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Buchbesprechung: Ann Dee Ellis “Es.Tut.Mir.So.Leid.”

Cover EllisLesealter 12+(Thienemann-Verlag 2009, 203 Seiten)

Mein Designer-Herz schlägt schneller, wenn ich ein Buch wie dieses sehe: „Es.Tut.Mir.So.Leid“ von Ann Dee Ellis. Was der Thienemann-Verlag da herausgebracht hat, ist schon große Klasse: ein schmuckes Cover, schön gestaltete Buchseiten mit wechselnden Symbolen zwischen den Buchabschnitten u. v. m. Allein vom optischen Eindruck her, muss man dieses Buch fast schon kaufen.

Was davon Verdienst des deutschen Verlages ist, weiß ich nicht (denn Cover und erste Buchseiten sehen in der amerikanischen Ausgabe genauso aus). Zumindest aber hat Thienemann dann das aufwändige Layout übernommen – und das ist ja auch schon mal was …

Inhalt:

Logan ist ein richtiger Außenseiter und wird von Mitschülern und Gleichaltrigen ständig getriezt, geärgert und gehänselt. Nach einem schlimmen Vorfall, in den Logan und sein Freund Zyler verwickelt waren (was genau passiert ist, erfährt man erst am Ende des Buches) haben Logans Eltern beschlossen, in einen anderen Teil der Stadt umzuziehen. Die Absicht hinter diesem Schritt war, Logan, der von dem Vorfall traumatisiert ist, eine neue Chance zu geben.

Doch leider hat sich auch am neuen Wohnort der Familie nichts geändert. Logans Klassenkameraden wissen auch hier Bescheid – wobei die Gerüchteküche alles überschäumen lässt: dass Logan schon an der alten Schule ein Außenseiter war, dass er in etwas Schlimmes verwickelt war und dass sich insbesondere Mädchen vor ihm in Acht nehmen sollten. Vor allem Bruce und seine Kumpel, die zu allem Überfluss auch noch in dieselbe Pfadfindergruppe wie Logan gehen, haben Logan auf dem Kieker und lassen keine Gelegenheit aus, ihn zu beschimpfen und zu ärgern.

Logans Eltern versuchen, ihrem Sohn beizustehen, und möchten gerne mit ihm über all das reden – doch Logan versucht krampfhaft, den Eindruck zu erwecken, dass alles in Ordnung sei. Das nimmt ihm natürlich niemand ab – seine Eltern sind jedoch zugleich ratlos und wissen nicht, was sie tun sollen.

Dann erscheint wenigstens ein kleiner Lichtblick am Horizont. Laurel, ein Mädchen in Logans Klasse, scheint sich von den Hetzereien der anderen nicht anstecken zu lassen und versucht über Zettelchen mit Palindromen (rückwärts wie vorwärts gleichlautende Wörter und Sätze) Kontakt zu Logan aufzunehmen …

Bewertung:

Das Buch der Amerikanerin Ann Dee Ellis (ihr erstes übrigens) beschreibt auf recht unverkrampfte Art und Weise die Geschichte eines Jungen, der von seinen Mitschülern drangsaliert wird und über die Schuld an einem Vorfall, die er sich selbst gibt, nicht hinweg kommt. Was da aus Logans Sicht erzählt wird, ist mitunter bedrängend und geht dem Leser unter die Haut. Das kommt vor allem daher, weil es Ann Dee Ellis gelingt, sich gut in die Gefühlswelt eines Jungen zu versetzen und diese unverfälscht in Worte zu fassen.

Die sprachlichen Mittel, die dabei gewählt werden, sind etwas Besonderes. Das sieht dann z. B. wie folgt aus (Seite 66):

Dr. Benson: Es ist jetzt an dir, etwas zu sagen, Logan.
Ich:
Mom: Schatz, es ist in Ordnung.
Ich:
Ich musste da raus.

Die Sprachlosigkeit von Logan, der einerseits immer wieder bedrängt wird, doch mit der Sprache herauszurücken, was passiert ist und passiert, der andererseits aber nie weiß, wie er auf die Hänseleien der anderen reagieren soll, wird durch die Wiedergabe solcher Dialoge eindrücklich verdeutlicht. Die Not von Logan findet so ihren Ausdruck. Dazwischen wird der Text immer wieder aufgelockert, indem die Zettelchen zwischen Laurel und Logan abgebildet sind.

