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Buchbesprechung: Linzi Glass “Im Jahr des Honigkuckucks”

Cover GlassLesealter 14+(Hanser-Verlag 2010, 249 Seiten)

Linzi Glass, die inzwischen in Los Angeles lebt, wurde in Südafrika geboren und hat in ihrem ersten Jugendbuch „Im Jahr des Honigkuckucks“ sicher einige ihrer Erfahrungen aus der früheren Heimat verarbeitet. Denn das Buch spielt nicht in der heutigen Zeit, sondern zu einer Zeit, als in Südafrika noch die Apartheid, die strikte Rassentrennung zwischen Farbigen und Weißen, galt.

Irgendwie ist eine solch strikte Rassentrennung heute für uns ja kaum noch vorstellbar – aber in Südafrika dauerte sie bis 1994, und das ist nicht gerade lange her. Wie das konkret aussah, zeigt zum Beispiel ein Bild der Wikipedia.

Inhalt:

Emily ist 12 Jahre alt und lebt mit ihren Eltern sowie ihrer älteren Schwester Sarah in einem großen Haus in Johannesburg. Ihre Eltern führen eine nicht gerade glückliche Ehe: Sie streiten nicht nur ständig, Emilys Mutter scheint außerdem ein Verhältnis mit einem anderen Mann zu haben. Für Sarah und Emily haben die beiden irgendwie gar keine Zeit. Letztendlich hat Emily mehr Zutrauen zu dem alten Nachtwächter Buza, der dem Volk der Zulu angehört, sowie zur ebenfalls farbigen Hausangestellten Lizzie als zu ihren Eltern.

Eines Tages steht vor dem Haus der Familie plötzlich der Wohnwagen einer Zigeuner-Familie. Jock, der Vater der Familie, reist als Tierfotograf durch die Welt – nur selten bleibt die Familie längere Zeit an einem Ort. Emily freundet sich mit Streak, dem jüngeren Sohn der Familie, an, auch wenn ihr dieser anfangs etwas unheimlich vorkommt. Sarah dagegen kümmert sich um den noch seltsameren Otis, der sich nicht selten sonderlich verhält und immer wieder mal ausrastet.

Für den Hausfrieden von Emilys Familie ist die Ankunft der Zigeuner-Familie jedenfalls ein Segen – Emilys Eltern werden dadurch von ihren eigenen Problemen abgelenkt. Und dennoch: Die Situation bleibt fragil, jedoch unter anderen Vorzeichen. Emily spürt, dass etwas in der Luft liegt, denn auch in Jocks Familie liegt unter der Oberfläche eine gewisse Gewalttätigkeit, die hervorzukommen droht. Letztendlich ist es einzig und allein Buza, der Emily mit seinen afrikanischen Geschichten immer wieder zu trösten weiß.

Bewertung:

„Im Jahr des Honigkuckucks“ ist kein von der ersten Seite an zugängliches Buch – nein, man braucht ein wenig, um in die Geschichte hineinzufinden. Doch je weiter man beim Lesen vorankommt, umso mehr schlägt einen Lizzi Glass‘ Geschichte in den Bann – und das auf ganz verschiedenen Ebenen.

Da ist zum einen die Stimmung, die das Buch durchzieht und die sehr eindrücklich auf den Leser überspringt. Dass in Emilys Familie eine ständige latente Aggressivität herrscht, ist in fast jeder Zeile zu spüren – aber auch wie schlimm es für ein 12-jähriges Mädchen ist, das zu erleben. Diese Familiensituation wird sehr feinfühlig, subtil und stimmig aus der Sicht von Emily beschrieben – nur ganz selten gibt es Momente, in denen die unterschwellige Gewalt auch hervorbricht.

Zum anderen ist Lizzi Glass‘ Buch sprachlich dicht und eindrucksvoll geschrieben. Sätze wie:

„Ich sitze mit Mutter im Wohnzimmer, aber wir reden nicht miteinander – zwei Schaufensterpuppen in gegenüberliegenden Geschäften.“ (S. 228)

beschreiben treffsicher die diffus bedrohliche Stimmung in Emilys Familie. Dem kann man sich als Leser nicht nur nicht entziehen, sondern solche sprachlichen Beschreibung sind schlichtweg beeindruckend. Auch das Bild vom brüchigen Ei des Honigkuckucks, das das Buch durchzieht und mit dem Emily ihre Gefühle und ihre Situation beschreibt, zeigen, dass Linzi Glass einen literarisch anspruchsvollen Roman geschrieben hat.

Dass „Im Jahr des Honigkuckucks“ jedoch nicht nur düstere Momente hat, sondern darüber hinaus durch Buza, der Emily mit afrikanischen Geschichten zu trösten versucht, auch ein Stück Hoffnung vermittelt, gefällt mir gut. Es sind nicht die Eltern, die Emily durch die schweren Zeiten tragen, sondern es sind ironischerweise die schwarzen Bediensteten, die dem Mädchen helfen.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Was soll ich sagen? Das erste (aber sicher nicht letzte) beeindruckende Buch des Jahres 2010 ist gefunden. Linzi Glass gelingt es, glaubwürdig das explosionsgefährdete Pulverfass einer problematischen Familie aus der Sicht eines 12-jährigen Mädchens zu beschreiben – darüber hinaus zeigt das Buch aber auch, was es heißt, in einem Land, in dem mit der Apartheid ein Unrechtsregime besteht, zu leben.

„Im Jahr des Honigkuckucks“ ist ein anspruchsvolles Buch, das jugendliche Leser (ab 14 Jahren, würde ich sagen) jedoch nicht überfordern dürfte. Um es kurz zu sagen: Ich war von dem Buch mehr als beeindruckt – denn selten findet man so subtil gezeichnet, wie ein Kind an der konfliktbelasteten Ehe seiner Eltern leidet und damit fertig zu werden versucht.

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(Ulf Cronenberg, 08.02.2010)

Kommentare (0)

  1. Lifetime

    Ein Buch, das zunächst einfach schön ist. Allerdings hab ich nie ein so trauriges Buch gelesen und nie so viele Tränen vergossen. Am Anfang denkt man, es würde nur die Probleme in der Familie ansprechen, doch nach und nach werden die Geschichten schlimmer. Trotzdem toll. Legt euch eine Packung Taschentücher bereit.

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  3. Ich

    Ich habe bis zum Schluss gehofft, dass noch alles gut endet, dass Sarah wieder normal wird, dass Streak zurückkommt und so. Aber von dem Moment an, als Sarah stirbt, ist es mir immer mehr in Schluchzern hochgekommen, bis ich das letzte Kapitel heulend gelesen habe … Eine unheimlich tragische und bedrückende Geschichten, toll geschrieben, trotz der Traurigkeit fünf von fünf Sternen!!!

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