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Buchbesprechung: Isabel Abedi “Lucian”

Cover AbediLesealter 13+(Arena-Verlag 2009, 549 Seiten)

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass „Lucian“ der erste Jugendroman von Isabel Abedi ist, den ich gelesen habe – und das, obwohl die Autorin mit „Whisper“ im März dieses Jahres den dritten Platz beim internationalen Preis der jungen Leser (vgl. Artikel zur Leipziger Buchmesse 2009) bekommen hat. Aber zugeben kann ich das ja trotzdem …

Ein entsprechend großer Rummel wurde schon vorab um „Lucian“ gemacht, und ich war schon sehr gespannt, ob mir das Buch so gut gefallen würde, wie sicher vielen anderen Lesern.

Inhalt:

Die 16-jährige Rebecca wohnt mit ihrer Mutter Janne, die Psychotherapeutin ist, sowie deren Lebensgefährtin Spatz in Hamburg. Ihr Vater ist Amerikaner und lebt schon seit vielen Jahren in Los Angeles, wo er eine neue Familie gegründet hat. Rebecca sieht ihn ab und zu, wenn er sie in Hamburg besucht. Das Mädchen geht zur Schule, wo sie vor allem von ihrem seltsamen Englischlehrer Mr. Tyger immer wieder getriezt wird.

Rebeccas beste Freunde sind Suse und Sebastian, mit dem sie eine Beziehung hatte. Doch von Sebastian hat sie sich vor kurzem getrennt, auch wenn sie nach wie vor deswegen hin- und hergerissen ist. Als Rebecca eines Abends in ihrem Zimmer steht, fühlt sie sich beobachtet. Sie schaut aus dem Fenster und sieht jemanden unten an der Laterne stehen, der unverhohlen zu ihr hinaufschaut. Doch sie kann nicht erkennen, wer der Fremde ist. Auch die Tage danach spürt sie immer wieder, dass sie beobachtet wird, bis sie einen seltsamen Jungen bemerkt, der ihr immer wieder begegnet.

Irgendwann kommen die beiden ins Gespräch – doch der Junge, der sich später Lucian nennt – ist äußerst merkwürdig. Nicht nur, dass er vieles aus Rebeccas Leben zu wissen scheint – darunter Details, die eigentlich niemand wissen kann –, Lucian hält sich über seine eigene Person bedeckt. Als Rebecca ihn schließlich darauf anspricht, meint er, dass er nicht wisse, wer er sei und woher er komme.

Rebecca ist ziemlich irritiert und fragt sich, welches Geheimnis Lucian verbirgt. Das Seltsame ist jedoch, dass sie sich trotzdem so sehr zu ihm hingezogen fühlt wie noch nie zu jemand anderem zuvor. Doch Lucian taucht immer wieder unter und ist dann nicht aufzufinden. Hinzu kommt, dass Rebeccas Mutter, wie sich herausstellt, irgendetwas mit Lucian zu tun hat und zu verhindern versucht, dass die beiden sich treffen.

Bewertung:

Das Lesen von „Lucian“ war für mich eine kleine Berg- und Talfahrt, wobei die Momente in der Höhe überwogen haben. Doch nicht alles an dem Buch hat mir gefallen. Aber der Reihe nach … Kommen wir zuerst zu den positiven Seiten.

„Lucian“ ist auf jeden Fall ein hervorragend geschriebenes Buch. Isabel Abedi versteht es, nicht nur flüssig und gewandt zu schreiben, sondern schafft es, Stimmungen heraufzubeschwören und Umgebungen und Personen vor dem geistigen Auge des Lesers entstehen zu lassen. Die Figuren werden oft bildhaft beschrieben … Beispiel gefällig? „Michelles Tonlage hatte sich verändert. Es war, als ob man Honig in Eistee geschüttet hätte.“ Das Buch ist voll von solchen sprachlichen Bildern, die nie geklaut oder abgedroschen wirken, sondern stets etwas Besonderes sind.