„Es.Tut.Mir.So.Leid“ (Übersetzung: Eva Plorin) gelingt es jedenfalls, sehr authentisch eine Mobbing-Geschichte zu erzählen, die dem Leser einiges klar macht: u.a. dass die Täter oft selbst in anderen Kontexten (z. B. zu Hause) Opfer sind, dass Opfer versuchen, alles mit sich selbst auszumachen und nichts über die Hänseleien erzählen, weil sie sich ihrer schämen, etc. Zwischendrin ging es mir beim Lesen so, dass ich fast ein bisschen genervt war, weil Logan sich einfach nicht dazu aufraffen kann, etwas zu sagen, sich zu wehren und/oder sich anderen anzuvertrauen … Doch letztendlich wird eben genau dadurch das Problem beschrieben, in dem Mobbing-Opfer häufig feststecken: dass sie sich viel zu lange dagegen wehren, Hilfe zu suchen und anzunehmen.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Ann Dee Ellis Erstlingswerk ist ein gelungenes Buch über das Thema Mobbing, das einfühlsam und trotzdem schonungslos beschreibt, wie ein Junge mit dem Gehänseltwerden umzugehen versucht. Nicht nur Logan, sondern auch seine Umwelt reagiert darauf vollkommen hilflos – und genau das kann man bei Mobbing-Opfern wirklich oft beobachten. Ganz alleingelassen wird der Leser dabei nicht, denn am Ende bewegt sich doch noch etwas …

Dass dem Thienemann-Verlag darüber hinaus ein kleines typografisches Wunderwerk gelungen ist, sei außerdem erwähnt. Besonders gut gefallen haben mir auch die letzten zehn Buchseiten (aber die müsst ihr euch in einem Buchladen selbst anschauen). Sicherlich sehr viel Mühe, die sich aber gelohnt hat, war es auch, die Palindrome vom Englischen ins Deutsche zu übersetzen.

„Es.Tut.Mir.So.Leid“ ist ein rundum gelungenes Buch, das zeigt, wie schwer es für Jugendliche ist, mit Schuld (denn Logans Situation hat auch etwas damit zu tun, dass er seinen Freund Zyler in einem entscheidenden Moment im Stich gelassen hat) und Mobbing umzugehen. Etwas schwer tue ich mich damit, dem Buch eine Altersempfehlung zu geben. Zum Alleinelesen würde ich in Übereinstimmung mit dem Verlag 12 Jahre angeben. Als begleitete Schullektüre kann man (siehe Lektüretipp unten) jedoch vielleicht schon etwas früher zu dem Buch greifen.

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(Ulf Cronenberg, 10.09.2009)

Lektüretipp für Lehrer!

Mit dem Thema Mobbing wird in vielen Schulen eher hilflos umgegangen – was meist nicht am fehlenden Willen seitens der Lehrer, sondern meiner Einschätzung nach eher an fehlendem Wissen liegt. „Es.Tut.Mir.So.Leid“ ist ein Buch, mit dessen Hilfe man sich im Deutschunterricht einer 6. Klasse mit dem Thema auseinandersetzen kann. (Für jüngere Schüler, finde ich, ist das Buch jedoch zu anspruchsvoll und deutlich – für ältere Schüler dürfte das Buch in manchem zu kindlich angelegt sein.)

Das Schöne an Ann Dee Ellis‘ Buch ist dabei, dass es nicht nur im Bezug auf das Mobbing- und Schuldthema im Deutschunterricht etwas zu besprechen hat. Man kann mit Schülern sicher auch viel Spaß haben, wenn diese sich nach eigenen Palindromen auf die Suche machen. Und szenisch lassen sich Teile des Buches sicher auch nachstellen.

Kommentare (0)

  1. Brita

    Ich versuche seit Wochen, das Buch zu lesen, aber bekomme es nicht in die Finger: Ich hatte es nach dem Kauf nur kurz auf dem Esstisch liegen lassen und seitdem ist es „verschwunden“. Soll heißen, meine Töchter haben es sich zuerst unter den Nagel gerissen und seitdem macht es bei ihren Freundinnen die Runde. Wenn das so weiter geht, kaufe ich es wohl ein zweites Mal (ich kann es ja dann verschenken).

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  2. Alice Gabathuler

    Ich habe das Buch verschlungen. Was für eine Erzählsprache! Was für eine Geschichte!

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  5. Doretta

    Ich habe das Buch mit einer 7. Klasse Gymnasium gelesen: Sensationell auf allen Ebenen! Absolute Empfehlung. Bekam sogar positive Rückmeldungen von Eltern, die das Buch verschlungen haben …

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