Jugendbuchtipps.de

Buchbesprechung: Morris Gleitzman “Einmal”

Cover GleitzmanLesealter 12+(Carlsen-Verlag 2009, 186 Seiten)

Das Thema Holocaust lässt die Autoren einfach nicht los – aber es ist ja auch gut so, wenn Kindern und Jugendlichen immer wieder neue und gute Bücher zu dem Thema angeboten werden.

Von Jerry Spinelli, einem amerikanischen Autor, ist im Jahr 2006 das Buch „Asche fällt wie Schnee“ auf Deutsch erschienen – ein Buch, das wie „Einmal“ von Morris Gleitzman das Thema Judenverfolgung aufgreift und das ich damals ziemlich aufwühlend fand. Die beiden Bücher (Morris Gleitzman ist übrigens Australier) ähneln sich in vielem – aber dazu später mehr …

Inhalt:

Felix wurde vor knapp vier Jahren von seinen jüdischen Eltern als 6-Jähriger in ein Waisenhaus in den Bergen gebracht, um ihn vor den Nazis, die auch in Polen die Juden verfolgen, in Sicherheit zu bringen. Den wirklich Grund für Felix‘ Aufenthalt im Waisenhaus hat er jedoch nie erfahren – er geht nach wie vor davon aus, dass seine Eltern, wie sie ihm gesagt haben, ihren Buchladen und einiges andere in Ordnung bringen müssen. Von der Judenverfolgung weiß der Junge so gut wie gar nichts.

Beim Essen entdeckt Felix eines Tages in seiner Suppe eine ganze Möhre – so etwas gab es noch nie in dem ärmlichen Waisenhaus. Felix kann es sich nicht anders erklären, als dass ihm seine Eltern damit eine geheime Botschaft übermitteln wollen. Als er kurz darauf ein Auto im Hof vorfahren hört, vermutet er, dass ihn seine Eltern abholen wollen. Doch aus dem Auto steigen Nazi-Soldaten, die später auf dem Hof Bücher verbrennen. Felix schaut zu, kapiert jedoch nicht so ganz, was vor sich geht.

Weil seine Erwartungen enttäuscht wurden, beschließt er, aus dem Waisenhaus zu fliehen und seine Eltern zu suchen – und so stiehlt er sich heimlich davon. Auf dem Weg in die Stadt, wo er seine Eltern und er früher lebten, kommt er auch an einem Bauernhof vorbei, wo kurz vorher Schüsse gefallen waren. Er entdeckt ein Ehepaar, das seltsam verdreht auf dem Boden liegt – die beiden sind tot. Dann bemerkt er ein kleines Mädchen, dass sich kaum rührt, aber noch am Leben zu sein scheint. Er trägt das Mädchen und zieht mit ihm weiter.

Bald darauf erfährt Felix, dass das Mädchen Zelda heißt. Sie fragt nach ihren Eltern, doch Felix bringt es nicht über sich, Zelda zu erzählen, dass ihre Eltern tot sind. So erfindet er für Zelda Geschichten, um ihr nicht die Hoffnung zu nehmen … Und mit Geschichten hilft Felix, als die beiden später auf andere Kinder und einen Mann, der sie aufnimmt, treffen, auch den anderen über die schweren Zeiten hinweg.

Bewertung:

„Einmal“ (Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn) hat mich von Beginn an das schon oben erwähnte Buch von Jerry Spinelli und damit auch an den Film „Das Leben ist schön“ von Roberto Benigni erinnert. Denn Felix ist wie Mischa in „Asche fällt auf Schnee“ ein naiver Junge, der gar nichts von den Kriegs- und Judenverfolgungswirren weiß und entsprechend unbedarft mit den schrecklichen Ereignissen umgeht. Lange Zeit interpretiert Felix die grausamsten Dinge so, als gäbe es für sie einen guten Grund, den er sich zusammenreimt. Als z. B. das erste Mal ein deutscher Soldat sein Gewehr auf Felix richtet, erklärt er sich das so, dass dieser dem Jungen wohl etwas Nervenkitzel verschaffen wolle.

Diese Naivität, mit der Felix Grausamkeiten umzuinterpretieren versucht, tut beim Lesen fast etwas weh, denn sie macht augenfällig, wie schlimm vieles im Dritten Reich für Kinder gewesen sein muss und wie sehr sie sich nach einem normalen Leben gesehnt haben dürften. Allerdings übertreibt es Morris Gleitzman für meinen Geschmack mit dieser Naivität etwas – selbst offensichtliche Grausamkeiten deutet Felix etwas zu lange um – selbst dann noch, als ihm doch längst klar geworden sein müsste, was vor sich geht. Gottseidank bekommt Morris Gleitzman dann jedoch noch die Kurve …

Ab da zeigt das Buch auch seine wahren Stärken. „Einmal“ ist ein Buch, das einerseits deutlich die Grausamkeit der Judenverfolgung beschreibt, andererseits aber junge Leser eben nicht ganz ohne Hoffnung stehen lässt. Felix heißt nicht umsonst „der Glückliche“ (die dt. Bedeutung des lateinischen Wortes), denn trotz der widrigen Umstände schafft es der Junge immer wieder, den Kopf hochzuhalten und sich und seiner Umgebung Hoffnung zu geben – u. a. indem er Geschichten erzählt. Erst kurz vor Ende verliert Felix selbst die Hoffnung und mag auch keine Geschichten mehr erzählen … Doch auch an dieser Stelle bleibt das Buch nicht stehen.