Spannend finde ich auch die Mischung von Fantasy-Elementen und Gegenwartsgeschichte. „Lucian“ spielt im Hamburg und im Los Angeles der Gegenwart, die Jugendlichen im Buch sind Jugendliche von heute (auch was deren Wortschatz betrifft), während die Fantasy-Anleihen eher zart daherkommen und vor allem durch Lucian ins Buch gebracht werden.

Über große Teil ist das Buch außerdem spannend – es gibt Seiten, da will man einfach nicht mit dem Lesen aufhören, weil seltsame Dinge geschehen und man natürlich die Gründe dafür erfahren will. Dass dabei in der Mitte des Buches auch einmal die Erzählperspektive aufgebrochen wird (größtenteils berichtet Rebecca in der Ich-Form) und auf 30 Seiten nur Mails wiedergegeben werden, sorgt für Abwechslung. Und am Ende werden gekonnt alle Fäden zusammengebracht.

Doch immer wieder habe ich beim Lesen auch gemerkt, dass ich nicht so recht vorangekommen bin. „Lucian“ hat ein paar Hänger, wo man sich gewünscht hätte, dass mehr passiert, wo die Handlung etwas stehen bleibt. Das hält meist nicht lange an, und irgendwann bekommt das Buch auch jedes Mal recht schnell wieder die Kurve – aber manches war für meinen Geschmack doch etwas zu langatmig erzählt.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Isabel Abedis neues Buch dürften Mädchen vor allem als Liebesgeschichte lesen – und die Liebe ist ja auch das Hauptthema des Buches. Dass sich darunter auf einer anderen Ebene auch noch ein gewisser philosophischer Ansatz bemerkbar macht, der die Frage danach stellt, wer der Mensch eigentlich ist, gibt dem Buch zusätzlich Tiefe.

„Lucian“ ist eindrücklich erzählt, Isabel Abedi schreibt gekonnt und hat einen Schmöker verfasst, der sicher viele Leser (insbesondere Mädchen) finden wird. Dennoch: Kurze Längen (ein schönes Wortspiel, nicht?) hatte das Buch immer wieder mal. Ansonsten gibt es aber wirklich nicht viel zu kriteln …

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(Ulf Cronenberg, 19.11.2009)

Kommentare (0)

  1. Barbara Beiner-Meßing

    Ich muss zugeben, dass ich „Lucian“ nur angelesen habe, aber ich kenne „Whisper“ und „Imago“ – und mag sie nicht so besonders. Zugegeben, Isabel Abedi kann ziemlich gut Stimmungen beschreiben, aber ich bin ganz einfach kein Mystery-Fan und letztendlich geht es immer wieder darum. In das Fantasy-Genre würde ich die Bücher eigentlich gar nicht einordnen. Aber das ist sicherlich Geschmackssache.
    Ein anderes Buch von Isabel Abedi hat mir im Gegensatz dazu sehr gut gefallen, „Isola“. Es handelt sich um einen Krimi und das ist ja nun mal eher mein Genre. Zwölf Jugendliche befinden sich auf einer einsamen Insel, sie nehmen an einem kameraüberwachten Verhaltensexperiment teil – und geraten in ein mörderisches Rollenspiel hinein.
    Liest sich gut, kann ich nur empfehlen!

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    1. Ulf Cronenberg

      Ja, von „Isola“ habe ich auch Gutes gehört – das Buch würde mich thematisch auch interessieren. Aber angesichts meiner Bücherstapel brauche ich gar nicht daran zu denken, es in nächster Zeit zu lesen. Schade eigentlich …

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  2. Alena

    Ich habe von Isabel Abedi „Whisper“, „Isola“ und jetzt „Lucian“ gelesen, und ich kann mich gar nicht entscheiden, welches ich am besten finden soll! Also, „Isola“ ist definitiv auch lesenswert!

