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Buchbesprechung: Ingelin Røssland “Und ich dachte, ich wäre anders”

Cover RosslandLesealter 14+(Hanser-Verlag 2010, 174 Seiten)

Ein hübsches Cover ziert dieses Buch: ein körniges Schwarzweißfoto, das gekonnt mit der Tiefenschärfe (den verschwommenen Lichtpunkten im Hintergrund) spielt. Als Hobby-Fotograf weiß ich so etwas zu schätzen …

„Und ich dachte, ich wäre anders“ ist das erste, im Deutschen erschienene Buch der Norwegerin Ingelin Røssland, die eine Schauspielausbildung absolviert, außerdem Journalismus- und Dokumentarfilmregie-Kurse besucht hat. In Røsslands Buch geht es um ein Mädchen, das ihre dunklen Seiten kennenlernt – nicht gerade eine beglückende Erfahrung, aber ein interessantes Thema.

Inhalt:

Anja ist eine eher zurückhaltende und schüchterne Teenagerin, die kaum Freunde hat. Lediglich mit Arild, der selbst eher unauffällig ist, unternimmt sie schon seit vielen Jahren oft etwas. Doch all das ist ziemlich unspektakulär. Die beiden verbringen das Wochenende zum Beispiel beim Angeln.

Anjas Familie betreibt einen Obstbauernhof in der Nähe eines Fjords. Doch ihre Eltern kommen nicht wirklich gut miteinander zurecht. Das wird vor allem immer deutlich, wenn ihre Mutter auf Partys mit anderen Männern flirtet, und Anja fragt sich, ob da nicht mehr dahinter steht.

Als Anja auf eine weiterführende Schule wechselt, lernt sie ein anderes Mädchen kennen: Malin, der sie schon einmal unter unangenehmen Umständen begegnet ist. Diese hatte sich damals im Rausch – sicher nicht mit Absicht – über Anjas Haare und Jacke übergeben. Doch Malin erinnert sich daran nicht mehr. Malin eilt ein schrecklicher Ruf voraus: dass sie andere schikaniert, gewalttätig ist und aus einer Problemfamilie kommt. Und trotzdem freunden sich die beiden an.

Für Anja ist es eine neue und wichtige Erfahrung, dass sie endlich mal von jemand anderem als Freundin akzeptiert wird. Arild, aber auch einige andere, sehen die Freundschaft mit Malin als kritisch an und warnen Anja davor – doch sie will nichts davon wissen. Nach und nach zieht Malin sie jedoch in Dinge hinein, die Anja im tiefsten Inneren nicht machen möchte – um ihre Freundin jedoch nicht zu verlieren, wehrt sie sich allerdings nicht. Nicht nur, dass Anja erstmals Alkohol trinkt – mit Malin zusammen spielt sie Mitschülerinnen übel mit und tut Dinge, von denen sie nicht gedacht hätte, dass sie sie machen könnte …

Bewertung:

Hinter „Und ich dachte, ich wäre anders“ (Übersetzung: Ina Kronenberger) steht das interessante Psychogramm eines Mädchens, das sich durch eine Freundschaft stark verändert. Aus der unscheinbaren Anja wird durch die Begegnung mit Malin ein ganz anderes Mädchen, das zwar nach wie vor von anderen wie eine Außenseiterin behandelt wird, das aber erstmals seine Wut an anderen auszulassen beginnt. Diese Verwandlung wird in Ingelin Røsslands Jugendroman ziemlich bedrängend dargestellt.

Eigentlich beginnt das Buch eher harmlos – in der ersten Hälfte wird vor allem das verdeckte Drama von Anjas Familie beschrieben. Anja selbst ist jedoch ein angepasstes und braves Mädchen, das alles mit sich selbst ausmacht. Durch die Freundschaft mit Malin, die eine große Macht auf Anja ausübt, verändert sich jedoch alles – und auf einmal wird das sympathische Mädchen für den Leser zu fast so etwas wie einer Zumutung. Es tut beinahe weh, diese Verwandlung von Anja mitzuerleben – denn wie Anja sich Mitschülerinnen gegenüber auf einmal verhält, ist nicht nur provozierend und rüde, sondern teilweise sogar gewalttätig. Als Leser macht man da ein richtiges Wechselbad der Gefühle mit, wenn das zu Beginn sympathische Mädchen auf einmal abdriftet und sich unerträglich verhält.

Psychologisch wird diese Veränderung Anjas stimmig beschrieben, auch weil deutlich wird, dass das vordergründig brave Mädchen durch die unterschwellig explosive Familiensituation, in der es aufwächst, eben doch einiges an Wut in sich hat.

Es gibt jedoch auch zwei Kleinigkeiten, die mich an Ingelin Røsslands Roman etwas gestört haben: Zum einen dauert es etwas lange, bis sich in dem Buch wirklich etwas tut – und das geschieht dann fast etwas zu schnell. Zum anderen ist die Auflösung einer Tat, mit der Anja einer Mitschülerin mitspielt, am Ende etwas sehr banal. Da war ich auf der vorletzten Buchseite kurz etwas vor den Kopf gestoßen. Diese beiden Kritikpunkte ändern jedoch nichts daran, dass „Und ich dachte, ich wäre anders“ ein psychologisch packendes und stimmiges Buch ist, das es sich in jedem Fall zu lesen lohnt.

Fazit:

4 von 5 Punkten. An Ingelin Røsslands Buch hat mich vor allem fasziniert, dass die Themen Mobbing und Gewalt nicht aus der Perspektive eines Opfers dargestellt werden (wie das oft in Jugendbüchern der Fall ist), sondern dass beschrieben wird, wie jemand (noch dazu ein Mädchen) selbst zur Täterin wird. „Und ich dachte, ich wäre anders“ ist aus diesem Grund ein Buch, das einen auch nach dem Auslesen noch länger beschäftigt: weil die Frage gestellt wird, ob nicht jeder Mensch dunkle Seiten in sich hat und gewalttätig werden könnte. Am Beispiel Anjas wird durchgespielt, wie ein eher unscheinbares Mädchen selbst in solche Fahrwasser kommt.

Ingelin Røsslands Jugendroman ist kein Buch ohne Schwächen, aber letztendlich verzeiht man sie dem Buch, weil es ansonsten psychologisch einfühlsam und fundiert daherkommt. Der Jugendroman regt zum Nachdenken an und ist nicht unbedingt leicht verdaulich – aber so was weiß ich an Jugendbüchern durchaus zu schätzen …

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(Ulf Cronenberg, 14.04.2009)

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