Überhaupt ist Morris Gleitzmans Jugendroman ein kunstvoll angelegtes Buch. Jedes Kapitel beginnt mit dem Wort „Einmal“, als wäre das, was berichtet wird, ebenfalls jeweils eine Geschichte, die auch Felix erzählen könnte. Die Sprache ist – passend zum Erzähler Felix – kindlich naiv angelegt und entfaltet gerade dadurch seine Wirkung. Auch das ist äußerst stimmig.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Es ist eine spannende Frage, ob Morris Gleitzman Jerry Spinellis „Asche fällt auf Schnee“ (das vor dem australischen Original von „Once“ erschienen ist) und auch Roberto Benignis Film „Das Leben ist schön“ kannte. Zumindest gibt es in der Anlage von Morris Gleitzmans Buch deutliche Anleihen bei beiden anderen Werken. Aber egal: „Einmal“ ist in jedem Fall ein Glücksfall für die Kinder- und Jugendliteratur, weil es das schwierige Thema Judenverfolgung kindgerecht, sensibel und trotzdem auf seine Art schonungslos aufgreift.

„Einmal“ lebt nicht nur von der gut komponierten, kunstvollen Geschichte, sondern auch von seinen Figuren. Felix ist ein kleiner Held, der sich im Laufe der Geschichte von einem naiven zu einem fürsorglichen Jungen entwickelt und trotz vieler Grausamkeiten, die ihm begegnen, die Hoffnung nicht aufgibt. Ja, er versucht die Hoffnungsfunken sogar an andere weiterzugeben … Auch andere Figuren (darunter der erst später auftauchende Zahnarzt Barnek) können als Vorbilder angesehen werden.

Bis auf die vielleicht zu lange etwas auf die Spitze getriebene Naivität von Felix kann man an „Einmal“ wirklich nichts Negatives und Kritisches finden. Im Gegenteil: Morris Gleitzmans Buch meistert ein schwieriges Thema mit Bravour.

blau.giflila.gifrot.gifgelb.gifgruen.gif

(Ulf Cronenberg, 13.11.2009)

Lektüretipp für Lehrer!

Wie schon Jerry Spinellis „Asche fällt auf Schnee“ lässt sich auch „Einmal“ von Morris Gleitzman hervorragend im Deutsch- und Geschichtsunterricht (oder noch besser: fächerübergreifend) frühestens ab der 6. Klasse, aber auf jeden Fall ab der 7. Jahrgangsstufe verwenden (für höhere Altersstufen sollte man dann jedoch ein anderes Buch wählen). Wie oben schon ausgeführt wurde, zeichnet sich „Einmal“ dadurch aus, dass es für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren bestens geeignet ist – zudem hat das Buch eine hohe literarische Qualität. Dass Morris Gleitzmans Buch außerdem gleich als Taschenbuch auf Deutsch erscheint, ist ein weiteres Argument für die Verwendung in der Schule.

„Einmal“ ist ein Buch, das sorgsam erlesen werden muss, das man dann aber lohnend im Unterricht einsetzen kann. Es müssen nicht immer „Damals war es Friedrich“ oder „Anne Frank“ sein, wenn es um das Thema Drittes Reich geht …

Kommentare (5)

  1. Christoph Enzinger

    Ohne das Buch gelesen zu haben – das mache ich demnächst! – erinnert mich dieses Geschichtenerzählen eher an „Jakob, der Lügner“ von Jurek Becker.

    Antworten
  2. K.

    Super Buch! Echt toll geschrieben! Und es liest sich sehr leicht. An vier Abenden hat man es locker durch. Sehr empfehlenswert.

    Antworten
  3. Katharina L.

    „Einmal“ ist ein wunderbares Buch, das mich immer wieder berührt. Nach intensiver Auseinandersetzung für meine erste Examensarbeit werde ich das Buch nun mit einer 7. Klasse lesen und bin gespannt auf die Reaktionen.
    Zu empfehlen sind auch die Fortsetzungen „Dann“ und „Jetzt“!

    Antworten
  4. Sybille

    Ich habe alle drei Bücher zuerst selbst gelesen und dann „Einmal“ im Unterricht behandelt – zweimal aufeinander folgend in einer 6. Klasse. Die Reaktion war immer die gleiche: Die Schüler lebten die Geschichte mit, wollten immer mehr Hintergründe wissen, fragten zu Hause nach und etliche kauften oder liehen sich „Dann“ und „Jetzt“. Ein Zeichen dafür, wie wichtig es ist, das Thema Holocaust immer wieder aufzugreifen. „Einmal“ ist selbst für sehr Zartbesaitete gut zu lesen.

    Antworten
    1. Ulf Cronenberg (Beitrag Autor)

      Danke für die Rückmeldung, Sybille. Sie werden alle Deutschlehrer/innen, die das Buch als Lektüre in Erwägung ziehen, zu schätzen wissen …

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.