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Buchbesprechung: Nava Semel “Liebe für Anfänger”

Cover SemelLesealter 15+(Jacoby & Stuart-Verlag 2010, 113 Seiten)

Ein Buch mit Kurzgeschichten – da werden viele an Deutschstunden denken, in denen Geschichten zerlegt und analysiert, für Inhaltsangaben und Textzusammenfassungen herangezogen werden. Bei Schülerinnen und Schülern ist das mitunter nicht unbedingt beliebt, und so haben es Kurzgeschichten schwer, Leser zu finden. Dabei sind sie – sofern gut gemacht – eine ganz besondere literarische Form.

Die Israelin Nava Semel hat ein Bändchen mit sieben Kurzgeschichten geschrieben (von Mirjam Pressler übersetzt), in denen es um das Thema Liebe geht. Vom Thema her also durchaus etwas, das Jugendliche interessieren könnte.

„Wie Liebe aufhört, verstand ich plötzlich, als mein Vater und meine Mutter mir mitteilten, dass sie sich trennen würden. Es war wie das Runterfahren des Computers: Ich schaute zu, wie sich ein Fenster nach dem anderen schloss und der Bildschirm dunkel wurde, bis nur noch ein winziger Lichtpunkt zu sehen war, der am Schluss auch verschwand.“

So beginnt die Titelgeschichte von Nava Semels Buch „Liebe für Anfänger“. Sie erzählt nicht nur davon, wie Tom, ein hochbegabter Computerfreak, die Trennung seiner Eltern zu verarbeiten versucht, sondern auch davon, wie er selbst einem Mädchen, in das er verliebt ist, näherzukommen versucht. Dass der Moment, in dem er die Liebe seiner Eltern scheitern sieht, nicht gerade günstig für die erste eigene Beziehung ist, ist auch Tom klar – aber er will es trotzdem versuchen …

Sieben solcher Situationen, in denen Jugendliche die Hauptpersonen sind, in denen sie ersten Erfahrungen mit dem Verliebtsein machen, werden in dem Buch vorgestellt. Da gibt es einen Jungen, der sich zu einem anderen Jungen hingezogen fühlt. Es wird von einem Mädchen erzählt, das zur Zeit vor der Gründung des Staates Israel in einer skurrilen Situation einen Engländer trifft. Trotz der Vorbehalte aller Nachbarn den englischen Besatzern gegenüber geht sie auf ihn zu und verliebt sich in ihn. Und eine Geschichte handelt von einem Jungen, der meint, dass er nie im Leben eine Freundin finden wird, weil er so schüchtern ist.

Es ist ein kurzweiliger Reigen zum Thema Liebe, der auf den Leser wartet, und alle sieben Geschichten haben auf mich einen großen Reiz ausgeübt. Keinen einzigen Hänger hat dieses Buch. Es bleibt vielmehr auf jeder der knapp über hundert Seiten faszinierend, wie dicht, wie einfühlsam und sensibel Nava Semel ihre Geschichten erzählt. Da sitzt in der Übersetzung von Mirjam Pressler wirklich jedes Wort.

Die Erzählungen halten auch einem zweiten kritischen Blick stand, denn sie sind gut komponiert, spielen mit Bildern und Stimmungen, lassen dem Leser aber auch Raum für eigene Gefühle und Gedanken. Nein, langweilig wird einem bei diesen Geschichten nicht. Man muss vielmehr immer wieder staunen, wie genau Nava Semel beobachtet und Gefühle ausdrückt. Hervorzuheben ist außerdem die liebevolle Illustration des Buches durch Gerda Raidt. Jede Geschichte wird mit einer kleinen Schwarzweiß-Zeichnung eingeführt.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Wenn es noch einen sechsten Punkt gäbe, ich würde ihn bei diesem Buch wohl drauflegen – so gut hat mir Nava Semels dünnes Bändchen gefallen. „Liebe für Anfänger“ ist ein Kleinod unter den Jugendbüchern. Der Versuch, Jugendlichen kurze Erzählungen nahezubringen, wird nicht oft unternommen, aber er ist in diesem Fall ohne Wenn und Aber geglückt.

Die Erzählungen beleuchten das Thema Liebe von unterschiedlichen Seiten und sie regen zum Nachdenken an … Ich habe z. B. gemerkt, dass ich mich gegen den Mythos von der bedingungslosen und ewigen Liebe, der in einigen Geschichten hochgehalten wird, gewehrt habe. Doch es gibt auch Erzählungen, die zeigen dass die Liebe an Äußerlichkeiten scheitern kann, dass sie endlich ist. All das wird in einer Sprache dargestellt, die bewundernswert treffsicher und dicht ist.

„Liebe für Anfänger“ ist ein Buch für sensible Jugendliche und Erwachsene, die über das Leben und die Liebe nachdenken wollen, ein Buch, dem ich viele Leser wünschen würde!

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(Ulf Cronenberg, 06.06.2010)

Lektüretipp für Lehrer!

„Liebe für Anfänger“ bietet kurze Erzählungen, die durchaus im Deutsch-, Religions- oder Ethikunterricht verwendet werden können. Man täte den Geschichten jedoch Gewalt an, wenn man sie – wie oben beschrieben – nur zerpflücken und analysieren würde. Nava Semels Geschichten sollten eher dazu verwendet werden, mit Schülern (frühestens ab der 10. Klasse) über die Themen Liebe und Verliebtsein ins Gespräch zu kommen. Das wird nur Lehrern gelingen, die Persönliches im Unterricht zulassen können, und ist sicher nicht einfach – wenn es gelingt, aber gewinnbringend.

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