies erst am Ende des Buchs in einer Szene und gibt zu verstehen, dass sie es im Nachhinein bereut, nicht selbst die Enge des ländlichen Lebens verlassen zu haben. Und Sir, wie Lenis Großvater genannt wird, ist derjenige, dem sich Leni noch am ehesten anvertrauen kann. Doch am Ende ist sie auch von ihm enttäuscht. Leni lässt die Enge der Familie zurück, weil sie sich dort nicht wirklich geborgen fühlt – insbesondere auch bei Marek, der sie auf ein enges Leben als Bauersfrau festlegen möchte.

Was die Familiensituation angeht, gibt es übrigens deutliche Parallelen zu „Rotkäppchen muss weinen“, denn auch Malvinas Familie kümmert sich nicht wirklich um das Mädchen und tut ihre Versuche, vom Missbrauch zu berichten, ab. Die schützende Großmutter (in Beate Teresa Hanikas neuem Buch ist es der Großvater) steht am Ende doch nicht vorbehaltlos hinter Malvina (bzw. der Großvater hinter Leni). Familien haben eine komplizierte Dynamik, möchte man sagen …

Ähnlichkeiten zwischen Hanikas beiden Büchern zeigen sich auch in der Sprache sowie bei den Zeitebenen des Buchs. Auch „Erzähl mir von der Liebe“ ist äußerst dicht und sprachlich treffsicher geschrieben: kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig. Stets kann man in die Seelen der Figuren schauen. Und was die Zeitebenen angeht: In Beate Teresa Hanikas neuem Buch gibt es ebenfalls drei vorherrschende Zeitebenen: die Gegenwart, eine erste Vergangenheitsebene, in der Leni den elterlichen Hof verlässt und später Hannah und Kennedy kennenlernt; und schließlich die weiter zurückliegend Vergangenheit, in der Leni vom früheren Leben zu Hause erzählt.

Ergänzt wird das durch später ins Buch eingestreute Versuche, sich das Leben von Levi, der ihr wegen seiner geringen Deutschkenntnisse nicht viel von sich berichten kann, vorzustellen. Ein Hauch von Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ schimmert hier durch … Diese drei bzw. vier Ebenen greifen nahtlos und assoziativ ineinander. Das ist noch etwas wilder und damit anspruchsvoller als in „Rotkäppchen muss weinen“ gemacht. Aber auch sehr gekonnt.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Und was folgt aus all dem? Mit „Erzähl mir von der Liebe“ ist Beate Teresa Hanika ein sprachlich dichtes, ein kunstvoll aufgebautes Buch gelungen, das ähnliche Stärken wie „Rotkäppchen muss weinen“ hat. Die Figuren werden intensiv beschrieben, fast kann man mit ihnen atmen. Doch – vielleicht ist das schon zwischen den bisherigen Zeilen zu lesen – ein klein wenig ist mir während des Lesens ab und zu die ganz große Begeisterung für Beate Teresa Hanikas neues Buch verloren gegangen, die bei „Rotkäppchen muss weinen“ die ganze Zeit vorhanden war.

Ich habe mich lange gefragt, woran das liegt. Zwei sehr persönliche Antworten kann ich geben: Erstens ist „Erzähl mir von der Liebe“ ein Buch, das eher Mädchen und Frauen gefallen wird. Das hat neben den weiblichen Hauptfiguren vor allem auch mit dem Thema zu tun. Die Modelwelt hat mich weniger berührt als die der familiären unterschwelligen Gewalt in „Rotkäppchen muss weinen“. Zweitens habe ich, als ich etwas mehr als die Hälfte des Buches gelesen hatte, ein bisschen äußere Handlung vermisst. Es hätte dem Buch gut getan, wenn auf der Handlungsebene noch etwas mehr passiert wäre.

Ich könnte noch vieles über dieses Buch schreiben und es weiter diskutieren – allein das zeigt, dass „Erzähl mir von der Liebe“ eben doch ein gutes Buch ist, das in vielen Kleinigkeiten zeigt, wie durchdacht, wie gut es komponiert ist. Dennoch war das Buch für mich nicht in allem ganz zugänglich, was vor allem am szenarischen Hintergrund liegt.

Beate Teresa Hanikas Buch ist kein ganz typisches Jugendbuch und erfordert beim Lesen eine gewisse Reife. Mädchen ab 15 oder 16 Jahren mag man es dennoch wärmstens ans Herz legen, nicht nur deshalb, weil sich das Buch dann am Ende doch noch als ungewöhnliche Liebesgeschichte (fast mit einem Märchen-Happy-End) entpuppt. Ansonsten hätte der Fischer-Verlag es durchaus auch im Erwachsenenbereich veröffentlichen können. Große Literatur, die auch erwachsene Leser mit Vergnügen lesen werden, ist „Erzähl mir von der Liebe“ in jedem Fall.

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(Ulf Cronenberg, 29.06.2010)

Ein Interview mit Beate Teresa Hanika zum Thema „Schreiben“, das Jugendbuchtipps.de im Januar 2010 geführt hat, findet ihr hier.

Kommentare (0)

  1. Jutta Wilke

    Eben aus der Presse erfahren:
    Die Autorin Beate Teresa Hanika hat gestern mit ihrem ersten Roman „Rotkäppchen muss weinen“ den Hans-im-Glück-Preis 2010 gewonnen – siehe:
    http://www.fnp.de/nnp/region/lokales/hansimglueckpreis-rotkaeppchen-muss-weinen_rmn01.c.7893805.de.html.

    Antworten
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