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Buchbesprechung: Deborah Ellis & Eric Walters "Ansichtssache"

Cover Ellis & WaltersLesealter 13+(Jungbrunnen-Verlag 2009, 207 Seiten)

Autorenduos, die gemeinsam ein Jugendbuch verfassen, gibt es eher selten. Die beiden Kanadier Deborah Ellis und Eric Walters, die schon viele sozial engagierte Bücher veröffentlicht haben, haben sich jedoch zusammengetan, um eine Buch über die Probleme zwischen Kanadiern und Einwanderern sowie über die Vorurteilen Ausländern gegenüber zu schreiben. „Bifocal“ heißt das Buch auf Englisch im Original – was so viel bedeutet wie, dass eine Sache von zwei Standpunkten in Blick genommen wird.

Inhalt:

Haroon ist in Kanada geboren – ebenso wie schon seine Eltern. Doch seine Vorfahren kommen aus Afghanistan und sind damals, um der Unterdrückung zu entgehen, nach Kanada geflüchtet. Bis auf den muslimischen Glauben, den die Familie jedoch nicht so ernst nimmt, und ihre leicht braune Hautfarbe weist ansonsten nichts mehr auf die Herkunft von Haroons Familie hin, die sich völlig in das Leben einer kanadischen Großstadt integriert hat.

Jay dagegen kommt aus einer weißen Familie und geht auf dieselbe Schule wie Haroon. Er ist ein wichtiger Spieler des Baseballteams – und mit Kevin, dem Mannschaftsführer, sowie Steve bekommt er eines Tages in der Schule mit, dass diese großräumig abgeriegelt wird. Alle Schüler sollen das Gebäude verlassen, und vor der Schule stehen sehr viele Polizeiautos. Die drei kommen der Aufforderung, das Gebäude zu verlassen, nicht nach, sondern beobachten vom Schulhausdach aus, wie Spezialtruppen das Gebäude stürmen. Außerdem werden zwei fremdländisch aussehende Jungen mit Handschellen abgeführt. Kurz vor dem Polizeiwagen wird der eine von ihnen freigelassen, während der andere in den Streifenwagen gezerrt wird.

Schnell spricht sich in der Schule herum, was passiert ist. Die Polizei hat angeblich einen Ring gefährlicher Muslime, der Terroranschläge vorbereitet hat, verhaftet – darunter eben auch Azeem, einen Schüler, der bisher nie aufgefallen war. Der andere zunächst verhaftete Junge war Haroon – doch dabei handelte es sich um ein Versehen, auch wenn sich kurz darauf das Gerücht verbreitet, dass Haroon Azeem der Polizei ausgeliefert und diesen verraten hätte.

Die Vorgänge spalten die Schülerschaft. Haroon kannte Azeem zwar kaum, kann sich aber nicht vorstellen, dass dieser einen Terroranschlag mit vorbereitet hat. Einige von Jays Mannschaftskollegen dagegen sind da schon skeptischer – und schon bald häufen sich an der Schule blöde Sprüche fremdländisch aussehenden Mitschülern gegenüber …

Bewertung:

Dass Deborah Ellis und Eric Walters da ein wichtiges Thema aufgegriffen haben, steht außer Zweifel. Spätestens seit dem 11. September 2001 mit dem Terroranschlag auf das World Trade Center hat sich nicht nur in Amerika die Wahrnehmung muslimisch aussehender Menschen verändert und ist – um es eher beschönigend zu sagen – sicher deutlich skeptischer geworden.

Der englische Titel „Bifocal“ drückt recht genau aus, wie das Buch aufgebaut ist: Jay und Haroon erzählen abwechselnd aus ihrer Sicht, was passiert. Manchmal berichten sie dabei von gleichen Dingen aus einer unterschiedlichen Perspektive, meistens jedoch wird die Geschichte immer von einem der beiden fortgeführt. Beide Jungen, die sich nur vom Sehen kennen, nehmen vieles ganz unterschiedlich wahr, sie bewegen sich außerdem in unterschiedlichen Freundeskreisen.

An sich ist das alles gut und abwechslungsreich erzählt. „Ansichtssache“ ist zwar nicht wahnsinnig spannend, hat aber durchaus seinen Reiz, der durch die abwechselnde Perspektive zustande kommt. Schwarzweißmalerei wird dabei geschickt vermieden: Denn auch Haroon zeigt sich im Laufe des Buches nicht unbedingt frei von Vorurteilen – und zwar auch einem muslimischen Mitschüler gegenüber.

Jedoch ist mir das Buch an einigen Stellen doch etwas zu plakativ und zeigt recht deutlich seine pädagogische Absicht – die Intention hinter dem Buchprojekt hätte durchaus etwas weniger offensichtlich sein dürfen. Dass Haroons Schwester Zana, die vorher nie ein Blatt vor den Mund genommen hat und keinerlei religiöser Anwandlungen verdächtigt werden konnte, plötzlich in der Burka (dem muslimischen Frauengewand) herumläuft, ist so ein Moment, der dann vielleicht doch ein bisschen übertrieben ist. Da hilft es auch nicht, dass Zana dem Kleidungswechsel gegenüber eine reflektierte Haltung zeigt. Ähnlich geht es einem beim Lesen an der ein oder anderen Stelle immer wieder …

Fazit:

4 von 5 Punkten. Ein gutes Buch, das die Themen Panikmache und Vorurteile thematisiert, ist „Ansichtssache“ in jedem Fall. Es leistet so etwas wie den Transfer von Auswirkungen großer politischer Themen (in diesem Fall: Anschläge durch extremistisch muslimische Kreise) auf die persönliche Ebene – und wie sich das äußern kann, erfährt man in dem Buch. Geschickt haben Deborah Ellis und Eric Walters dabei darauf verzichtet, Schuldige auszumachen … Denn ob die Vorwürfe Azeem gegenüber, der von der Polizei angeführt wird, richtig sind, wird letztendlich nicht verraten und bleibt offen.

Immer wieder einmal war mir die Absicht hinter dem Buch jedoch zu offensichtlich. Und auch wenn die Botschaft des Buches zu begrüßen ist, ein bisschen weniger davon hätte die Geschichte reifer und noch interessanter werden lassen.

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(Ulf Cronenberg, 26.07.2009)

P.S.: Ein etwas gründlicheres Lektorat wäre für „Ansichtssache“ wünschenswert gewesen. Das Buch hat nicht nur einige Rechtschreibfehler, sondern enthält für meinen Geschmack zu viele österreichische Begriffe und Redewendungen (z. B. „Bewerb“ statt „Wettbewerb“). Das würde zu einem Buch passen, das im Original in Österreich erschienen ist und dort spielt – jedoch nicht zu einem Buch, das aus dem kanadischen Englisch übersetzt wurde.

P.P.S.: Der Jungbrunnen-Verlag hat zu Recht darauf hingewiesen, dass Begriffe wie „Bewerb“ oder „Einvernahmen“ (= Verhöre) der österreichischen Sprachvariante angehören, über die ich als deutscher Leser eben stolpere. Also gut, ich sehe ein, dass die Kritik in meinem P.S. etwas kleinkariert ist.

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