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  3. Isabel Abedi

    Lieber Ulf Cronenberg,
    manchmal geht es andersrum: Mein Verlag – Arena – hat mich auf die gute Buchbesprechung zu Lucian aufmerksam gemacht. So erfuhr ich von dieser Seite, die ich seither regelmäßig besuche. Manchmal sieht man ja vor lauter Wald die Bäume nicht und ich finde es großartig, dass es da ein Forum wie dieses gibt, mit Besprechungen, die nicht zu viel und nicht zu wenig verraten, die einen anregen und mir persönlich schon das ein oder andere neue Lieblingsbuch empfohlen haben.
    Danke und herzliche Grüße
    von Isabel Abedi

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    1. Ulf Cronenberg

      Liebe Isabel Abedi,
      das freut mich, wenn Ihnen Jugendbuchtipps.de gefällt und Sie dadurch schon Lesetipps bekommen haben. Vielleicht wollen Sie ja verraten, welche Bücher, die Sie in letzter Zeit gelesen haben, zu Ihren Lieblingsbüchern gehören? Das wäre sicher nicht nur für mich interessant … 😉
      Viele Grüße, Ulf Cronenberg

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  4. Isabel Abedi

    Lieber Ulf Cronenberg,
    zu meinen „Top 5“ der letzten Monate zählen:
    • „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ von Lauren Oliver
    • „Tote Mädchen lügen nicht“ von Jay Asher
    • „Zweiunddieselbe“ von Mary E. Pearson
    • „Kaputte Suppe“ von Jenny Valentine
    und
    • „Kein Happy End“ von Peter Johnson
    Herzliche Grüße, Isabel Abedi

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    1. Ulf Cronenberg

      Danke! Da sind wir uns ja bei einigen Büchern einig, dass sie gut sind. „Kein Happy End“ habe ich leider nicht gelesen, es liegt aber in meinem Regal. Leider sind die Stapel der Bücher aus diesem Jahr so groß, dass ich es wohl auch nicht so schnell lesen werde.
      Viele Grüße, Ulf Cronenberg

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  5. Isabel Hobi

    Liebe Isabel Abedi,
    zuerst mal ein riesiges Lob! Ich liebe Ihre Bücher! Ich weiß gar nicht, welches mir am besten gefällt. Zuletzt habe ich „Lucian“ gelesen. Nun müssen wir in der Schule einen Text vorlesen, um unser „schönes“ Hochdeutsch zu beweisen (ich komme aus der Schweiz). Jetzt habe ich zwei Fragen zur Aussprache der Namen Lucian und Janne. Werden sie deutsch oder französisch ausgesprochen? Hätte mich an dieser Stelle interessiert. Vielen Dank!

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  6. Isabel Abedi

    Liebe Namensschwester Isabel,
    vielen Dank für dein Lob! Es freut mich sehr, dass dir meine Bücher gefallen – und natürlich auch, dass du Lucian in der Schule vorstellen möchtest. Zu deiner Frage: In meiner Vorstellung werden die Namen deutsch ausgesprochen – Lucian mit einem langen „Lu“ wie in Luzifer und einem „zischenden c“ wie in „ice“. Wenn du mehr HIntergrundwissen haben möchtest, interessieren dich vielleicht auch die Fragen, die andere Leser zu Lucian auf meiner Website gestellt haben:
    http://www.isabel-abedi.de/eure_fragen_anzeige.php?buch_link=000114
    Ein Lesebeispiel aus dem Hörbuch findest du ebenfalls auf meiner Website:
    http://www.isabel-abedi.de/buch_anzeige.php?id=000115
    Ich wünsche dir viel Spaß beim Vorlesen und grüße dich herzlich!
    Isabel Abedi

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  7. Vanessa Pabst

    Liebe Isabel Abedi,
    von unserer Buchhändlerin hier in unserem kleinen Dörfchen wurde mir ihr Buch „Isola“ vorgestellt. Auf den ersten fünf Seiten war ich ein bisschen skeptisch, doch dann wurde es immer spannender und ich habe es bis in die Nacht durchgelesen. Das Buch war super spannend und ich habe es meinen Klassenkameraden und Freunden weiterempfohlen (die meisten lesen es jetzt auch und sind auch positiv überrascht!). Jetzt habe ich mein Taschengeld für ein neues Buch von Ihnen gespart: „Lucian“. Auch das ist total schön und ebenso wieder spannend!
    Liebe Grüße, Vanessa

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  8. Pingback: Buchbesprechung: Isabel Abedi „Die längste Nacht“ | Jugendbuchtipps.de

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